Die Volksfestwatsche 1

Treffen der Musketiere

„Wo seid’s denn ihr?“, flucht Franz Reisenbichler atemlos in sein Mobiltelefon, während er schnellen Schrittes über den Stadtplatz in Richtung Messegelände eilt. „Beim Ledererturm, und du?“, antwortet Axel Hebenstreit, der heute den Lehner Roli als seinen Aramis dabei hat. „Auf Höhe Bestatter“, schnauft Porthos Reisenbichler zurück. „Zah’ an, du Oaschloch“, schreit der Hebenstreit ausgelassen, und es ist hochwahrscheinlich, dass zwischen Athos und Aramis bereits ein kleines Vorglühen in der Hebenstreitschen Dachterrassenwohnung stattgefunden hat. „Ich komm’ schon, wartet! Bin fast beim Puff“, ächzt Franz Reisenbichler, bevor er links in die Pollheimerstraße einbiegt. „Tu weiter! Wir warten vor der Hettlage, und der Durst plagt uns wie nicht gescheit. Ah, ich seh’ dich eh schon“, ruft Roli Lehner von hinten über die Hebenstreitsche Schulter ins Telefon und winkt dem sich im Laufschritt nähernden Reisenbichler zu. Wenige Augenblicke später sind die Musketiere vereint.

Die Volksfestwatsche 2

Probebeleuchtung

Heute ist der berühmt-berüchtigte Vorabend zum Volksfest. An diesem Abend findet traditionellerweise die sogenannte Probebeleuchtung statt. Wie der Name schon sagt, wird im Rahmen der Probebeleuchtung – die Einheimischen sagen Probebefeuchtung – gewissenhaft überprüft, ob die Abläufe in den Bierzelten und Weinhallen sitzen, und ob die Fahrgeschäfte und Klohäuser ordnungsgemäß funktionieren. „Wo fangen wir denn an?“, fragt der Hebenstreit und stellt die Alternativen zur Wahl: „Gehen wir zuerst ins Zelt und dann in die Allgemeine oder umgekehrt?“ „Wir könnten auch zuerst ins Weindorf gehen, dort der Jugend beim Komasaufen zuschauen und dann über den Vergnügungspark in die Allgemeine rüber“, erweitert der Lehner den Begehungsplan. Doch Franz Reisenbichler winkt ab: „Ich hab’ einen Durst“, sagt er, „und wenn ich einen Durst hab’, dann geh’ ich zunächst einmal ins Bierzelt, nicht in die Weinhallen. Meinetwegen können wir auf dem Weg dorthin gerne den Vergnügungspark mitnehmen, weil durch müssen wir ja so oder so, aber mehr nicht.“ „Passt!“, sagt der Hebenstreit und der Roli ruft freudig: „Sounds like a plan!“, womit die Marschrichtung für den heutigen Abend grob vorgegeben ist.

Früher war die ganze Stadt angesichts einer Probeleuchtung in Aufruhr. Egal ob affirmativ oder ablehnend, eine Probebeleuchtung ließ in der Region niemanden kalt: „Heit’ gibt’s nur ein Gas, Vollgas!“, zeigten sich die Lebenshungrigen und insbesondere –durstigen zu allem bereit – „Hoffentlich passiert nix!“, rangen die Ängstlichen die Hände, weil Nasenstüber, Schwitzkästen, Schulterwürfe und Faustschläge sowie kleinere bis mittelgroße Vandalenakte integrative Bestandteile einer jeden Probebeleuchtung darstellten. Aufgrund der schieren Menge an Alkohol vor- und verkostenden Menschen, die mit fortschreitender Stunde ihr Sprachvermögen sukzessive an ersteren verloren, war es auch kein Wunder, dass das Sicherheitsrisiko stieg. Man musste daher nicht verblüfft oder gar traurig sein, wenn man eine blutige Nase oder eine Platzwunde ausgefasst hatte. Das war vielmehr eine Bestätigung, dass man da gewesen war.

Dennoch: Wer nicht steinalt oder augenscheinlich unter dem erforderlichen Mindestalter war, ließ es sich im Normalfall nicht nehmen, bei diesem Testabend im Dienste der Allgemeinheit dabei zu sein und sicherzustellen, dass für das große Fest an den darauffolgenden Tagen auch alles saß und passte. Und selbst wenn man keine Lust hatte oder die ganze Veranstaltung von Grund auf ablehnte, alleine um mitreden zu können, war man letztendlich doch vor Ort.

Die Volksfestwatsche 3

„Ochsenbraterei“

Vom frivolen Glanz des einstigen Probebeleuchtungszaubers ist heute freilich nicht mehr viel übrig. Ein schwacher Schimmer vielleicht, der allerdings jeden Moment zu erlöschen droht.
„Ja scheiß mich an, da ist ja überhaupt nix los“, kommentiert der Lehner Roli die triste Besuchersituation am Gelände. Wo sich früher die Leute aus Platzmangel gegenseitig auf die Füße traten und förmlich hindurchschoben, wo die ländliche Bevölkerung aus der Umgebung bereitwillig den Führerscheinentzug riskierte, um nur ja ausreichend Präsenz in den Wein- und Bierhallen und im berüchtigten Vergnügungspark zu zeigen, taumeln heute ein paar Jugendliche verloren umher, denen die bunt leuchtenden Fahrgeschäfte und der ganze angebotene Trubel vollkommen egal sind. „Die trinken Hugo oder irgendwas mit Eristoff im Weindorf und sind glücklich“, bemerkt der Hebenstreit abgeklärt, als die Musketiere eine Gruppe Jugendlicher mit schief aufgesetzten Schirmmützen passieren. „Keine Autodrom-Kultur mehr?“, fragt der Reisenbichler, der die letzten zwanzig Jahre im Ausland verbracht hat. „Kein Herumhängen im windigen Tunnel der St. Petersburger Schlittenfahrt? Kein Kopfstand mehr im Round-up?“, fährt er mit seinen eigenen Jugenderinnerungen fort. „Nix“, antworten Arthos und Aramis unisono, „gibt’s nimmer.“

Auch die ewig rauflustigen Delegationen aus Sipbachzell, Peiskam oder Eberschwang blieben seit Jahren aus, was wiederum negative Auswirkungen auf die Besuchsfrequenz der Stänkerer aus den eigenen Reihen nach sich gezogen habe. „Tempi passati“, sagt der Hebenstreit, und der Roli wiederholt: „Dempi passati.“ Die Probebeleuchtung habe leider, leider ihre Originalität verloren. „Schlimmer noch“, philosophiert er weiter, „sie ist zu einer profitgierigen Möchtegern-Ausgabe des (Münchner) Oktoberfests verkommen!“
Als wollte die Wirklichkeit diese These bestätigen, erreichen die drei in derselben Sekunde das nach süddeutschem Vorbild benannte Bierzelt „Ochsenbraterei“, aus dem ein herzhaftes „Oans, zwoa, gsuffa“ herausschallt. „Ochsenbraterei?“, regt sich Franz Reisenbichler augenblicklich auf, „Hier hat es doch wohl einmal „Kaiser-Bierhalle“ geheißen, oder etwa nicht?“ Nur dieser Name sei korrekt, so der Reisenbichler. „Immerhin wurde und wird hier Kaiser Bier ausgeschenkt, Ochsen hingegen werden augenscheinlich keine gebraten.“ „Scheiß dich nicht an, Reisenbichler“, schreit der Hebenstreit bereits vollends im Partymodus, „willst’ saufen oder diskutieren?“

 
Darauf weiß Franz Reisenbichler keine passende Antwort. Stattdessen fallen ihm die Worte seiner Frau, der Frau Reisenbichler, ein: „Reg dich nicht wieder sinnlos auf, Franz, du weißt ja, wie das endet.“, hat sie zu ihm gesagt, als er vor einer halben Stunde frisch geduscht den gemeinsamen Haushalt verlassen hat. Wenn es etwas gibt, das der Reisenbichler mit Sicherheit weiß, dann dass seine Frau mit ihren Empfehlungen noch nie daneben gelegen ist. Der Franz würde das natürlich keinesfalls öffentlich zugeben, nicht in diesem Leben und auch nicht im nächsten. Allerdings sitzt irgendwo hinter der Stirnplatte seines mächtigen Sturschädels ein vernunftbegabtes Zentrum, das Frau Reisenbichler einst mitbegründet hat und das heute beinahe fehlerfrei arbeitet. Und weil der Reisenbichler tatsächlich genau weiß, was passiert, wenn er sich aufregt, lässt er die schnöde Nomenklatur-Diskussion ebenso wie die wenig nützliche Einst-und-jetzt-Evaluierung beiseite und zieht lieber zusammen mit den anderen Musketieren in das brodelnde Geschehen der „Ochsenbraterei“ ein.

Die Volksfestwatsche 4


Grillhuhn und Achselschweiß

Vorne im Eingangsbereich hat der private Sicherheitsdienst STA (Security Team Austria) Stellung bezogen. Die bis an die Hälse tätowierten Mitarbeiter tragen dunkle STA-Overalls und Handschuhe und sind für den Fall des Falles mit Schlagstöcken, Pfefferspray und Handschellen ausgerüstet. Auffallend ist, dass auch ein paar finster dreinblickende Mädchen mit schwarzen Schildkappen dem Security-Team angehören, was der Reisenbichler fortschrittlich, der Roli hingegen lächerlich findet.

Die ehemalige „Kaiser-Bierhalle“, die nunmehr „Ochsenbraterei“ heißt, steht unter Dampf: Bei tropischem Klima vermengen sich Grillhuhnaromen mit dem Geruch von verschüttetem Bier und einer gigantischen Geräuschkulisse. Zigarettenqualm und menschliche Ausdünstungen runden den atemberaubenden Brodem in der Halle ab.
„Hier sind wir richtig“, sagt der Hebenstreit und bleckt die Zähne. Er muss schreien, damit ihn die anderen verstehen. Der Roli nickt und hält den Daumen nach oben. Franz Reisenbichler sagt ansatzlos, „Drei Bier!“, zu einer ein riesiges Tablett mit 20 Bierkrügen balancierenden Kellnerin, die hoch konzentriert an ihm vorbeieilt. „An der Bar vorn’“, bleibt sie höflich und macht eine Kopfbewegung in die ihr entgegengesetzte Richtung. Dem Reisenbichler kommt es so vor, als hätte er einen Doppler-Effekt wahrgenommen, so schnell ist die Kellnerin an ihm vorübergelaufen und in einer der kilometerlangen Tischreihen wieder verschwunden.

 
Auf dem Weg zur Bar kommen die drei am ViP-Bereich vorbei, der sich aus mehreren Biertisch-Garnituren zusammensetzt und von einem kleinen Holzzaun eingefriedet ist. Den Ehrenbereich, in dem Politik und Wirtschaft trachtig beisammensitzen, betritt man durch einen Torbogen aus Holz, über dem „Bacchus-Hain“ geschrieben steht. Der juvenile Bürgermeister, der zum ersten Mal nicht als einfacher Gast, sondern in seiner Funktion als bieranstechendes Stadtoberhaupt an der Probeleuchtung teilnimmt, wirkt in der knielangen neuen Lederhose und den schweren Haferlschuhen etwas tapsig, scheint aber gut drauf zu sein, weil er allenthalben Leuten zuwinkt und dabei freundlich über das ganze Gesicht strahlt. Allein die metallische Kälte seines Brillengestells verrät ihn letztendlich. Unterdessen schütteln Stadträte unterschiedlicher Couleurs über den Holzzaun hinweg Hände, während die Geschäftsleute eine Runde nach der anderen spendieren. Auch ein paar Adabeis haben es in den inneren Kreis geschafft, worüber sie gleichermaßen stolz und glücklich sind.

 
„Bestell’ mir auch gleich eines mit!“, ruft der Roli dem Reisenbichler nach, der sich als erster zur Bar vorgearbeitet hat. „Mir auch!“, plärrt der Hebenstreit, „Ich zahl’s dir eh!“ „Drei Bier“, wiederholt der Reisenbichler seine Bestellung von vorhin, diesmal mit Erfolg. Der Bestellvorgang wiederholt sich in kürzester Zeit und mit verteilten Rollen mehrere Male, sodass die Musketiere endlich nicht mehr das Gefühl haben, auf dem Trockenen zu sitzen.

Die Volksfestwatsche 5

Austro-Pop

In der Zwischenzeit hat auch die siebenköpfige Musikformation „Dahoam“ nach einer wohlverdienten Pause wieder die Bühne betreten. „Dahoam“ wissen, was sie tun. Sie beginnen ihr Spätabend-Set mit einem Austropop-Block, eingeleitet von Wolfgang Ambros’ brachialkritischem „Zwickt’s mi“. Danach folgt die Trinkerschnulze „Zwischen 1 und 4“ von Rainhard Fendrich, und spätestens als die Band „Für immer jung“ (Heller, Ambros) anstimmt, hat sie das Publikum vollends im Sack. Vereinzelt steigen Fans auf Tische und schwenken brennende Feuerzeuge und Biergläser über Kopf hin und her.

 
Selbst Athos und Aramis, die so wie auch Porthos Reisenbichler mittlerweile beim vierten Glas Bier angelangt sind, wiegen sich genussvoll im Takt. „Waun du wühst“, singt der Roli dem Hebenstreit zu, „Waun du wirklich, wirklich wühst“, echot jener zurück, „Bleibst’ immer ju-u-ung“, singen am Ende beide.

 
Dann, unvermittelt, wenn auch nicht überraschend, eine Prosit-Einlage. Die Leute erheben sich und singen mit. Der Frontman von „Dahoam“, der eine frappante Ähnlichkeit mit Michael Heltau hat, bringt einen Toast aus: „Zickezacke, zickezäcke – sauft ihr Säcke“, schreit er ins Bühnenmikrofon. „Sauf du Sack“, gibt das Publikum unisono zurück. „Danke!“, brüllt Heltau, „Bitte“, das Publikum, woraufhin der Bürgermeister eine Runde Bier auf die Bühne hinauf servieren lässt.

 
Die Trunkspende motiviert den „Dahoam“-Frontman zu einer kleinen Ansprache, in der er die zahlreichen Verdienste des Bürgermeisters würdigt, worauf im „Bacchus-Hain“ ein paar Hände bravo klatschen. Die Laudatio endet mit einem neuerlichen „Zickezacke“, dann geht es weiter mit dem Musikprogramm.

„Wo willst’ denn hin?“, fragt der Hebenstreit den Reisenbichler besorgt, weil er meint, dass sich der Franz womöglich schon zum Heimgehen anschickt. „Wasser tauschen“, antwortet jener über die Schulter und begibt sich auf den Weg zur nördlich der „Ochsenbraterei“ gelegenen Kloanlage. Der Hebenstreit überlegt kurz, ob er mitkommen soll, beschließt aber, weil er gerade die nächste Runde bestellt hat, noch ein bisschen durchzuhalten. „Passt, wir sind da“, gibt er dem Reisenbichler zu verstehen, aber der ist bereits in der Menge verschwunden.

Die Volksfestwatsche 6

Zoff am Lokus

Die nur einen Steinwurf entfernte Kloanlage ist ein befestigter, flacher Bau, weiß getüncht und mit diskret schmalen Oberlichten im Über-Kopf-Bereich. Aus gutem Grund vollverfliest, ist sie die letzte Anlage des Geländes mit einer sogenannten Pinkelrinne.

Pinkelrinnen-WC-Anlagen sind die Dinosaurier der öffentlichen WC-Technik. Sie haben den Vorteil, dass sie von Männern unterschiedlicher Größe gleich gut und in viel höherer Anzahl gleichzeitig benutzt werden können als beispielsweise Urinal-Anlagen (egal ob mit oder ohne Schamwand), was bei Großveranstaltungen mit hohem Besucherandrang ein deutliches Plus darstellt. Nachteile sind der sehr hohe Wasserverbrauch – aus Hygienegründen muss die Wand oberhalb der Rinne ununterbrochen bewässert werden –, der schlechte Geruchsverschluss und das nicht von der Hand zu weisende Faktum, dass Boden und Kleidung im weiten Umkreis des Benutzers zwangsläufig verunreinigt werden. Darüber hinaus bietet diese Spielart der öffentlichen WC-Technik keinerlei Diskretion, was nicht nur für Männer, die unter Paruresis leiden, eine gewisse Belastung darstellt.

Zum Zeitpunkt des Reisenbichlerschen Zwischenstopps ist die alte Anlage stark frequentiert. Breitbeinig stehen Erleichterung suchende Benutzer Schuh an Schuh nebeneinander, während die Vollverfliesung das Zischen der unentwegt arbeitenden Wasserdüsen zusammen mit den unterschiedlichsten Männergesprächsfetzen in den hallenden Raum zurückwirft. Der Franz muss kurz anstehen, bis er an der Rinne ist.

Links von ihm schwankt ein jugendlicher Probebeleuchtungsgast im Rhythmus seines Frühabendrausches vor und zurück und monologisiert Unverständliches. „Sprachverlust“, konstatiert der Reisenbichler trocken, ohne sich weiter um den Jungen zu kümmern. Zu seiner Rechten verrichtet ein bulliger kleiner Mann mit kegelförmigem Oktoberfest-Hut, heruntergeklapptem Lederhosenlatz und Händen so groß wie Wagenräder sein Geschäft.

„Ois a ewiger Kreislauf“, lallt der Mann, seinem Wasser hinterdrein, während er sich mit der Stirn an der Verfliesung abstützt und unter erheblichen Gleichgewichtsproblemen auf das Geschehen zwischen seinen Füßen starrt. Dann wendet er sich Bestätigung suchend an den Franz: „Oder vielleicht net?“, will er wissen, und auf seiner braun gebrannten Brust schaukelt ein filigranes Goldkettchen mit Kreuzanhänger hin- und her.

„Sowieso“, gibt jener amüsiert und leicht berauscht zurück, fügt aber dummerweise und ohne nachzudenken hinzu: „Grausen sollt’ einem halt nicht vor den ganzen Kreisläufen hier drinnen.“ „Wie meinst’ des? Was soll i net?“, entgegnet der Bulle, der eindeutig auf der Suche nach einem Konflikt ist, gereizt und mit feindseligem Unterton. „Willst’ vielleicht sagen, dass i grauslich bin?“

Franz Reisenbichler, der das Unvermeidliche bereits kommen sieht, möchte das Missverständnis rasch aufklären und schaut in einer Art fehlgeschlagenen Übersprungshandlung zu seinem Nachbar mit den großen Händen hinüber. „Was schaust’ mi denn so deppert an?“, steigert sich jener augenblicklich in ein erstes Ragestadium hinein. Als der Franz kurz wegschaut, folgt auf den Fuß die nächste Eskalationsstufe: „Schau mi’ g’fälligst an, waun i mit dir red’“, schneidet ihm der Mann mit nach wie vor herunter geklapptem Lederhosenlatz jeglichen Ausweg ab und baut sich in eindeutiger Absicht vor dem Franz auf.

Die Volksfestwatsche 7

Flucht durch List

Drinnen in der „Ochsenbraterei“ erreicht die Stimmung ihren ersten Höhepunkt. „Dahoam“ lassen ein Hit-Trommelfeuer vom Stapel, das die Menge zum Kochen bringt: Am Beginn der musikalischen Klimax steht „Da Joker“ (in der Version von Ostbahnkurti und der Chefpartie), gefolgt von Falcos „Der Kommissar“, für dessen Interpretation Michael Heltau eigens eine dunkle Sonnenbrille aufsetzt. „Du bist a moderne Hex“ falsettiert die knackige Chorsängerin von „Dahoam“ daraufhin in der Tradition von „Nickerbocka“, und mit Georg Danzers legendärem „Weiße Pferde“ kommt das Programm schließlich wieder ein wenig zur Ruhe.

Zur Musik räkelt sich neben vielen anderen auch ein in unmittelbarer Nähe von Athos Hebenstreit und Aramis Lehner befindliches Mädchen mit knackiger Figur und langen dunklen Haaren. Sie trägt hauteng anliegende Bluejeans, dazu ein weit geschnittenes ärmelloses Tank Top, das großzügige Einblicke gewährt und ihren türkisen Netzbüstenhalter prominent in Szene setzt. Sie ist wahnsinnig gut gelaunt und umarmt hin und wieder freundschaftlich die Burschen, mit denen sie unterwegs ist, sowie noch viele andere mehr. Dabei lacht sie fröhlich und sieht dabei genauso aus wie der drollige Esel aus dem Animationsfilm „Shreck“.

Keine hundert Meter von diesem fröhlichen Schauplatz entfernt sieht Franz Reisenbichler seine Chancen auf eine unbeschädigte Rückkehr in die „Ochsenbraterei“ gegen null sinken: Da sowohl das Hin- als auch das Wegschauen über kurz oder lang einen gewalttätigen Übergriff bedeuten, sind jetzt die Reisenbichlersche Imaginationskraft und Fantasie dringend gefragt. „Schau mal, da drüben!“, versucht es der Franz (eher aus Verzweiflung) mit einem traditionsreichen Ablenkungsmanöver und macht eine Kopfbewegung in Richtung Ausgang, der im Rücken von Erwin Baldauf, wie der Bulle im bürgerlichen Namen heißt, gelegen ist.

Der aus Unterhillinglah (Gemeinde Fraham) stammende Gerüstbauer ist in Polizeikreisen kein Unbekannter. Ebenso wie seine Brüder Ernst und Edwin kann auch der Erwin, der als besonders gewaltbereit gilt, auf eine vorstrafenreiche Karriere als regionaler Schläger und Raufbold verweisen. Zuletzt wurde er verurteilt, weil er im Bierzelt-Trubel der Rieder Messe einem älteren Mann, der versehentlich von seinem Bier getrunken, als Vergeltungsmaßnahme das halbe linke Ohr abgerissen hatte.

Womit freilich niemand – der Franz am wenigsten – gerechnet hätte, ist, dass Erwin Baldauf auf die Reisenbichlersche „Schau mal, da drüben“-List hereinfällt und sich tatsächlich in Richtung Ausgang umdreht. Als er bemerkt, dass man ihn hereingelegt hat, sieht er dunkelrot und möchte dem Franz augenblicklich die Gliedmaßen aus den Gelenken drehen. Aufgrund seines alkoholbedingten Vertigos muss er jedoch für einen Moment zurück in den Stirnstütz. Diesen Augenblick der Schwäche weiß Franz Reisenbichler zu seinen Gunsten zu nutzen. Blitzschnell packt er zusammen, duckt sich nach hinten weg und sprintet flugs aus der weiß verfliesten Höhle hinaus.

Nach seiner Rückkehr zu den Musketieren ist dem Reisenbichler die Lust am Feiern vorerst vergangen. Er will nach Hause. „Wos is?“, johlt Axel Hebenstreit in Bestlaune, „Hast’n leicht nicht g’funden?“ Mit dem Zeigefinger in Richtung Hosentüre deutend, dreht er sich zum Roli, und beide müssen laut lachen. Dem Reisenbichler, der grundsätzlich ein Freund des handfesten Witzes ist, kommt im Moment kein Grinser aus. Zu tief sitzt ihm das Bullen-Erlebnis noch in den Knochen. Weil aber der Hebenstreit eine neue Runde frisch Gezapftes ausgibt und „Dahoam“ zu einem weiteren unwiderstehlichen Prosit inklusive „Zickezacke“ aufspielen, lässt er fünf gerade sein und bleibt noch ein bisschen zu Gast in der ehemaligen „Kaiser-Bierhalle“.

Die Volksfestwatsche 8

Zuspitzung

Man muss zu Erwin Baldaufs Verteidigung sagen, dass er im Moment, als ihm der Reisenbichler entwischt, mindestens eine Flasche „Schweres Wasser“ intus hat und nicht mehr gut denken kann. Mit „Schwerem Wasser“ ist nicht etwa die chemische Verbindung D2O gemeint, sondern eine „autochthone“ Schnapsmarke, die ausschließlich auf dem Festgelände und dort nur von „Fredis Schnapsbus“, einem mobilen Messekuriosum mit aufklappbarer Seitenwand, ausgeschenkt werden darf. Wirt und zugleich Fahrer des Schnapsbusses ist tatsächlich ein Mann namens Fredi (kein Nachname, nur „Fredi“), der sein „Schweres Wasser“ (Alkoholanteil: 56%) mit Entzücken an Jugendliche und Betrunkene ausschenkt und auch selbst ein bedingungslos treuer Kunde seiner rollenden Schänke ist.

Wäre der Erwin wie gesagt nur ein bisschen nüchterner gewesen und hätte er sich nicht abstützen müssen, dann wäre ihm der Franz nie und nimmer durch die Lappen gegangen! Die verpasste Gelegenheit macht den Bullen nun so fuchsteufelswild, wie er sich nicht entsinnen kann, jemals gewesen zu sein. Unter Aufbietung seiner letzten Konzentrationsreserven klappt er den Lederhosenlatz nach oben und knöpft ihn fest. Dann taumelt er mit Anlauf aus der alten WC-Anlage hinaus ins Freie und blickt wild um sich.

Auf dem Weg zurück ins Bierzelt, in dem sich die anderen Baldauf-Brüder bereits fragen, wo denn der Erwin bleibt, verschafft er sich zwischenzeitlich etwas Erleichterung, indem er einem x-beliebigen Passanten einen Rempler versetzt, der jenen mehrere Meter dahinstolpern und Kopf voran auf dem Asphalt aufschlagen lässt. Ungerührt steigt Baldauf über den regungslos am Boden liegenden Körper hinweg und stürzt – immer noch geladen wie eine Glock – in die „Ochsenbraterei“ hinein.

Franz Reisenbichlers Stimmung ist nach den ersten Schlucken vom neuen Glas Bier dabei, sich aufzuhellen. Als „Dahoam“ den volkstümlichen Schlager „Geboren, um dich zu lieben“ von Nik P. interpretieren, wippt seine Schuhspitze sogar im Takt der Musik, während der Hebenstreit und der Roli aus vollem Hals mitgrölen und ausgelassen in der Menge tanzen. Dabei werfen sie sich begeisterte Blicke zu und sind durch nichts zu bremsen. „Alle für einen!“, kreischt der Hebenstreit irgendwann vor Begeisterung, woraufhin der Roli spiegelverkehrt „Einer für alle!“ zurückjubelt.

Als sich der Franz gerade zu den beiden Freunden durchschlagen möchte, um das unerfreuliche Klo-Erlebnis endgültig hinter sich zu lassen, fällt ihm ein Mädchen um den Hals, dessen Lächeln ihn in der Sekunde an den Esel aus dem Animationsfilm „Shrek“ erinnert. „Denk dir nix!“, flötet sie, „heut’ ist Probebefeuchtung.“ Dann schlingt sie ihre Arme und Beine um den Franz und lädt ihn leicht geöffneten Mundes dazu sein, sie zu küssen.

Dem Franz ist die plötzliche Intimität der Unbekannten nicht ganz recht. Vergeblich versucht er, sich aus ihrer Umklammerung zu befreien, bis eine ihm leidlich bekannte Stimme die peinliche Szene abrupt beendet: „Erika!“, brüllt der Bulle aus Unterhillinglah, worauf das Eselchen wie vom Blitz getroffen ihr Objekt der Begierde freigibt. Es stellt sich heraus, dass sie die jüngste Schwester der Baldauf-Brüder und heute zum ersten Mal mit auf einer Probebeleuchtung ist.

Die Volksfestwatsche 9

Es kracht

„Die Sau vom Klo!“, entfährt es Erwin Baldauf, als er erkennt, um wen es sich bei jenem Lanzelot handelt, den die Erika da umklammert hatte.

Dann kehrt eine innere Ruhe, wie er sie seit vielen Jahren nicht mehr erlebt hat, in den Erwin ein. Nach außen hin tobt weiterhin sein Wutausbruch, an dessen dramaturgischem Höhepunkt er dem Franz gestisch mit dem Durchschneiden der Kehle droht, während er innerlich von einer selten dagewesenen Zufriedenheit – vielleicht sogar Demut – durchdrungen wird: Der Liebe Gott hatte ihm nach langer Zeit endlich wieder einen Anlass geschenkt, einen lupenreinen Anlass, die Dinge und sich selbst ins Lot zu bringen. Im konkreten Fall, bei dem der Sachverhalt aus seiner Sicht eindeutig war, würde man die Schuld nicht bei ihm suchen. Dieses Mal sei er derjenige, dem Unrecht widerfahren war.

Abgesehen von den Beleidigungen drüben in der WC-Anlage, muss er jetzt auch noch seine kleine Schwester vor einer Nötigung bewahren, hinzu kommen die vielfältigen Ärgernisse des Alltags, da läuft irgendwann jedes Fass über. Bei seiner nächsten, unmittelbar bevorstehenden Gewalttat läge somit eine ganze Reihe an Umständen vor, die ein jeder halbwegs vernünftige Richter als mildernd beurteilen müsse.
Und während sein berauschter Verstand noch um diese und ähnliche absurde Gedanken kreist, versetzt ihm sein gedrungener Körper einen Adrenalinstoß, der ihn stiergleich nach vorne in Richtung Reisenbichler stürzen lässt.

Der seelische Zustand von Franz Reisenbichler verhält sich umgekehrt reziprok zu dem seines Angreifers: Obwohl er ebenfalls eine elementare Aversion gegen seinen Widersacher empfindet, wütet in seinem Inneren eine Mischung aus Angst und Panik, die ihn erstarren und nach außen hin paradoxerweise ruhig und gefasst erscheinen lässt. Für einen kurzen Moment fällt dem Franz seine Frau, die Frau Reisenbichler, ein, wie sie jetzt daheim auf dem Sofa sitzt und unter dem Schein der Leselampe friedlich ein Buch liest. Neben ihr auf dem Beistelltisch dampft eine gemütliche Tasse Tee. Weiter kann er dieser Vision nicht folgen, da sein Gegner bereits auf ihn zustürmt.

„Der Herr wird dir geben“, faucht Erwin Baldauf, als er seine Faust auf die Reise schickt. Seine Vorteile gegenüber dem Franz sind die ihm angeborene Kraft und Furchtlosigkeit, seine alkoholbedingte Instabilität und bescheidene Intelligenz wirken sich hingegen negativ aus. Der Unterhillinglaher Raufbold setzt seine Attacke – „Fredis Schnapsbus“ sei Dank – dermaßen ungeschickt in die Tat um, dass es dem Franz gelingt, unter dem Schlag hinwegzutauchen und so den unmittelbaren Gefahrenbereich zu verlassen. Fast sieht es danach aus, als würde die Baldaufsche Faust unverrichteter Dinge ins Leere sausen, da schlägt sie krachend in einem Alternativziel ein…

Ein Aufschrei geht durch die Menge, als der juvenile Bürgermeister, der exakt hinter dem unheilvollen Szenario ein Tänzchen gewagt hatte, schwer getroffen in sich zusammensackt. Jemand ruft „Attentat“, ein anderer „Polizei“, ein Dritter „Wir brauchen an’ Arzt“. Sekunden später unterbrechen „Dahoam“, die den Tumult bemerken, ihr Programm. Der Saal kommt zum Stillstand, irgendwo zerspringen die Gläser eines herunter gefallenen Tabletts. Um den bewusstlosen Bürgermeister, dessen Körper gespenstisch-groteske Zuckungen ausführt, bildet sich eine kreisförmige Lichtung. Neben ihm auf dem Boden liegt seine Brille, die in zwei Teile zerbrochen ist. Am Rand der Lichtung drängen sich neugierige Bierzelt-Besucher. Sie wollen zumindest einen Blick auf das verunfallte Stadtoberhaupt erhaschen oder gar ein Handy-Video aufnehmen, was einigen auch gelingt. Zwei Kollegen, mit denen der Bürgermeister vorhin gemeinsam im „Bacchus-Hain“ gezecht hatte, eilen ihm zu Hilfe und halten die potenziellen Redakteure in Schach.

Ein zufällig anwesender Mediziner mit gepflegtem dunklen Haar gibt sich als solcher zu erkennen – „Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt!“, ruft er souverän, als wäre er gerade einer US-amerikanischen TV-Serie entstiegen. Dann schiebt der Doktor die Schaulustigen beiseite, kniet sich neben den Bürgermeister und führt eine Erstuntersuchung durch. Ein paar Minuten später hat dessen Körper die Wirkung des Schlages so weit verdaut, dass er zu sich und – gestützt von den beiden Kollegen – auch wieder auf die Beine kommt. Benommen klopft sich der Bürgermeister den Schmutz von der Lederhose und sucht unbeholfen nach seinem Tiroler Hut, der ihm durch die Wucht des Schlags vom Kopf geflogen ist. Er hat überhaupt noch nicht realisiert, was gerade passiert ist. „Geht schon wieder“, murmelt er stadtmännisch und winkt in die starrende Menge, dabei hat er ernsthafte Verletzungen: Die Lippe ist aufgeplatzt und blutet stark, und zu allem Überfluss ist ein Schneidezahn ausgebrochen. Wie sich später im Klinikum herausstellt, hat er auch eine Gehirnerschütterung erlitten, sodass er den Amtsgeschäften eine Woche fernbleiben muss.

Die Volksfestwatsche 10

Finale grande

Erwin Baldauf, der sich wie ein Terrier gegen eine Überwältigung durch die Security wehrt und dabei noch anderen Personen einen ambulanten Aufenthalt im Spital beschert, wird schließlich von den Mitgliedern des STA-Teams erfolgreich niedergerungen und fixiert. Eine halbe Dose Pfefferspray und etliche Stockschläge sind nötig, bis er aufgibt und in Handschellen der Polizei übergeben werden kann. Die beiden anderen Baldauf-Brüder wollen zwar helfen, können aber angesichts der Übermacht an Security-Personal und Polizei nicht viel tun, außer wüste Beschimpfungen auszustoßen. Franz Reisenbichler verspürt eine gewisse Genugtuung, als er nach der kurzen Befragung durch die Beamten sieht, wie Erwin Baldauf im Bauch einer grünen Minna verschwindet, die sich gleich darauf in Richtung nahegelegener Justizanstalt in Bewegung setzt.

Der Krankenwagen mit dem angeschlagenen Bürgermeister ist noch nicht abgefahren, da wird das auf diversen Social-Media-Plattformen publizierte Video seines Knock-outs bereits zum 100. Mal angesehen. „Dahoam“-Sänger Heltau, mittlerweile wieder auf der Bühne, ruft den Leuten das übergeordnete Ziel des Abends in Erinnerung. „So meine Lieben, Schwamm drüber, weiter geht’s! The show must go on!“, erklärt er enthusiastisch durch das Mikrofon, nicht ohne dem Bürgermeister auf diesem Wege noch alles Gute zu wünschen. Dann zählt der Drummer die nächste Nummer ein, und „Dahoam“ legen los, als ob es nie eine Unterbrechung gegeben hätte. Zwei Songs später ist die Stimmung vollständig wiederhergestellt, und kaum jemand denkt noch an die brutale Szene.

Auch für die Musketiere bedeutet der Sturz des Bürgermeisters eine Art Neubeginn ihres geselligen Beisammenseins, denn vom „Nach-Hause-Gehen“ ist nun wirklich keine Rede mehr. „Jetzt zahl ich!“, ruft der Reisenbichler, der ausgesprochen erleichtert ist, bloß mit dem Schrecken davon gekommen zu sein. Draußen bei „Fredis Schnapsbus“ kauft er eine Flasche „Schweres Wassers“, das in 4cl-Dosen den Folgebieren der Musketiere beigemengt wird. „Auf ex!“, schreit der Roli, „Einer für alle!“, der Hebenstreit, und die drei bleiben bis in die frühen Morgenstunden der „Ochsenbraterei“ erhalten.

Am nächsten Tag knapp vor Mittag, Franz Reisenbichler hat keine Erinnerung daran, wie er nach Hause gekommen ist, entdeckt er auf dem Couchtisch im Wohnzimmer einen Zettel mit einer Nachricht von seiner Frau, der Frau Reisenbichler:

Lieber Franz!
Stell dir vor, ich bin heute schon seit 5.34 Uhr wach, genau genommen seit dem Zeitpunkt, als du nach Hause gekommen bist. Gemessen am Lärm und den Schäden, die du verursacht hast, muss dein Zustand „kritisch“ gewesen sein.
Die Pendeluhr im Wohnzimmer (dein geliebtes Erbstück) ist zerbrochen, ebenso wie einer unserer Küchenstühle. Wie du das hinbekommen hast, ist mir ein Rätsel! Das ekelhafte Malheur mit der Vase im Halbstock bringst du bitte selbst wieder in Ordnung – am besten auf der Stelle. Putzmittel sind im Keller.
Auf deinen alkoholischen Atem und dein infernalisches Schnarchen im Schlafzimmer möchte ich nicht weiter eingehen. Zusammenfassend vielleicht nur so viel: Ich hätte dich für klüger gehalten.
Ich fahre jetzt ins Fitness-Studio und komme gegen 15.00 Uhr wieder nach Hause. Bis dahin sollte alles besser so aussehen, wie wir es gewohnt sind.

Gruß
R.

P.S.: Essen ist nicht im Kühlschrank!

Der Franz weiß aus der Vergangenheit genau, was es bedeutet, wenn seine Frau mit „R.“ unterzeichnet. Es ist eine Art Warnung, die mit einer trügerischen Ruhe ausgesprochen den ultimativen Sturm ankündigt. Ein Unwetter, in das man besser nicht hineingerät – zumindest nicht absichtlich. Daher räumt der Reisenbichler ohne Zeit zu verlieren die kaputte Pendeluhr in die Garage, hängt alle derangierten Bilder wieder gerade und wirft den zerbrochenen Stuhl auf den Sperrmüll. Die verunreinigte Vase säubert er tapfer, auch wenn ihm dies das Letzte abverlangt. Am Ende ist jede Überwindung besser als eine nachhaltige Verstimmung seiner Frau Reisenbichler.

Nachdem der Franz den Wünschen aus dem Fitness-Studio entsprochen hat, lässt er sich inklusive Tageszeitung in dasselbe Sofa fallen, auf dem er gestern in höchster Not seine Frau bei einer Tasse Tee sitzen sah. Ein „Zzzd, zzzd!“ seines Telefons signalisiert den Erhalt einer SMS-Nachricht – Absender: Axel Hebenstreit. In der kleinen Sprechblase auf dem Display ist ein gequält dreinblickender Smiley mit eingebundenem Kopf abgebildet, mehr nicht. Der Reisenbichler muss schmunzeln und fasst sich an den eigenen, schmerzhaft pulsierenden Brummschädel.

Er nimmt die Zeitung zur Hand, in der gleich auf der ersten Seite das arg zugerichtete Gesicht des Bürgermeisters abgebildet ist. „Stadtoberhaupt krankenhausreif geprügelt – Täter in Haft.“, titelt das Blatt. Der anschließende Artikel, eine Räuberpistole der übelsten Sorte, berichtet von zwei stadtbekannten Raufbolden, die wegen einer Frau in Streit und schließlich aneinandergeraten seien. Der hiesige Bürgermeister sei entschlossen dazwischen gegangen, um die beiden zu trennen. Dabei sei er von einem der beiden attackiert und brutal niedergeschlagen worden…

„Stadtbekannte Raufbolde“, wiederholt der Reisenbichler und wirft die Zeitung angewidert in die Ecke.
Das Handy-Video bringt es zur selben Zeit auf unglaubliche 150.000 Aufrufe und 60.000 Likes. Knapp vor der 200.000er-Schwelle wird es aus „persönlichkeitsrechtlichen Gründen“ vom Netz genommen. User papilaya666, der den Clip hochgeladen und verbreitet hat, wird auf freiem Fuß angezeigt.

„Mir ist so schlecht“, textet der Roli dem Hebenstreit, worauf jener „Einer für alle“ zurückschreibt und den Smiley mit eingebundenem Kopf ans Ende der Nachricht setzt.

Vier Wochen später bei der Gerichtsverhandlung zeigt sich Erwin Baldauf gut drauf und alles andere als einsichtig. Hartnäckig pocht er auf eine Reihe von zum Teil absurden Milderungsgründen, die das Urteil des Richters im Endeffekt nicht beeinflussen. Nach einer Verurteilung wegen Nötigung und schwerer Körperverletzung wechselt er für die nächsten 3 Jahre von Unterhillinglah in die Strafvollzugsanstalt Suben, aus der er nicht vorzeitig entlassen wird. Die zivilrechtlichen Ansprüche, die der Bürgermeister nach seiner Genesung und dem Erwerb einer neuen Brille gegen ihn geltend macht, werden ihn und die anderen Baldaufs lebenslänglich ruinieren, aber das weiß er noch nicht.

A. Hochmair (2016)