Der kleine Hund tut nichts

Der kleine Hund springt also kreuzfidel und wie ein geölter Blitz um die naturgemäß nicht einsehbare Ecke am hinteren Ende des Supermarkts, wo er an dessen Flanke einen Mann entdeckt, der gerade dabei ist, mit genüsslich gegrätschten Beinen den – höchstwahrscheinlich – bierbedingten Druck in seiner Blase zu egalisieren. Der kleine Hund verknüpft – von außen nicht sichtbar – mit dieser Grätsche sogleich eine Übung, die ihm „Vati“ vor wenigen Tagen beigebracht hatte. Jener Vati, der nun etwa 40 Meter hinter ihm her keucht und abwechselnd seinen Namen, „Stopp!“, „Komm!“, „Aus!“ und „Wirst du wohl?“ ruft. 

Der kleine Hund mochte Vati durchaus gerne, sah ihn aber eher als Kumpel denn als Chef oder gar Vorgesetzten. Entsprechend optional schätzte er auch dessen Befehle ein. Er befolgte grundsätzlich nur jene, die ihm in irgendeiner Weise vergnüglich erschienen. Man muss vielleicht dazusagen, dass der kleine Hund im diametralen Gegensatz zu seinem Spitznamen ein schwarzer, zotteliger Schäferhund von stattlicher Größe und mit einem strahlend scharfen Scherengebiss ist, dessen Anblick auch routinierten Hundehaltern Respekt einflößt. Dass er im Geiste noch ein Kind war und nichts Böses außer Jux und Tollerei im Sinn hatte, war ebenfalls von außen nicht ersichtlich. Stattdessen kamen dem befangenen Betrachter Zeitungsmeldungen über Beißattacken und zerrissene Gliedmaßen in den Sinn.

Der kleine Hund jedenfalls ruft in der Sekunde, als er die gegrätschten Beine des Mannes sieht, eine Verknüpfung ab, die er instinktiv umzusetzen gedenkt. Jene nämlich, die er sonst nur auf das Kommando „Mitte!“ ausführt: Bei diesem Manöver schlüpft er von hinten zwischen die (leicht gegrätschten) Beine seines Kumpels Vati, um dort in einem strammen Sitz mit erwartungsvoll in den Nacken geworfenem Zottelkopf sitzen zu bleiben und auf eine Belohnung zu warten. 

In der Sekunde als Vati etwas außer Atem um die Ecke biegt, um ihn mit einem Leckerli mittlerer Qualität zu sich zu locken, beginnt der kleine Hund mit der Durchführung. 

Die Rückseiten von Supermärkten bzw. die Flächen, die nicht in die Kundenwahrnehmung fallen, sind in der Regel triste Orte: Zumeist sind ein paar Waschbetonplatten verlegt, aus deren Fugen ungehindert Gras wächst und auf denen Müll und Katzenfutter liegt. Natürlich darf auch das große, mit dunkelbraun verfärbtem Wasser gefüllte Gurkenglas nicht fehlen, in dem die Supermarkt-Mitarbeiter kurzgesaugte Pausenzigarettenstummel ablöschen und zwischenlagern. Solange niemand qualmt, bleiben diese Orte öde und verlassen. 

Heute ist freilich eine Ausnahme, da sich angesichts des kleinen Hunde-Theaters bereits eine Menschenmenge gebildet hat, die nun angeregt über den weiteren Fortgang des Stücks spekuliert: „Der beißt ihm die Eier ab, so viel steht fest! Sobald der sich rührt, sind sie weg.“, „Awa geh, so ein liebes Hunderl! Wieso muss dieser Mensch auch ausgerechnet dorthin schiffen? Wenn das ein jeder macht!“ „Es ist immer der Halter schuld, nie der Hund. Da legen sie sich solche Rassen zu, und dann können’s nicht umgehen damit!“ etc. 

„Er tut nichts!“, ruft Vati unnötigerweise, während der Mann, zwischen dessen Beinen der kleine Hund nun brav in Sitzposition gegangen ist, völlig verständnislos dreinschaut. „Am besten nicht bewegen. Ignorieren Sie ihn einfach!“ Allmählich zeichnen sich einzelne, deutlich qualifizierbare Elemente des zunächst ausdruckslosen Blicks im Gesicht des Versteinerten ab: Angst, Alkoholrausch und Panik blitzen auf und vielleicht auch ein kleines bisschen Hoffnung. Wenigstens sein Gemächt hatte der Versteinerte in letzter Sekunde zurück in die Hose stopfen können, aber jetzt weiß er wirklich nicht, wie es weitergeht.    

Der kleine Hund blickt indes treuherzig zwischen den Beinen des unfreiwilligen „Figuranten“ empor und wartet auf die obligatorische Belohnung. Von dort kommt freilich nichts außer Bierschwefel und Todesangst.

Dann, so schnell wie alles begonnen hat, ist es auch wieder vorbei: Der kleine Hund erhebt sich aus der Sitzposition und saust fröhlich von dannen, hin zu seinem Kumpel Vati, dessen mittelklassiges „Leckerli“ er nun zu konsumieren gedenkt. Und da ist es auch schon verschlungen. 

Der Mann in der Grätsche steht nach wie vor versteinert da, wobei ein zunächst winzig kleiner Fleck an seiner Hose sich nun der Schwerkraft folgend vergrößert. „Schaut hin, jetzt hat er sich an‘brunzt!“, schreit einer aus der interessierten Menge, die neugierig die Hälse reckt. „Tatsächlich!“, jubelt eine Frau mittleren Alters. Da scheint der Betrunkene endlich zu sich zu kommen und lallt empört: „Du Sau mit dem Hund! Du kannst mir die Reinigung blechen, und zwar fix! So eine Schweinerei!“ Die Menge wendet den Blick nun in die Richtung, in der eben noch Vati mit dem kleinen Hund gestanden hatte. Aber dort ist mittlerweile nichts mehr zu sehen. Die beiden haben sich einfach in Luft aufgelöst.  

Gute Fahrt, Niki!

Ich bin einmal – ohne Scheiß – von Niki Lauda höchstpersönlich mit dem Auto so hergebrannt worden, dass ich beinahe weinend nach meiner Mama gerufen hätte. Ich, damals ein blasser Studiosus, verdiente mir ferial ein paar Kröten als Chauffeur bei Steyr-Daimler-Puch dazu.

Der Vorfall spielte sich nach einer AUA-Lauda-Air-Vorstandssitzung auf der Strecke von Baden nach Perchtoldsdorf ab: „Fau ma nu zum Heirign?“, hat der Niki damals gesagt. „I foahr eich vor.“ Was soll ich sagen? Es war Rush Hour, und der gute Niki ist mit geschätzten „zweieinhalb Kilo“ zunächst über die stark befahrene Bundesstraße und dann in einem fein gezirkelten Drift über den Autobahnzubringer auf die A2 gebrettert. Als ich bereits weit abgeschlagen auf der Brücke des Zubringers war, konnte ich gerade noch sehen, wie sein silberner Mercedes in unvorstellbarem Affentempo und im Zick-Zack-Kurs auf der freitagnachmittags extrem dicht befahrenen Südautobahn am Horizont verschwand.

Wie ich nach etwa eineinhalb Stunden beim betreffenden Heurigen eintraf (Navi gab’s noch keines in meiner Limousine), wo mein bonziger Interimsboss, der beim Niki mitgefahren war, bereits mächtig Schweinernes und Käse einschnitt, sagte eine spöttische Stimme unter einem roten Kapperl hervor: „Na, hamma di leicht a bisserl abg’hängt?”

Herzlichen Dank Niki Lauda für die unzähligen dramatischen Jugend- und Kindheitserinnerungen, und gute Fahrt auch weiterhin!

Pernauer Literaturtage 12.-13.10. 2018


Liebe Leute!

Ist euch schon einmal aufgefallen, dass „Pernauer“ ein Anagramm zu „Peruaner“ ist…? Mir auch nicht. Trotzdem muss man ziemlich aufpassen beim Tippen, damit man die Leute, will man sie zu den Pernauer Literaturtagen einladen, nicht nach Südamerika, sondern in das „East Village“ von Wels schickt!

Wie dem auch sei, ich lese wieder, und zwar aus meinen eigenen fundamentalen Erzählungen, auf die leider niemand gewartet hat. Angesichts des gegenwärtigen Erfolgs der antieuropäischen Rechten habe ich mir überlegt, wie ich euch an einem beschaulichen Samstagvormittag hinter dem Ofen hervorlocken und zum persönlichen Erscheinen motivieren kann. Die Antwort ist einfach. Sie lautet – ihr habt es sicher gleich vermutet – „panem et circenses“ oder auch „Brot und Spiele“, ganz wie ihr wollt. Im konkreten Fall gibt’s halt kein Brot, sondern Würstel und Bier, und das in rauen Mengen und zum Spottpreis. Aber erst nach meinem Vortrag!

Diese gerissene Strategie habe ich mir von den Festzeltveranstaltungen der FPÖ abgeguckt. Die sind immer proppenvoll, auch wenn vorne noch so ein Blödsinn verzapft wird. Also muss es wohl am Essen liegen. Beim Inhalt tritt natürlich der Unterschied zwischen mir und denen zutage: Denn bei mir werden keine rechten Parolen, sondern höchstens erlesene Texte geschwungen, die jedenfalls Appetit auf mehr machen (womit wir wieder bei den Würsteln wären).

Der langen Rede kurzer Sinn (um am Ende noch eine Phrase einzuwirken): Wenn’s euch freut, dann kommt vorbei, am Samstag, 13.10. um 11.30 Uhr im Haus der Kinderfreunde in der Linzer Straße 126. Mir wäre es recht, wenn ihr da wärt, weil es immer ein bisschen traurig ist, wenn man unbesetzten Stühlen vorliest.

Übrigens, auch die anderen Programmpunkte können sich sehen lassen: Nach meiner bescheidenen Darbietung beginnt eine Weinverkostung vom Weinphilosophen Norbert Perkles, und um 17.00 Uhr liest niemand geringerer als Thomas Baum. Danach gibt’s noch etwas Live-Mucke mit Gitarrist und Sänger „Howie“ (sic!). Die Pernauer Literaturtage beginnen allerdings schon am Freitag – sonst wären sie ja keine Tage –, 12.10. mit einem Bücher(floh)markt und einem gediegenen Programm für Kinder.

Aber werft doch einfach einen Blick ins Programm, das ihr hier downloaden könnt.

Logo Pernauer Literaturtage

Der Schmerz zum Fenstertag

Ein Mikrodrama in 2 Akten über die Praxis der Arztpraxen in Österreich

Schauplätze sind unterschiedliche Facharztpraxen, die von ein- und demselben Anrufer, der offenbar substanzielle Schmerzen leidet, mit der Absicht kontaktiert werden, einen Termin für eine Untersuchung zu vereinbaren.

 

Erster Akt – Kassenärzte


Erster Anruf, erstes Telefonat

Der Überlastete

Das Telefon läutet ca. eine Minute lang. Dann meldet sich die „Warum immer ich?“-Stimme der Sprechstundenhilfe.

„Ordination Dr. Rantsig, hallo? Ja, es ist sehr viel los heute bei uns. Worum geht’s denn…?  Akut, sagen Sie – Schmerzen, aha. Ich verstehe. Jetzt hören Sie mir mal zu: Wir haben hier 10 Patienten vor Ihnen, die haben auch akute Schmerzen, sagen sie. Wie? Was heißt hier keine ausreichende medizinische Versorgung? Die medizinische Grundversorgung ist durch Ihren Hausarzt gegeben. Gehen Sie dorthin, da bekommen Sie eine Tablette. Und ansonst fahren’s eben in die Unfallambulanz! Hallo? Hm, aufgelegt – unerhört.“

 

Zweiter Anruf, zweites Telefonat

Die „Das Boot ist voll“-Praxis

Das Telefon läutet ca. eine halbe Minute, dann wird der Hörer kurz abgenommen und wieder aufgelegt. Beim zweiten Versuch kommt das Gespräch zustande.

„Ordination Dr. Hammer, Grüß Gott! Ja, aufgelegt – ein Versehen, tut mir leid. Ja korrekt, wir haben „alle Kassen“. Schon, aber wir nehmen keine Patienten mehr auf, leider. Gell? Sie haben akute Schmerzen…? Unerträglich?  Glaub‘ ich Ihnen. Dennoch, ich darf Sie…, ja ich verstehe, ich darf Sie trotzdem nicht annehmen. Wenn Sie es überhaupt nicht mehr… – bitte nicht in diesem Ton – also wenn Sie es…, wenn sie es überhaupt nicht mehr aushalten, dann versuchen Sie es bitte – bitte hören Sie mir zu – versuchen Sie es in der Unfallambulanz. Stimmt, einen besseren Rat habe ich nicht.“

 

Zweiter Akt – Wahlärzte


Erster Anruf, erster Autoresponder

Der Wählerischeanrufbeantworter-detewe-message-800-106-min

Der Anrufbeantworter des Primarius springt noch vor dem ersten Mal Läuten an.

„Primar Dr. Doldinger, guten Tag! Unser Telefon ist im Moment nicht besetzt. Termine werden ausschließlich zu den Ordinationszeiten, am Dienstag von 15.00 bis 16.00 Uhr und am Donnerstag von 16.30 bis 17.00 Uhr vergeben.“

Der Primarius ist kein Arzt für jedermann. Seine Dienste muss der Patient vom Grunde seines Herzens begehren, um ihn muss er sich ernsthaft bemühen, andernfalls hat er beim Doktor, der sich seine Moribunden aussuchen kann, nur wenig Terminvereinbarungsaussichten. Dafür bespricht jener das Band persönlich.

 

Zweiter Anruf, zweiter Autoresponder

Der „Fuck Hippokrates“-Doc

Vielsagende Kommunikationsstrategie eines Arztes, der es offenbar geschafft hat und für den Geld sowie auch alles andere (außer ihm selbst) keine Rolle mehr zu spielen scheint: Der Apparat gelobt mit der freundlichen Stimme des Doktors einen baldigen Rückruf, der allerdings nie stattfindet.

„Ordination Dr. Warzer, Grüß Gott! Bitte hinterlassen Sie uns Name und Telefonnummer, wir rufen Sie umgehend zurück.“

„Wer’s glaubt, wird selig!“, ließe sich bei dieser spaßigen Ansage noch fugenlos hinzufügen.

 

Dritter Anruf, dritter Autoresponder

Der Genussarzt und Freizeitenthusiast

Über den Anrufbeantworter, den der Doktor selbst besprochen hat, weht dem Patienten der Geruch von Sonnenöl, Meer und Motorbootabgasen ins Gehör. Die Kurzurlaubslust des höchstwahrscheinlich braun gebrannten Arztes ist in jeder Silbe spürbar.

„Ordination Dr. Valerius, Grüß‘ Sie Gott! Sie rufen außerhalb unserer Ordinationszeiten an. Ordinationszeiten sind von Mo – Mi von 09.00 – bis 16.00 Uhr, Donnerstag von 14.30 Uhr bis 18.00 Uhr und Freitag von 08.00 Uhr bis 11.00 Uhr. Übrigens: Diesen Donnerstag und Freitag bleibt unsere Ordination geschlossen ebenso wie am kommenden Montag und Dienstag. Ein schönes verlängertes Wochenende!“

 

Vierter Anruf, erstes Telefonat

Der menschliche Anrufbeantworter

Der Doktor hat die rangniedrigste seiner Rezeptionsgehilfinnen zum Journaldienst verpflichtet, damit auch während seiner Abwesenheit stets ein Hauch von Menschlichkeit durch die leere Praxis geistert.

„Ordination Oberarzt Dr. Markus Matthias. Hallo? Schmerzen, sagen Sie. Aha? Und akut auch noch! Puh, das tut mir leid. Aber ich kann Ihnen da nicht helfen. Der Herr Doktor ist heute nämlich nicht da. Ich hab‘ nur Telefondienst. Wie…? So wie ein menschlicher Anrufbeantworter, sagen Sie? Ja, stimmt irgendwie, [kichert] hihihi. Haben Sie es eigentlich schon mit der Unfallambulanz versucht?“

Ästhetische Entzauberung

Ein Trauerspiel in wenigen Sätzen

Minion not amused © not by Bloghaus

© not by Bloghaus

Nr. 1 beobachtet P. beim Abräumen des Frühstückstischs. Sie trägt einen Pyjama, der sich aus einem ärmellosen, weißen Shirt mit aufgedruckten Minionsfiguren und einer hellblauen kurzen Hose zusammensetzt. Ihr Mund ist nutellaverschmiert. Auch P. hat die Morgengarderobe noch nicht abgelegt. Seine bloßen Füße stecken in abgetragenen roten Pantoffeln, die vorne spitz zulaufen und in deren Rist ein (verblichenes) Wappen eingearbeitet ist. Dazu ein T-Shirt in Übergröße, das weit über die Hüften hinabreicht. Seine nackten, molkeweißen Beine erleuchten die Küche, in der er schlafwandlerisch herumhantiert.

Nr. 1 (zu Frau Nr. 1): Was ist denn das für ein rosa Fleck, in dem die Haare drinnenstecken?
Frau Nr. 1: Das, mein liebes Kind, nennt man Glatze.
Nr. 1 (wie eine Erkenntnistheoretikerin): Ah ja, Glatze! P. hat also eine Glatze.
Nr. 2 (hysterisch): Ja! Glatze, Glatze, Glatze!
P.: …

Daraufhin beißt Nr. 1 ungerührt in den Rest ihres Nutellabrots, während Frau Nr. 1 ein äußeres (und inneres) Lachen nicht unterdrücken kann. Nr. 2 tanzt ausgelassen eine rätselhafte, ganzkörperperformante Choreografie (womöglich einen Glatzentanz). Und P.? P. ist derweilen lautlos im Badezimmer verschwunden, wo er seine Kopfhaut mit einem koffeinhaltigen Präparat zu vitalisieren versucht.

Dialog unter Oberösterreichern – Vollversion


A kommt zur Tür einer Gastwirtschaft herein und erkennt B, der bereits drinnen ist und vor sich auf dem Tisch ein frisch gezapftes Glas Bier stehen hat. 

A (zu B): Sers. Zum Kellner: Ein Bier!

B (kaum hörbar): S….

Lange Pause, in der der Kellner ein Glas Bier für A bringt.

A: Wie geht’s?

B: Es geht.

Kurze Pause, in der B die Hälfte seines Bierglases leert.

B: Und dir?

A: Geht eh.

Lange Pause, in der A sein Glas Bier auf einen Sitz leert.

A: Na dann – sers.

B: S….

A verlässt die Gastwirtschaft.

Kater mit Kindern


Frühstückssituation – Nr. 1 und Nr. 2 hocken munter vor ihren Tellerchen und sind bester Laune. Als P. verspätet, weil verkatert zu ihnen stößt, geht es in der Küche hoch her: Geschirr scheppert, Getränke werden verschüttet, Kleinkindgesichter voller Nutella schneiden Grimassen. Über dem Szenario thront Frau Nr. 1, die aufgrund von P.’s eingeschränkter Handlungsfähigkeit mäßig begeistert ist.

Nr. 1 (brüllt kapriziert): Vorsicht, ich niese gleich!

Nr. 2: WAAAH!

P. schlurft in die Küche. Kaum hörbar: Morgen.

Frau Nr. 1 (spitz): Sieh an, euer Vater gibt sich auch die Ehre! Guten Morgen.

Nr. 1 niest, ohne die Hand vorzuhalten, sodass sich ein Sprühregen halbflüssiger Essensreste auf dem Frühstückstisch verteilt.

Nr. 1: HA-TSCHI!

Nr. 2, die sich vor Lachen schüttelt, schaut absichtlich ins Licht der Küchenlampe, um ebenfalls ein Niesen aus sich herauskitzeln.

Frau Nr. 1: Genug jetzt! Das ist ja eklig! Wir halten uns beim Niesen die Hand vor, das solltet ihr mittlerweile wissen.

Nr. 1: Ok.

Mit dem Ärmel ihres Pyjamas versucht sie, die ausgeniesten Partikel aufzuwischen, verteilt sie jedoch großflächig.

Frau Nr. 1 (zu P.): Wann sind wir denn gestern nach Hause gekommen?

Britisch Kurzhaar Kater Marley

Kater mit Kindern

P. (grünlich): Wer ist „wir“?

Frau Nr. 1: Na du!

P.: So um halb zwölf…

Frau Nr. 1 (bestimmt): Nein. Da war ich noch wach.

P.: Dann war es höchstens zehn Minuten später.

Frau Nr. 1: Zehn Minuten später also.

P. (in seine Tasse mit Kaffee starrend): Ja.

Frau Nr. 1: Aha. Und? War es lustig?

P.: Sehr.

Frau Nr. 1 (die Schlinge fester zuziehend): Hat sich also ausgezahlt?

P. (schwach): Schon.

Frau Nr. 1: Na ja, ich geh ins Bad. Du passt bitte auf die beiden auf und schickst sie mir dann rüber.

P.: Gut.

Frau Nr. 1 erhebt sich vom Tisch und gleitet eisig wie eine polare Kaltluftströmung ins Bad.

Nr. 1: P., warum bist du denn so grün im Gesicht?

P.: Weil ich ein bisschen Kopfweh habe.

Nr. 2 spielt mit einer kleinen Gummifigur (ein sogenannter „Minion“), in die ein noch kleineres Taschenlämpchen integriert ist, mit dem sie P. exakt in die Augen leuchtet.

P. (geblendet): Nr. 2, hör sofort auf damit!

Nr. 1: Und wieso hast du ein bisschen Kopfweh?

P.: Weil das Wetter heute ungünstig ist.

Nr. 1: Aber wieso bekommt man Kopfweh, wenn das Wetter ungünstig ist?

Nr. 2 schießt den Gummi-Minion P. ins Gesicht, von wo er abprallt und genau in der Kaffeetasse landet.

Nr. 2 (verblüfft): Oh! Begeistert: PLATSCH!

P. (verliert die Fassung): Nr. 2, du gehst jetzt sofort zu deiner Mutter ins Bad – SO-FORT, WEIL SONST IST DEINE SCHWESTER BALD EIN EINZELKIND!

Frau Nr. 1 (mit viel Hall aus dem Badezimmer): Reg’ dich doch nicht immer so auf, sie hat das nicht mit Absicht getan! Freundlich: Komm zu mir, Nr. 2.

Nr. 2 rutscht von ihrem Stuhl und läuft bereitwillig ins Bad.

P. (in Richtung Badezimmer): Ist ja auch nicht dein Kaffee, in dem ein blinkender Minion herumschwimmt!

Frau Nr. 1: Geh nicht so lange aus, dann hast du in der Früh bessere Nerven!

P.: Ich war spätestens um zehn Minuten nach halb zwölf zu Hause. Das ist nicht spät!

Frau Nr. 1: Papperlapp!

Nr. 1: Wieso bekommt man denn jetzt Kopfweh, wenn das Wetter ungünstig ist?

P. (entnervt): Weil… damit du etwas zu fragen hast!

Nr. 1 (geschickt das Thema wechselnd): Du, P.?

P.: Was ist denn?

Nr. 1: Ich hatte heute einen Albtraum.

P. (mild): Oje, was hat dir denn geträumt?

Nr. 1: Da war ein brauner Riese vor dem Zelt von „Yakari“ (eine Kinderserie), und der Jonas war auch da, und der Riese hat gebrüllt, und der Jonas ist aber dann in den Kindergarten gefahren.

P.: Zum Glück nur ein Traum! Du musst keine Angst haben. Nimmt sie in den Arm. Musst du nicht.

Nr. 1 (unvermittelt): Gell, der Opa ist Stur?

P.: Was?!

Nr. 1: Na im Sternzeichen – Stur!

P. (muss lachen): Der Opa ist STIER!

Nr. 1: Aha, Stier. Und die Omi ist Vase.

P.: WA-AGE. Die Omi ist Waage.

Nr. 1: Genau.

P.: Und du?

Nr. 1 (stolz): Ich bin Steinbock.

P.: Genau.

Frau Nr. 1: Nr. 1, komm‘ ins Bad! Zähneputzen, Anziehen!

P.: Also dann, hüpf’ mal schön hinüber!

Nr. 1 springt ausgelassen davon, während im Gegenzug Nr. 2 gewaschen, gekämmt und vollständig angezogen aus dem Badezimmer zurückkehrt und zur Versöhnung wegen der „Minion-Aktion“ den Kopf an P.’s Schulter lehnt.

P. (entwaffnet): Ist ja gut, Nr. 2. Alles wieder gut.

Nr. 2 lächelt, hebt den Kopf und sieht ins Licht. Dann niest sie inbrünstig und zielgenau einen körpereigenen Sprühregen über das Frühstück von P.

Nr. 2 (zeigt auf das Arrangement): Nie-fen!  

P. (grün): …

Kindergarten-Burnout


In der Küche. Nr. 1 sitzt mit hängenden Schultern und hängendem Kopf beim Frühstückstisch, wobei ihr Gesicht aufgrund des eigenen Haarvorhangs nicht zu sehen ist. Allein die Nasenspitze, die beinahe das vor ihr auf dem Teller liegende Nutellabrot berührt, ist gerade noch erkennbar. Ihre Stimmung ist im Keller und kontrastiert den fröhlichen Bärchenpyjama, der nicht so recht ins Bild passen will.

 

P (die Küche betretend und bester Laune): Guten Mor-gen allerseits!

Frau Nr. 1: Guten Morgen P!

Nr. 2: A-lo P!

Nr. 1 (grummelt): Mmpf.Pyjama mit Eisbären

P: Was ist denn los, Nr. 1?

Frau Nr. 1 (die Augen rollend): Sie hat „Schmerzen“.

P: Schmerzen?! Ja welche Schmerzen denn?

Nr. 1 blickt verzweifelt auf und bringt – scheinbar mit letzter Kraft – hervor: Hier. Hängenden Arms nach unten zeigend. Am Bein.

P: Am Bein?

Nr. 1: Ja, ich habe fürchterliche Beinschmerzen.

P: Hm, mit Beinschmerzen ist nicht zu spaßen. Lass doch mal sehen.

Sie rollt nicht ohne Theatralik das rechte Hosenbein des Bärchenpyjamas hoch, zeigt auf ihr Schienbein und haucht: Hier.

P begutachtet mit sorgenvoller Miene den vollkommen unversehrten kleinen Unterschenkel und diagnostiziert: Wahrscheinlich das Wachstum. Weißt du, wenn man so wie du schnell wächst, dann kann es sein, dass einem die Knochen wehtun.

Frau Nr. 1 (relativierend): Mir hat sie vorhin ihr Knie als Schmerzquelle präsentiert.

P (unbeirrt): Beinschmerzen können natürlich ausstrahlen.

Frau Nr. 1: Ausstrahlen! Womöglich bis hinters Ohr? Denn dort tut es angeblich auch fürchterlich weh.

P (zu Nr. 1): Hinter dem Ohr tut’s also auch weh?

Nr. 1 (noch verzweifelter als vorhin): Ja. Es brennt. Wie Feuer.

P: Wie Feuer, hm.

Nr. 1 (wieder in sich zusammensackend und mit weinerlicher Stimme): Ja.

P: Was machen wir denn da? Vielleicht einen Besuch beim Arzt?

Nr. 1 (überraschend geistesgegenwärtig): Nein, nein! Weißt du, ich glaube, ich brauche nur ein bisschen Ruhe. Vielleicht gehe ich heute einfach nicht in den Kindergarten.

P: Oho, dort liegt der Hase also im Pfeffer!

Frau Nr. 1 (erneut die Augen rollend): Na wo denn sonst? Iss’ jetzt endlich dein Nutellabrot, Nr. 1!

Nr. 1: Ich esse ja!

Frau Nr. 1: Essen ist essen und nicht reden!Ein Glas Nutella

Nr. 2 (mit vollem Mund): EF-FEN!

P: Wieso willst du denn nicht in den Kindergarten gehen?

Nr. 1: Na wegen der Schmerzen!

Frau Nr. 1: Na weil heute Freitag ist und sie einfach keine Lust hat!

P: Wenn man so große Schmerzen hat wie du, Nr. 1, dann braucht man tatsächlich Ruhe. Dann kann man zum Beispiel auch nicht fernsehen.

Nr. 1 (entsetzt): Doch, kann man schon!

P (lügt): Nein, eben nicht. Das ist ja das Dumme, wenn man Schmerzen, insbesondere Beinschmerzen hat, dann werden die durch Fernsehen nur noch schlimmer.

Frau Nr. 1: Jetzt ist es aber genug! Nr. 1, ab ins Bad und dann in den Kindergarten. P., du kannst in der Zwischenzeit die Küche aufräumen, damit hier zur Abwechslung auch einmal etwas Sinnvolles geschieht.

P: Also das ist doch…

Nr. 1 (heult): Das ist unfair!

P: Genau!

Frau Nr. 1 (unerbittlich): Ab ins Bad.

Nr. 1 (heult auf): Aber ich habe mein Nutellabrot noch nicht aufgegessen!

Frau Nr. 1: Dann hast du auch keinen Hunger. AB INS BAD!

Nr. 1 sieht mürrisch ein, dass sie den Kürzeren gezogen hat. Sie klettert unter schier unerträglichen Schmerzen von ihrem Stuhl und schleppt sich wie ein Schlaganfall-Patient ins Badezimmer. Das rechte Bein hält sie abgespreizt als würde es gar nicht zu ihr gehören.

Nr. 1 (zu sich selbst): Wenn ich groß bin, dann gehe ich nicht mehr in den Kindergarten. Dann bleibe ich alleine daheim und esse so viele Nutellabrote wie ich will!

P (den Geschirrspüler einräumend): Genau!

Im Salon der wilden Frisösen


Die Töchter Nr. 1 und Nr. 2 wühlen wie besessen in den Haaren von P., der auf einem imaginierten Frisörstuhl im Wohnzimmer Platz genommen und seine Frisur wacker zur Bearbeitung freigegeben hat.

Nr. 2 (mit einem Holzklötzchen in kurzen Intervallen auf P‘s Kopf klopfend): PATSCH, PATSCH!

P.: AU! Was ist das denn für eine Form der Behandlung?

Nr. 1 (im Duktus der Zeremonienmeisterin): So werden die Haare gereinigt. Mit erhobenem Zeigefinger: Das ist seehr wichtig!

P.: Aha, na dann.

Luftballons

Ballons Zum Haare Färben

Nr.: 2: PATSCH! Foh. (Sie kann nicht „s“ sagen.)

P.: AUA…!

Nr. 2: Fer-tig! 

Sie legt das Holzklötzchen beiseite und danach ihren Kopf tröstend in den Schoß von P.

P. (erleichtert): Sehr schön! Gibt es in diesem Salon vielleicht auch Kaffee?

Nr. 1: Natürlich. Barsch: Nr. 2, Kaffee bitte!

Nr. 2 springt begeistert davon und kommt mit einer Tasse „Luftkaffee“ zurück, aus der zu Dekorationszwecken eine Filzkarotte herausragt.

Nr. 2 (freundlich bestimmt): T®inken!

P.: Oh, vielen Dank!

P. setzt die Miniaturtasse an die Lippen und führt eine symbolische Trinkbewegung aus, zu der Nr. 2 selig Beifall klatscht.

Nr. 1: So, nun aber los. Ich schneide jetzt.

P.: (mit gespielter Angst): Aber bloß nicht die Ohren!

Nr. 1 (kühl): Natürlich nicht. Nachdem sie mit den Zeigefingern ein paar Schneidbewegungen vollzogen hat: Jetzt kommt etwas Spray.

P.: Ach, jetzt schon?

Nr. 1: Ja, natürlich. Ich liebe Spray!

Sie gibt „ff-fff “-Laute von sich und nebelt den Salon gehörig mit Fantasie-Haarspray aus einem übergroßen hellblauen Lego-Baustein ein.

Nr. 1 (ernst): Jetzt kommt das Grau dazu. Dafür reibt sie einen schrumpeligen weißen Luftballon in raschen Bewegungen an P’s Haaren. Dann greift sie zu einem weiteren Ballon:

Und noch etwas Grün und Rot.

P. (besorgt): Sieht das auch schön aus?

Nr. 1 (einfühlsam): Das ist doch nur ein Spiel! Natürlich haben deine Haare noch immer dieselbe Farbe wie heute. Nach einer kurzen Pause, indem sie einen gelben Luftballon ergreift und damit deckend P’s Kopf einreibt: Jetzt kommt Gelb!

Als Nr. 1 unvermutet von der Arbeit ablässt, übernimmt Nr. 2 das Ruder. Die Gangart wird sogleich ruppiger, da die jüngere Fachkraft auch das Gesicht des Kunden umfassend behandelt – mit einem Zauberstab und einem kleinen Feuerwehrauto. Derweilen sinniert Nr. 1.

Nr. 1: Wenn man noch nicht auf der Welt ist, hat man auch keine Zahl. Zu Nr. 2: Etwas mehr Spray!

Frisöschere

Im Salon nicht erhältlich: die klassische Frisörschere

Nr. 2 macht „fffffffff“ und schwingt den Legostein.

P.: Keinen Zahn?

Nr. 1: Nei-in! Keine Zahl, kein Alter natürlich.

P.: Ach so! Wenn man noch nicht auf der Welt ist, dann hat man noch kein Alter, das stimmt. Aber Zähne hat man auch nicht.

Nr. 1: Das stimmt nicht, die Zähne sind ja schon vorbereitet! Nur sehen tut man sie halt noch nicht.

P.: Ist das so?

Nr. 1: Natürlich. Wie ich noch nicht auf der Welt war, hab’ ich auch schon vorbereitete Zähne gehabt.

P.: Und das weißt du noch so genau?

Nr. 1: Ja. Und auch, dass ich wild herumgeboxt habe im Bauch und dass das Licht rot war…

Indes haut Nr. 2 P mit dem Zauberstab auf die neue Frisur.

Nr. 2: PATSCH!

P: AUA! Hörst du auf, mich mit dem Zauberstab zu schlagen?

Nr. 1: Aber P., das ist doch nur ein Spiel!

P.: Aber für ein Spiel tut’s ganz schön weh.

Nr. 1: Aber Nr. 2 meint es nicht so, gell Nr. 2?

Nr. 2 (kreischend): NEI-IIN! Populon, Populon!

P: Populon?

Nr. 1 (übersetzt): Sie meint, dass sie noch einen (skandiert) Luft-bal-lon braucht – für die Haarfarbe.

Nr. 1 reicht Nr. 2 einen lila Luftballon, der augenblicklich in die Haare eingerieben wird. Die Behandlung nähert sich offenbar ihrem Höhepunkt, da nunmehr beide Damen am Skalp von P. herumzwicken, -schneiden und -reißen.

Haarbüschel Elvis Presley

Wo gehobelt wird…

Nr. 1: Jetzt noch ein bisschen Spray, und dann bist du fertig P.

Nr. 2: FER-TIG!

P. (derangiert): Wunderbar! Zu sich: Den Eindruck habe ich auch.

Nr. 1 (ihre Hände zu einem kleinen Hohspiegel formend): Noch schnell ein Blick in den Spiegel?

P.: Ist sehr schön geworden – und so bunt! Wie viel muss ich denn bezahlen?

Nr. 1: Gar nichts! Wir geben dir ein bisschen Geld, damit du shoppen gehen kannst hier bei uns im Einkaufszentrum.

P.: Oho, das ist aber ein interessantes Geschäftsmodell! Und was habt ihr davon?

Nr.1: Aber das ist doch nur ein Spiel, P.! Wir bekommen, was wir brauchen, ohnehin von der Mutti oder, wenn sie nein sagt, vom Christkind. Auf Wiedersehen!

Nr. 2: TSCHÜ-ÜFF!

P.: Na dann, Fröhliche Weihnachten!

Frau Nr. 1 (den Frisiersalon betretend): …?