Pizzafahrt

Nr. 2 sitzt friedlich am Boden und ist in die Lektüre eines Buchs mit Tieren vertieft. Auf jeder Seite wird ein neues Tier vorgestellt. Der seitliche Rand des Bildbands ist wie ein Registerheft aufgebaut, nur dass statt Buchstaben akustische Schaltflächen angebracht sind, die auf Knopfdruck über einen kleinen Lautsprecher den Ruf des jeweils präsentierten Tieres wiedergeben. Nr. 2 scheint das Gebrüll und Gejaule und Gefiepse ungemein zu beruhigen. Sie sagt überhaupt nichts und lächelt selig.  

Nr. 1 ist langweilig. Sie jammert herum und stellt unbeantwortbare Fragen.  

Pizza mit Smiley

P: He, Nr. 1?

Nr. 1 (langgezogen): Hm?

P: Kommst du mit?

Nr. 1: Wohin denn?

P: Pizza holen!

Nr. 1 (interessiert): Mit dem Auto?

P: Ja klar, mit dem Auto.

Nr.1: Oh ja, Pizza holen, Pizza holen, Pizza holen!

 

Sie springt freudig zu einem Paar „Elsa-Ballerinas“, das sie im Nu anhat, während Nr. 2 seit Minuten einen Pottwal aufröhren lässt. Augenblicke später verschwindet Nr. 1 in ihrem Schalensitz auf der Rückbank des Familienwagens.

 

Nr. 1 (als sich das Auto in Bewegung setzt): Wo fahren wir denn hin?

P: Na in die Stadt.

Nr. 1: Ach so! (Unvermittelt) Wo ist denn die Omi?

P: Daheim wahrscheinlich.

Nr. 1: Wieso ist die immer daheim?

P: Na weil sie dort gerne ist!

Nr. 1: Ich bin auch gerne daheim und bin nicht immer dort.

 

P fängt an, die Unterhaltung anstrengend zu finden. Er versucht das Thema zu wechseln.

 

P: Bist du schon hungrig?

Nr. 1: Nein. Wo ist der Opa?

P: Zum 100. Mal: Der Opa ist auf Kur.

Nr. 1: Und wo ist er da?

P: Im Burgenland!

Nr. 1: Und ist der Opa ein bisschen tot?

P (fassungslos): WAS?! Um Himmels willen nein, natürlich nicht!

Nr. 1 (unbekümmert): Tun sie ihn nur ein bisschen reparieren?

P: Sozusagen – ja genau, sie reparieren ihn. (Bei sich) Du meine Güte noch einmal!

Nr. 1: Welche Pizza hab’ ich denn?

P: Du bekommst die mit Schinken und Käse, die du selbst ausgesucht hast.

Nr. 1: Ich mag aber keinen Käse.

P (triumphierend): Dafür ist zur Sicherheit ja auch noch Schinken drauf.

Nr. 1: Ich mag aber keinen Schinken.

P (reicht es): Dann isst du halt – ach, was weiß denn ich, den Teig! Aber irgendetwas isst du, so viel steht fest.

Nr. 1:  Ein Erdbeereis vielleicht.

P: Sicher kein Erdbeereis und schon gar keine Schokolade!

 

P schaut in den Rückspiegel und sieht, wie Nr. 1 im Bildausschnitt hingebungsvoll schmollt.

 

Nr. 1 (nach nicht einmal einer Minute): Aber dann vielleicht das Runde.

P: Welches Runde denn?

Nr. 1: Na das Gelbe, das so knuspert…

P (fällt es wie Schuppen von den Augen): Chips?! Das wär’ ja noch schöner! Chips sind kein Essen, merk’ dir das.

Nr. 1: Aber gestern hab’ ich auch Chips gegessen.

P: Gestern war eine Ausnahme!

Nr. 1: Was ist eine Ausnahme?

 

P beißt sich auf die Lippen und verstärkt den Druck auf das Lenkrad. Zum Glück findet er eine Parklücke unmittelbar vor dem Pizzalokal, in die er den Wagen schwungvoll hineinzirkelt.

 

P (erfreut): Glück muss man haben!

Nr. 1: Wenn ich groß bin, kann ich auch in einen Parkplatz fahren.

P: Natürlich kannst du das.

Nr. 1 (mit erhobenem Zeigefinger): Aber erst wenn ich groß bin!

 

Das italienische Restaurant ist gut besucht. Zwischen den Tischen schwirrt eine ganze Schar an austro-italienischem Servicepersonal in weißen Hemden und dunklen Hosen umher.

 

Kellner (radebrechend zu Nr. 1): Ciao bellissima! ´asta du eine Pizza bestellt? Is’a lecker, ä?

Nr. 1 (empört): Nein, drei (hebt drei Fingerchen in Richtung Kellner) haben wir bestellt, nicht eine!

Kellner (amüsiert): Oh! Allora 3 pizze per la piccola principessa. Subito!

Nr. 1: Wieso redet der Mann so? Ist der aus Lignano?

P: Möglich, aber auf jeden Fall ist er aus Italien.

Nr. 1: Ist Italien auch in Lignano?

P (lacht): Schon, aber eigentlich ist Lignano in Italien.

Nr. 1: Ok.

 

Der Kellner kommt und übergibt drei Pappkartons, in denen die fertigen Pizzas dampfen. P bezahlt.

 

Kellner: Grazie, signore e ciao bellissima (wirft eine Kusshand)!

Nr. 1 (kühl): „Bonn Schorno!“

 

Der Kellner gerät beinahe außer sich vor Freude und wirft zum Abschied weitere Kusshände.

 

Nr. 1: Fahren wir jetzt wieder zur Mutti?

P: Jetzt fahren wir wieder zur Mutti und zu Nr. 2.

Nr. 1 (unvermittelt): Nr. 2 stinkt, weil sie noch eine Windel hat.

P:  Aber, aber, meine Dame, du hast auch lange Zeit eine Windel getragen! Die hat ebenfalls nicht nach Parfum gerochen.

Nr. 1: Aber jetzt nicht mehr.

P: Nein, jetzt nicht mehr.

Nr. 1: Ich mag jetzt keine Pizza mehr holen, ich mag nach Hause.

P: Wir fahren ja schon nach Hause, gleich sind wir daheim! Und dann essen wir unsere leckeren Pizzas.

Nr. 1 (fängt an zu heulen): Ich mag aber keine Pizza, ich mag Erdbeereis!

 

P lässt im Geiste die nicht vorhandene Trennwand zwischen Lenker und hinterem Fahrgastraum hochfahren und biegt in die Einfahrt ein. Aus dem Hausinneren grölt der Pottwal, dessen nervenzerfetzender Gesang Nr. 2 besonders zu entzücken scheint.