Im Salon der wilden Frisösen

Die Töchter Nr. 1 und Nr. 2 wühlen wie besessen in den Haaren von P., der auf einem imaginierten Frisörstuhl im Wohnzimmer Platz genommen und seine Frisur wacker zur Bearbeitung freigegeben hat.

Nr. 2 (mit einem Holzklötzchen in kurzen Intervallen auf P‘s Kopf klopfend): PATSCH, PATSCH!

P.: AU! Was ist das denn für eine Form der Behandlung?

Nr. 1 (im Duktus der Zeremonienmeisterin): So werden die Haare gereinigt. Mit erhobenem Zeigefinger: Das ist seehr wichtig!

P.: Aha, na dann.

Luftballons

Ballons Zum Haare Färben

Nr.: 2: PATSCH! Foh. (Sie kann nicht „s“ sagen.)

P.: AUA…!

Nr. 2: Fer-tig! 

Sie legt das Holzklötzchen beiseite und danach ihren Kopf tröstend in den Schoß von P.

P. (erleichtert): Sehr schön! Gibt es in diesem Salon vielleicht auch Kaffee?

Nr. 1: Natürlich. Barsch: Nr. 2, Kaffee bitte!

Nr. 2 springt begeistert davon und kommt mit einer Tasse „Luftkaffee“ zurück, aus der zu Dekorationszwecken eine Filzkarotte herausragt.

Nr. 2 (freundlich bestimmt): T®inken!

P.: Oh, vielen Dank!

P. setzt die Miniaturtasse an die Lippen und führt eine symbolische Trinkbewegung aus, zu der Nr. 2 selig Beifall klatscht.

Nr. 1: So, nun aber los. Ich schneide jetzt.

P.: (mit gespielter Angst): Aber bloß nicht die Ohren!

Nr. 1 (kühl): Natürlich nicht. Nachdem sie mit den Zeigefingern ein paar Schneidbewegungen vollzogen hat: Jetzt kommt etwas Spray.

P.: Ach, jetzt schon?

Nr. 1: Ja, natürlich. Ich liebe Spray!

Sie gibt „ff-fff “-Laute von sich und nebelt den Salon gehörig mit Fantasie-Haarspray aus einem übergroßen hellblauen Lego-Baustein ein.

Nr. 1 (ernst): Jetzt kommt das Grau dazu. Dafür reibt sie einen schrumpeligen weißen Luftballon in raschen Bewegungen an P’s Haaren. Dann greift sie zu einem weiteren Ballon:

Und noch etwas Grün und Rot.

P. (besorgt): Sieht das auch schön aus?

Nr. 1 (einfühlsam): Das ist doch nur ein Spiel! Natürlich haben deine Haare noch immer dieselbe Farbe wie heute. Nach einer kurzen Pause, indem sie einen gelben Luftballon ergreift und damit deckend P’s Kopf einreibt: Jetzt kommt Gelb!

Als Nr. 1 unvermutet von der Arbeit ablässt, übernimmt Nr. 2 das Ruder. Die Gangart wird sogleich ruppiger, da die jüngere Fachkraft auch das Gesicht des Kunden umfassend behandelt – mit einem Zauberstab und einem kleinen Feuerwehrauto. Derweilen sinniert Nr. 1.

Nr. 1: Wenn man noch nicht auf der Welt ist, hat man auch keine Zahl. Zu Nr. 2: Etwas mehr Spray!

Frisöschere

Im Salon nicht erhältlich: die klassische Frisörschere

Nr. 2 macht „fffffffff“ und schwingt den Legostein.

P.: Keinen Zahn?

Nr. 1: Nei-in! Keine Zahl, kein Alter natürlich.

P.: Ach so! Wenn man noch nicht auf der Welt ist, dann hat man noch kein Alter, das stimmt. Aber Zähne hat man auch nicht.

Nr. 1: Das stimmt nicht, die Zähne sind ja schon vorbereitet! Nur sehen tut man sie halt noch nicht.

P.: Ist das so?

Nr. 1: Natürlich. Wie ich noch nicht auf der Welt war, hab’ ich auch schon vorbereitete Zähne gehabt.

P.: Und das weißt du noch so genau?

Nr. 1: Ja. Und auch, dass ich wild herumgeboxt habe im Bauch und dass das Licht rot war…

Indes haut Nr. 2 P mit dem Zauberstab auf die neue Frisur.

Nr. 2: PATSCH!

P: AUA! Hörst du auf, mich mit dem Zauberstab zu schlagen?

Nr. 1: Aber P., das ist doch nur ein Spiel!

P.: Aber für ein Spiel tut’s ganz schön weh.

Nr. 1: Aber Nr. 2 meint es nicht so, gell Nr. 2?

Nr. 2 (kreischend): NEI-IIN! Populon, Populon!

P: Populon?

Nr. 1 (übersetzt): Sie meint, dass sie noch einen (skandiert) Luft-bal-lon braucht – für die Haarfarbe.

Nr. 1 reicht Nr. 2 einen lila Luftballon, der augenblicklich in die Haare eingerieben wird. Die Behandlung nähert sich offenbar ihrem Höhepunkt, da nunmehr beide Damen am Skalp von P. herumzwicken, -schneiden und -reißen.

Haarbüschel Elvis Presley

Wo gehobelt wird…

Nr. 1: Jetzt noch ein bisschen Spray, und dann bist du fertig P.

Nr. 2: FER-TIG!

P. (derangiert): Wunderbar! Zu sich: Den Eindruck habe ich auch.

Nr. 1 (ihre Hände zu einem kleinen Hohspiegel formend): Noch schnell ein Blick in den Spiegel?

P.: Ist sehr schön geworden – und so bunt! Wie viel muss ich denn bezahlen?

Nr. 1: Gar nichts! Wir geben dir ein bisschen Geld, damit du shoppen gehen kannst hier bei uns im Einkaufszentrum.

P.: Oho, das ist aber ein interessantes Geschäftsmodell! Und was habt ihr davon?

Nr.1: Aber das ist doch nur ein Spiel, P.! Wir bekommen, was wir brauchen, ohnehin von der Mutti oder, wenn sie nein sagt, vom Christkind. Auf Wiedersehen!

Nr. 2: TSCHÜ-ÜFF!

P.: Na dann, Fröhliche Weihnachten!

Frau Nr. 1 (den Frisiersalon betretend): …?

Leben mit Frauen

Personen: Frau Nr. 1, Tochter Nr. 1, Tochter Nr. 2, Mann von heute („P“)

Schauplatz ist die Küche eines 4-Personen-Haushalts, in der Frau Nr.1 und P gerade die Menüfolge für das anstehende Mittagessen besprechen.

Frau Nr. 1: P, besorge heute fürs Mittagessen bitte Fisch vom Wochenmarkt.

P: Gern. Forelle, Karpfen, Zander, Saibling oder Wels?

Frau Nr. 1: Fisch halt. Der ist gesund und macht nicht dick. Und nimm’ Nr. 1 und Nr. 2 zum Einkaufen mit!

P: Ok, wird gemacht. Zu den Kindern: Nr. 1, Nr. 2, Schuhe anziehen, wir fahren zum Markt!

Nr. 1, Nr. 2 kreischen begeistert auf und poltern wie verrückt in den Vorraum, wo sie ihre Schuhe anziehen, wobei Nr. 2 den linken Schuh auf den rechten Fuß und folgerichtig den rechten Schuh auf den linken Fuß pfropft. 

Auf dem Wochenmarkt – der Fischhändler keschert einen Fisch aus seiner gläsernen Zelle und bereitet ihn mit einem routinierten Handgriff auf seine Bestimmung vor.

Nr. 1: Papa?zwei frische forellen

P: Ja?

Nr. 1: Warum schlägt der Mann dem Fisch auf den Kopf?

P (überlegt kurz): Damit man ihn leichter nach Hause tragen kann. Da zappelt er nicht so, weißt du?

Nr. 1: Ach so.

Nr. 2 (aufgeregt): Fisch kabud, Fisch kabud – ka-bud!

P (zu Nr. 2): Aber nein, er schläft nur ein bisschen (Schnarchgeräusche imitierend) Chrr-chrrrr!

Nr. 2 lässt sich ablenken und schnarcht belustigt mit. Der Fischverkäufer übergibt dem Mann den Fisch in einem knisternden weißen Nylonsack, nimmt dankend sein Geld entgegen und nickt den Kindern zum Abschied ernst zu.  

Zurück in der Küche des 4-Personen-Haushalts, wo die Zubereitung des „schlafenden“ Fischs beginnt. 

Nr. 1: Wie geht’s dem Fisch jetzt?

P: Den Umständen entsprechend.

Nr. 1: Lebt er noch?

P: Ja, im Forellenhimmel.

Nr. 1: Und wo ist der Forellenhimmel?

P: Ganz in der Nähe vom Menschenhimmel.

Nr. 1 (unerbittlich): Und wo ist der Menschenhimmel?

P: Ganz weit weg.

Nr. 1: So weit wie Tirol?

P (das lange „i“ überbetonend): Noch viel weiter!

Nr. 1: Ok.

Sie schaut auf Zehenspitzen über den Rand des Küchenblocks und inspiziert die Vorgänge auf dem Schneidebrett.

Nr. 1: Und wieso hast du ihm den Kopf abgeschnitten, dem Fisch?

P: Damit er besser in die Pfanne passt.

Nr. 1: Wie ist denn der Fisch aus dem Wasser hierhergekommen?

P: Ein Fischer hat ihn gefangen – mit einer Angel.

Nr. 1: Ich fange auch einmal Fische – (gerät ins Schwärmen) mit Elsa-Stiefeln und einer ro-sa Angel!

P (amüsiert): Darauf freue ich mich jetzt schon.

Die Szene beginnt sich zuzuspitzen, als Frau Nr. 1 die Küche betritt.

Frau Nr. 1 (nach einem schnellen Blick in die Pfanne): Groß ist der aber nicht.

P: Du hast gesagt: „Besorg’ einen Fisch“, und ich habe Fisch besorgt.

Frau Nr. 1: Ich habe gemeint, „Besorge Fisch für uns alle und nicht für dich allein!“

P: Dieser Fisch plus Kartoffeln reicht locker für zwei Erwachsene. Die Kinder essen ihn ohnehin nicht! Allein schon wegen der Gräten.

Er lässt den kopflosen Fisch in ein Butterschwitzchen gleiten. Nr. 2 schiebt einen Tripp-Trapp-Stuhl an den Küchenblock und klettert in Windeseile zum Schauplatz des Bratvorgangs hoch. 

Nr. 2 (lauthals): Fisch ka-bud! Es-sen! Sie macht Beiß- und Kaugesten. Hmm, gut!

Frau Nr. 1 (nicht ohne Spott): Die essen ihn ohnehin nicht, wie? Von diesem Fischlein wird, so viel steht fest, nicht einmal Nr. 2 satt…

P (ruhig, aber angespannt): Wisst ihr was? Mir reicht’s: Ich fahr jetzt zum Chinesen und hole Ente süß-sauer, Acht Schätze und superfette Frühlingsrollen. Damit ja alle satt werden!

Nr. 1: Hurra, zum Chinesen! Ich komm’ mit!ente suess sauer

Nr. 2:  Schuh’ anziehen, Autofahren!

Nr. 1 und Nr. 2 stürzen voraus ins Auto.

Frau Nr. 1: Wie du dich immer gleich aufregst. Bleib’ doch einmal ruhig, das ist gesünder. So ein Sensibelchen!

P: Ich hab’ mich doch nicht im Geringsten aufgeregt.

Frau Nr. 1: Doch hast du!

P: Aber ich…

Frau Nr. 1: Aber ich was?

P:

Er steigt wortlos ins Auto, wo Nr. 1 und Nr. 2 schon ungeduldig warten. Dann fährt er zum Chinesen, der heute Ruhetag hat, aber davon weiß er noch nichts.

Pizzafahrt

Nr. 2 sitzt friedlich am Boden und ist in die Lektüre eines Buchs mit Tieren vertieft. Auf jeder Seite wird ein neues Tier vorgestellt. Der seitliche Rand des Bildbands ist wie ein Registerheft aufgebaut, nur dass statt Buchstaben akustische Schaltflächen angebracht sind, die auf Knopfdruck über einen kleinen Lautsprecher den Ruf des jeweils präsentierten Tieres wiedergeben. Nr. 2 scheint das Gebrüll und Gejaule und Gefiepse ungemein zu beruhigen. Sie sagt überhaupt nichts und lächelt selig.  

Nr. 1 ist langweilig. Sie jammert herum und stellt unbeantwortbare Fragen.  

Pizza mit Smiley

P: He, Nr. 1?

Nr. 1 (langgezogen): Hm?

P: Kommst du mit?

Nr. 1: Wohin denn?

P: Pizza holen!

Nr. 1 (interessiert): Mit dem Auto?

P: Ja klar, mit dem Auto.

Nr.1: Oh ja, Pizza holen, Pizza holen, Pizza holen!

 

Sie springt freudig zu einem Paar „Elsa-Ballerinas“, das sie im Nu anhat, während Nr. 2 seit Minuten einen Pottwal aufröhren lässt. Augenblicke später verschwindet Nr. 1 in ihrem Schalensitz auf der Rückbank des Familienwagens.

 

Nr. 1 (als sich das Auto in Bewegung setzt): Wo fahren wir denn hin?

P: Na in die Stadt.

Nr. 1: Ach so! (Unvermittelt) Wo ist denn die Omi?

P: Daheim wahrscheinlich.

Nr. 1: Wieso ist die immer daheim?

P: Na weil sie dort gerne ist!

Nr. 1: Ich bin auch gerne daheim und bin nicht immer dort.

 

P fängt an, die Unterhaltung anstrengend zu finden. Er versucht das Thema zu wechseln.

 

P: Bist du schon hungrig?

Nr. 1: Nein. Wo ist der Opa?

P: Zum 100. Mal: Der Opa ist auf Kur.

Nr. 1: Und wo ist er da?

P: Im Burgenland!

Nr. 1: Und ist der Opa ein bisschen tot?

P (fassungslos): WAS?! Um Himmels willen nein, natürlich nicht!

Nr. 1 (unbekümmert): Tun sie ihn nur ein bisschen reparieren?

P: Sozusagen – ja genau, sie reparieren ihn. (Bei sich) Du meine Güte noch einmal!

Nr. 1: Welche Pizza hab’ ich denn?

P: Du bekommst die mit Schinken und Käse, die du selbst ausgesucht hast.

Nr. 1: Ich mag aber keinen Käse.

P (triumphierend): Dafür ist zur Sicherheit ja auch noch Schinken drauf.

Nr. 1: Ich mag aber keinen Schinken.

P (reicht es): Dann isst du halt – ach, was weiß denn ich, den Teig! Aber irgendetwas isst du, so viel steht fest.

Nr. 1:  Ein Erdbeereis vielleicht.

P: Sicher kein Erdbeereis und schon gar keine Schokolade!

 

P schaut in den Rückspiegel und sieht, wie Nr. 1 im Bildausschnitt hingebungsvoll schmollt.

 

Nr. 1 (nach nicht einmal einer Minute): Aber dann vielleicht das Runde.

P: Welches Runde denn?

Nr. 1: Na das Gelbe, das so knuspert…

P (fällt es wie Schuppen von den Augen): Chips?! Das wär’ ja noch schöner! Chips sind kein Essen, merk’ dir das.

Nr. 1: Aber gestern hab’ ich auch Chips gegessen.

P: Gestern war eine Ausnahme!

Nr. 1: Was ist eine Ausnahme?

 

P beißt sich auf die Lippen und verstärkt den Druck auf das Lenkrad. Zum Glück findet er eine Parklücke unmittelbar vor dem Pizzalokal, in die er den Wagen schwungvoll hineinzirkelt.

 

P (erfreut): Glück muss man haben!

Nr. 1: Wenn ich groß bin, kann ich auch in einen Parkplatz fahren.

P: Natürlich kannst du das.

Nr. 1 (mit erhobenem Zeigefinger): Aber erst wenn ich groß bin!

 

Das italienische Restaurant ist gut besucht. Zwischen den Tischen schwirrt eine ganze Schar an austro-italienischem Servicepersonal in weißen Hemden und dunklen Hosen umher.

 

Kellner (radebrechend zu Nr. 1): Ciao bellissima! ´asta du eine Pizza bestellt? Is’a lecker, ä?

Nr. 1 (empört): Nein, drei (hebt drei Fingerchen in Richtung Kellner) haben wir bestellt, nicht eine!

Kellner (amüsiert): Oh! Allora 3 pizze per la piccola principessa. Subito!

Nr. 1: Wieso redet der Mann so? Ist der aus Lignano?

P: Möglich, aber auf jeden Fall ist er aus Italien.

Nr. 1: Ist Italien auch in Lignano?

P (lacht): Schon, aber eigentlich ist Lignano in Italien.

Nr. 1: Ok.

 

Der Kellner kommt und übergibt drei Pappkartons, in denen die fertigen Pizzas dampfen. P bezahlt.

 

Kellner: Grazie, signore e ciao bellissima (wirft eine Kusshand)!

Nr. 1 (kühl): „Bonn Schorno!“

 

Der Kellner gerät beinahe außer sich vor Freude und wirft zum Abschied weitere Kusshände.

 

Nr. 1: Fahren wir jetzt wieder zur Mutti?

P: Jetzt fahren wir wieder zur Mutti und zu Nr. 2.

Nr. 1 (unvermittelt): Nr. 2 stinkt, weil sie noch eine Windel hat.

P:  Aber, aber, meine Dame, du hast auch lange Zeit eine Windel getragen! Die hat ebenfalls nicht nach Parfum gerochen.

Nr. 1: Aber jetzt nicht mehr.

P: Nein, jetzt nicht mehr.

Nr. 1: Ich mag jetzt keine Pizza mehr holen, ich mag nach Hause.

P: Wir fahren ja schon nach Hause, gleich sind wir daheim! Und dann essen wir unsere leckeren Pizzas.

Nr. 1 (fängt an zu heulen): Ich mag aber keine Pizza, ich mag Erdbeereis!

 

P lässt im Geiste die nicht vorhandene Trennwand zwischen Lenker und hinterem Fahrgastraum hochfahren und biegt in die Einfahrt ein. Aus dem Hausinneren grölt der Pottwal, dessen nervenzerfetzender Gesang Nr. 2 besonders zu entzücken scheint.

Wächter der Wellen

Andreas Hochmair AutorSie waren nicht beliebt, hatten aber Macht. Bei einem Verstoß gegen die Badeordnung konnten sie einen jederzeit und ohne Recht auf Widerrede des Areals verweisen. Manche Kinder grüßten sie ehrfürchtig wie einen Polizisten oder Lehrer – damals noch angesehene Berufe –, wenn sie ihnen auf ihrer Streife durch das Gelände begegneten. Sie nickten je nach Laune zurück, während sie, glänzend von Tiroler Nussöl ihre Trillerpfeifen an mittellangen Kordeln in abnehmenden Orbits um ihre Zeigefinger kreisen ließen.

Weißbraune Wachsamkeit
Ihre Haut entsprach dem Braunton einer Schokolade mit 75% Kakaoanteil, der von der strahlend weißen Dienstbekleidung scharf kontrastiert wurde. Die Sirs unter den Wächtern trugen blütenweiße Feinripp-Shirts mit langen, strahlend weißen Hosen und – nicht zu vergessen – Holzpantoffeln, deren verstellbare Riemen ebenfalls weiß leuchteten. Ein routinierter Badegast konnte allein am Klang des klatschenden Holzpantoffel-Geräuschs erkennen, welcher Bademeister sich gerade näherte. Bei Flip-Flops, die eher von der zweiten Garnitur getragen wurden, war das bedeutend schwieriger.

Whistle Blowing im eigentlichen Sinn
„Owa vom G’landa!“, lautete der häufigste und zugleich am wenigsten beachtete Ordnungsruf, der kurz nach einem spitzen Pfiff aus der Pfeife erscholl. Das besagte Edelstahlgeländer war eine bauliche Einrichtung, die das sogenannte Sprungbecken (5 Meter tief!) vom Familienbecken trennte und auf der es sich wunderbar herumturnen ließ.
Während sie uns Burschen ablehnten oder jagten, waren die Bademeister den jungen Frauen und Mädchen, die sich im Bikini um sie tummelten, überaus zugetan, sodass ausgedehnte Schwätzchen und erotische Bewerbungsgespräche auf der Tagesordnung standen – bei der zweiten Garnitur jedenfalls. Es wäre sicher nicht ratsam gewesen, während der Balz der Bademeister in Badenot zu geraten, auch wenn der eine oder andere eine flüchtige Ausbildung in Rettungsschwimmen und Erster Hilfe genossen hatte.

Schwimmen lernen fürs Leben
Wie dem auch sei: Wir sahen in ihnen ernstzunehmende Gegner, mit denen wir offenen Visiers um die Vorherrschaft im Freibad ritterten. Oft verloren wir, manchmal gewannen wir, aber letztendlich waren sie es, die uns unverzichtbare Ezzes für das Leben außerhalb des Nichtschwimmerbereichs mitgegeben haben.
Und heute? Heute gräbt jeder, der kann, sein eigenes Bassin, foliert es, befüllt es und kürt sich selbst zum Wächter über die hauseigenen Wellen, über die er absolut und ohne weiße Hose herrscht.

Diese eigensinnige und durchaus bedenkliche Privatisierungstendenz hat dem stolzen Geschlecht der Bademeister letztendlich die Daseinsgrundlage entzogen, weshalb seine Vertreter heutzutage nur noch als braune Schatten ihrer selbst über die Waschbetonplatten der heimischen Bäder schlurfen.

Im Pool

 

Schauplatz ist ein in der Sommersonne blinkernder Swimmingpool. Nr. 1 strampelt mit einer rosa Luftmatratze im rosa Bikinihöschen die Länge des Pools auf und ab. Als Auftriebskörper trägt sie stolz violette „Elsa-Schwimmflügel“ zur Schau, auf denen die Helden des Animationsfilms „Frozen“ abgebildet sind. Nr. 2 sitzt indes auf einer Stufe im Uferbereich und greint.

Swimmpool von oben, Beckenrand mit Tiefenanzeige

 


Nr. 1 (pikiert): Ni-icht!

P: Was denn?

Nr. 1: Keine Wellen machen.

P:  Wenn man im Wasser ist, entstehen Wellen.

Nr. 1: Aber nicht so hohe. (Weint plötzlich). Da werden meine Haare ganz nass!

P: Wenn man im Wasser ist, dann werden die Haare nass. Und wenn du weinst, dann gehen wir gleich wieder raus.

Nr. 1 (leidenschaftlich losheulend): Neiiiiiiiiiin!

Frau Nr. 1 (längs am Beckenrand liegend mit einem Sonnenhut über dem Gesicht und einem Bein im Wasser): Sagenhaft, dein Feingefühl.

P: Ach was!

       Er wendet sich Nr. 2 am anderen Ende des Pools zu, die freudig winkt.

Nr. 2: Komm! Da!

P: Bin schon da.

P streckt ihr die Arme entgegen, um das schwimmflügelige Wesen ins Wasser zu locken.

P: Komm zu mir, na komm! Komm, trau dich! Komm doch zu mir rein ein bisschen! Was ist jetzt? Kommst du? Kommst du nicht?

Nr. 2 (plärrt): Neiiiiiiiin! Mag i net! Weg! Maaaaaa-maaaaaa!

Sie klettert aus dem Becken und läuft am Rand entlang. 

P: Dann eben nicht. He, Nr. 1, ich tauche jetzt unter deiner Matratze hindurch. Na?

Nr. 1 (ängstlich): Das möchte ich nicht, weil da…

P taucht unter der Matratze hindurch und auf der anderen Seite nach dem Vorbild des Wals eine Wasserfontäne ausstoßend wieder auf.

Nr. 1 (kichernd): Hi-hi, lustig! Noch einmal!

Der Tauchvorgang wiederholt sich mehrere Male, bis P die Puste ausgeht. Er wirft sich zu Nr. 1 auf die rosa Luftmatratze.

Nr. 1: Nicht auf die Matratze! Da kann ich nicht mehr schwimmen.

P: Da muss man eben gemeinsam schwimmen.

Nr. 1: Ich will aber alleine.

P beginnt zu strampeln, sodass der Auftriebskörper mit Nr.1 am äußeren Ende eine langsame Kreisbewegung ausführt.

Nr. 1 (protestiert): Heeee, aufhören! Da war ich ja schon!

P (minimal beleidigt): Dann schwimm doch alleine, Frau Kapitän!

Nr 1: (begeistert): Jaaaaaa! Los geht’s. Sie strampelt los, während ihr rosa Nachen Fahrt in Richtung Nordufer aufnimmt.

Frau Nr. 1 (in derselben Position am Beckenrand): Du kommst richtig gut an.

P: Ich beschäftige mich mit unseren Kindern.

Frau Nr. 1: M-hm.

Er wendet sich erneut der winkenden Nr. 2 zu und streckt die Arme in Richtung des kleinen Körpers.

P: Komm, Nr. 2! Komm du zu mir! Komm jetzt! Trau dich! Trau dich schon! Jetzt trau dich!

Nr. 2 nimmt ihren gesamten Mut zusammen, wirft sich mit weit aufgerissenen Augen in die Arme von P und klammert sich an ihm fest.

P: Na bitte, geht doch! So ist es gut, siehst du? Da braucht man keine Angst zu haben, gell? Bra-av. Zu Frau Nr. 1: Siehst du?!

Frau Nr. 1 (von unter dem Hut): Ich seh’s.

Plötzlich wird es warm um P’s Brust. Er schreit auf.

P: AHHH, PFUI TEUFEL, NR. 2! JA IST DENN DAS DIE MÖGLICHKEIT?

Frau Nr. 1 (setzt sich auf und lacht): Ja, ich seh’s.

Häfen-Elegie – eine Replique 

„Liebeserklärung an Helmut Elsner“
von Claudia Bandion-Ortner, Bundesministerium für Justiz, Wien Neubau

Lieber Insasse!
Da wir uns nun schon lange kennen,
Will ich Sie heute Helmut nennen.
Mir egal, ob’s Ihnen passt,
Sie wissen ja: Der längere Ast.

Haben Sie sich schon eingelebt,
In das geförderte Projekt?
Gell, es ist nicht ungepflegt,
Ihr Gitter-Stein-Objekt?

Sitzen Sie auch gut im Kasten?
Angeblich sind die Pritschen hart,
Ich bitt Sie, Helmut, tun’s nicht fasten!
Auf Körperfett ruht es sich smart.

Ich hab’s, ich backe einen Kuchen!
(Freilich ohne Einbauteile.)
Ein guter Grund, Sie zu besuchen,
Und wir schwatzen eine Weile.

So Sie spezielle Wünsche haben,
Lieber Helmut, bitte sagen!
Wollen Sie eine Fußmassage?
Wink genügt, schon kommt ein Page.
Verlangt es eine Pediküre?
(Dreimal klopfen an der Türe.)

Oder wollen Sie auf die Schnelle
In die neue Kuschelzelle?
Geben Sie uns flugs Bescheid,
Ihre Ruth hat sicher Zeit.

Helmut, Mensch, Sie waren mein Fall
Nach oben bei der jüngsten Wahl!
Ich dank es Ihnen, Gott erhalt’s,
mit ein paar Jahren Zusatzschmalz!

Sie bleiben uns noch lang erhalten,
Darauf vertrau’ ich maulwurfblind.
Wir werden’s Ihnen so gestalten,
Dass Sie gerne bei uns sind.

Auf den Besuch da freut sich schon,
Ihre Claudschi Bandion!

Die Hex

Ein Gebrauchsgedicht für, mit und zu Ehren von Messermachermeister Michael Blank

Bei Blank, dem stillen Wässerchen,
Schlugen wir ein Messerchen.
In des Meisters Schmiedekammer
Sprühten Funken, flog der Hammer.

Aus mattem Stahl in gelber Hitze
Schärften Schneid’ wir und die Spitze.
Und lange vor dem letzten Schliff,
Trieb längsseits Meister Blank den Griff.

Das Heizen, Kühlen, Härten, Schleifen,
Ließ den Hauer mählich reifen.

O heilig-zarte Schmiedehaut!
Wer hätte Blank dies zugetraut?

Nach stundenlanger Heißarbeit,
Liegt ein Ergebnis griffbereit:
Der schwere Feitel, scharf und schön,
Ist recht pässlich anzusehen.

Zur Feuertaufe kurz gebrannt,
Ward der Hauer „Hex“ genannt.

Edel ist das stolze Schmieden,
Bei Hephaist’ doch auch hienieden.

Und Meister Blank, das ist ein Mann,
Der Messer trefflich schmieden kann.

Der Chevalier im Sierra

San’ Sie behindert?“, ruft es aus einem dunkelblauen Ford Sierra von der anderen Straßenseite herüber, als ich meinen Wagen abgestellt habe. Nein, meines Wissens nicht – wie er denn darauf komme, möchte ich wissen. Das Seitenfenster des Sierra, das zunächst nur einen Spalt geöffnet war, öffnet sich jetzt ganz.

Zum Vorschein kommt ein alter Chevalier mit rotbraunem Toupet, gleißend weißem Zahnersatz und einem knusprig gebräunten Faltengesicht. „Es kommt mir aber schon so vor, als hätten’s ein Problem!“, fährt der Alte unbeirrt fort. Was er denn eigentlich wolle, was das alles solle und ob er womöglich selbst an einem Defekt leide, verliere ich eine Sekunde lang die Beherrschung. „Sie san’ offenboar ein Witzbold!“, ätzt der Verwitterte. Die Autoschlange hinter ihm hupt bereits wie verrückt, aber das überhört er einfach: „Waun’s lesen kinnan, werdn’s feststellen, dass Sie auf ahn Behindertenplarkplotz stengan“, deutet der Sierra-Pilot auf einen Wald aus Zusatztafeln unterhalb des Verbotszeichens, vor dem tatsächlich mein Auto parkt. „Weil Sie net ausschauen, wie jemand mit einer Behinderung, deswegen wollt’ i nochfrogn.“

Ich solle ruhig stehenbleiben, wenn ich 380 Euro zu viel übrig hätte, weil so viel koste der Spaß inkl. Anzeige nämlich, das gehe hier in Linz nämlich ruckizucki, insbesondere wenn man so wie ich ein Welser Kennzeichen habe. „So, und jetzt schleichen’s Ihna“, endet der Chevalier, während er das Fenster wieder hochkurbelt. Gleich darauf öffnet er es noch einmal: „Bedanken brauchen’s ihna net, des geht aufs Haus. I wollt’ nur freundlich sein. Pfiat Gott!“ Dann hustet der Sierra mitsamt dem Chevalier davon.

Der Herr Pfaffenböck

Der verdiente Außendienstmitarbeiter Kurt Pfaffenböck – seine Firma produziert und verkauft Rollläden im großen Stil – kommt zu uns, um Maß für ein Sonnenschutzprodukt zu nehmen. Er genehmigt sich offensichtlich gern ein Gläschen, der Herr Pfaffenböck: Seine Augen sind etwas wässrig und gleiten sanft unter dem weißen Haar hin und her. Auf den Pfaffenböckschen Wangen verästeln sich purpurrote Äderchen ins Unendliche, und im Umkreis seines Kopfes riecht es stets ein wenig alkoholisch.

Als er auf der Stiege sitzt, um sich die Schuhe auszuziehen, bemerke ich, dass er am rechten Bein vom Knie abwärts eine Prothese hat. Er wiederum bemerkt sofort meinen Blick und beginnt knochentrocken: „A Unfoi. Is scho laung her. Eigentlich a Vorteil: Auf dem Fuaß brauch i ma nie wieder Zechanögöln schneiden.“

Mir fehlen kurz die Worte, dann kommt mir Thomas Bernhard in den Sinn: „Durch dieselbe Brille, mit der ich Kant lese, sehe ich jetzt meine Zehennägel.“ Wobei man im Fall von Herrn Pfaffenböck davon ausgehen muss, dass der im Segment Sonnenschutz völlig überschätzte Kant nicht unbedingt die bevorzugte Lektüre des Außendienstmannes ist. Jedenfalls steht er schwankend auf, der Herr Pfaffenböck, zückt sein Rollmeter und beginnt routiniert und mit zischendem Arbeitsgerät die Fensterrahmen zu vermessen. Zwei Wochen später werden die Läden geliefert. Sie haben genau gepasst.