Der Schmerz zum Fenstertag

Ein Mikrodrama in 2 Akten über die Praxis der Arztpraxen in Österreich

Schauplätze sind unterschiedliche Facharztpraxen, die von ein- und demselben Anrufer, der offenbar substanzielle Schmerzen leidet, mit der Absicht kontaktiert werden, einen Termin für eine Untersuchung zu vereinbaren.

 

Erster Akt – Kassenärzte


Erster Anruf, erstes Telefonat

Der Überlastete

Das Telefon läutet ca. eine Minute lang. Dann meldet sich die „Warum immer ich?“-Stimme der Sprechstundenhilfe.

„Ordination Dr. Rantsig, hallo? Ja, es ist sehr viel los heute bei uns. Worum geht’s denn…?  Akut, sagen Sie – Schmerzen, aha. Ich verstehe. Jetzt hören Sie mir mal zu: Wir haben hier 10 Patienten vor Ihnen, die haben auch akute Schmerzen, sagen sie. Wie? Was heißt hier keine ausreichende medizinische Versorgung? Die medizinische Grundversorgung ist durch Ihren Hausarzt gegeben. Gehen Sie dorthin, da bekommen Sie eine Tablette. Und ansonst fahren’s eben in die Unfallambulanz! Hallo? Hm, aufgelegt – unerhört.“

 

Zweiter Anruf, zweites Telefonat

Die „Das Boot ist voll“-Praxis

Das Telefon läutet ca. eine halbe Minute, dann wird der Hörer kurz abgenommen und wieder aufgelegt. Beim zweiten Versuch kommt das Gespräch zustande.

„Ordination Dr. Hammer, Grüß Gott! Ja, aufgelegt – ein Versehen, tut mir leid. Ja korrekt, wir haben „alle Kassen“. Schon, aber wir nehmen keine Patienten mehr auf, leider. Gell? Sie haben akute Schmerzen…? Unerträglich?  Glaub‘ ich Ihnen. Dennoch, ich darf Sie…, ja ich verstehe, ich darf Sie trotzdem nicht annehmen. Wenn Sie es überhaupt nicht mehr… – bitte nicht in diesem Ton – also wenn Sie es…, wenn sie es überhaupt nicht mehr aushalten, dann versuchen Sie es bitte – bitte hören Sie mir zu – versuchen Sie es in der Unfallambulanz. Stimmt, einen besseren Rat habe ich nicht.“

 

Zweiter Akt – Wahlärzte


Erster Anruf, erster Autoresponder

Der Wählerischeanrufbeantworter-detewe-message-800-106-min

Der Anrufbeantworter des Primarius springt noch vor dem ersten Mal Läuten an.

„Primar Dr. Doldinger, guten Tag! Unser Telefon ist im Moment nicht besetzt. Termine werden ausschließlich zu den Ordinationszeiten, am Dienstag von 15.00 bis 16.00 Uhr und am Donnerstag von 16.30 bis 17.00 Uhr vergeben.“

Der Primarius ist kein Arzt für jedermann. Seine Dienste muss der Patient vom Grunde seines Herzens begehren, um ihn muss er sich ernsthaft bemühen, andernfalls hat er beim Doktor, der sich seine Moribunden aussuchen kann, nur wenig Terminvereinbarungsaussichten. Dafür bespricht jener das Band persönlich.

 

Zweiter Anruf, zweiter Autoresponder

Der „Fuck Hippokrates“-Doc

Vielsagende Kommunikationsstrategie eines Arztes, der es offenbar geschafft hat und für den Geld sowie auch alles andere (außer ihm selbst) keine Rolle mehr zu spielen scheint: Der Apparat gelobt mit der freundlichen Stimme des Doktors einen baldigen Rückruf, der allerdings nie stattfindet.

„Ordination Dr. Warzer, Grüß Gott! Bitte hinterlassen Sie uns Name und Telefonnummer, wir rufen Sie umgehend zurück.“

„Wer’s glaubt, wird selig!“, ließe sich bei dieser spaßigen Ansage noch fugenlos hinzufügen.

 

Dritter Anruf, dritter Autoresponder

Der Genussarzt und Freizeitenthusiast

Über den Anrufbeantworter, den der Doktor selbst besprochen hat, weht dem Patienten der Geruch von Sonnenöl, Meer und Motorbootabgasen ins Gehör. Die Kurzurlaubslust des höchstwahrscheinlich braun gebrannten Arztes ist in jeder Silbe spürbar.

„Ordination Dr. Valerius, Grüß‘ Sie Gott! Sie rufen außerhalb unserer Ordinationszeiten an. Ordinationszeiten sind von Mo – Mi von 09.00 – bis 16.00 Uhr, Donnerstag von 14.30 Uhr bis 18.00 Uhr und Freitag von 08.00 Uhr bis 11.00 Uhr. Übrigens: Diesen Donnerstag und Freitag bleibt unsere Ordination geschlossen ebenso wie am kommenden Montag und Dienstag. Ein schönes verlängertes Wochenende!“

 

Vierter Anruf, erstes Telefonat

Der menschliche Anrufbeantworter

Der Doktor hat die rangniedrigste seiner Rezeptionsgehilfinnen zum Journaldienst verpflichtet, damit auch während seiner Abwesenheit stets ein Hauch von Menschlichkeit durch die leere Praxis geistert.

„Ordination Oberarzt Dr. Markus Matthias. Hallo? Schmerzen, sagen Sie. Aha? Und akut auch noch! Puh, das tut mir leid. Aber ich kann Ihnen da nicht helfen. Der Herr Doktor ist heute nämlich nicht da. Ich hab‘ nur Telefondienst. Wie…? So wie ein menschlicher Anrufbeantworter, sagen Sie? Ja, stimmt irgendwie, [kichert] hihihi. Haben Sie es eigentlich schon mit der Unfallambulanz versucht?“

Ästhetische Entzauberung

Ein Trauerspiel in wenigen Sätzen

Minion not amused © not by Bloghaus

© not by Bloghaus

Nr. 1 beobachtet P. beim Abräumen des Frühstückstischs. Sie trägt einen Pyjama, der sich aus einem ärmellosen, weißen Shirt mit aufgedruckten Minionsfiguren und einer hellblauen kurzen Hose zusammensetzt. Ihr Mund ist nutellaverschmiert. Auch P. hat die Morgengarderobe noch nicht abgelegt. Seine bloßen Füße stecken in abgetragenen roten Pantoffeln, die vorne spitz zulaufen und in deren Rist ein (verblichenes) Wappen eingearbeitet ist. Dazu ein T-Shirt in Übergröße, das weit über die Hüften hinabreicht. Seine nackten, molkeweißen Beine erleuchten die Küche, in der er schlafwandlerisch herumhantiert.

Nr. 1 (zu Frau Nr. 1): Was ist denn das für ein rosa Fleck, in dem die Haare drinnenstecken?
Frau Nr. 1: Das, mein liebes Kind, nennt man Glatze.
Nr. 1 (wie eine Erkenntnistheoretikerin): Ah ja, Glatze! P. hat also eine Glatze.
Nr. 2 (hysterisch): Ja! Glatze, Glatze, Glatze!
P.: …

Daraufhin beißt Nr. 1 ungerührt in den Rest ihres Nutellabrots, während Frau Nr. 1 ein äußeres (und inneres) Lachen nicht unterdrücken kann. Nr. 2 tanzt ausgelassen eine rätselhafte, ganzkörperperformante Choreografie (womöglich einen Glatzentanz). Und P.? P. ist derweilen lautlos im Badezimmer verschwunden, wo er seine Kopfhaut mit einem koffeinhaltigen Präparat zu vitalisieren versucht.