Der kleine Hund tut nichts

Der kleine Hund springt also kreuzfidel und wie ein geölter Blitz um die naturgemäß nicht einsehbare Ecke am hinteren Ende des Supermarkts, wo er an dessen Flanke einen Mann entdeckt, der gerade dabei ist, mit genüsslich gegrätschten Beinen den – höchstwahrscheinlich – bierbedingten Druck in seiner Blase zu egalisieren. Der kleine Hund verknüpft – von außen nicht sichtbar – mit dieser Grätsche sogleich eine Übung, die ihm „Vati“ vor wenigen Tagen beigebracht hatte. Jener Vati, der nun etwa 40 Meter hinter ihm her keucht und abwechselnd seinen Namen, „Stopp!“, „Komm!“, „Aus!“ und „Wirst du wohl?“ ruft. 

Der kleine Hund mochte Vati durchaus gerne, sah ihn aber eher als Kumpel denn als Chef oder gar Vorgesetzten. Entsprechend optional schätzte er auch dessen Befehle ein. Er befolgte grundsätzlich nur jene, die ihm in irgendeiner Weise vergnüglich erschienen. Man muss vielleicht dazusagen, dass der kleine Hund im diametralen Gegensatz zu seinem Spitznamen ein schwarzer, zotteliger Schäferhund von stattlicher Größe und mit einem strahlend scharfen Scherengebiss ist, dessen Anblick auch routinierten Hundehaltern Respekt einflößt. Dass er im Geiste noch ein Kind war und nichts Böses außer Jux und Tollerei im Sinn hatte, war ebenfalls von außen nicht ersichtlich. Stattdessen kamen dem befangenen Betrachter Zeitungsmeldungen über Beißattacken und zerrissene Gliedmaßen in den Sinn.

Der kleine Hund jedenfalls ruft in der Sekunde, als er die gegrätschten Beine des Mannes sieht, eine Verknüpfung ab, die er instinktiv umzusetzen gedenkt. Jene nämlich, die er sonst nur auf das Kommando „Mitte!“ ausführt: Bei diesem Manöver schlüpft er von hinten zwischen die (leicht gegrätschten) Beine seines Kumpels Vati, um dort in einem strammen Sitz mit erwartungsvoll in den Nacken geworfenem Zottelkopf sitzen zu bleiben und auf eine Belohnung zu warten. 

In der Sekunde als Vati etwas außer Atem um die Ecke biegt, um ihn mit einem Leckerli mittlerer Qualität zu sich zu locken, beginnt der kleine Hund mit der Durchführung. 

Die Rückseiten von Supermärkten bzw. die Flächen, die nicht in die Kundenwahrnehmung fallen, sind in der Regel triste Orte: Zumeist sind ein paar Waschbetonplatten verlegt, aus deren Fugen ungehindert Gras wächst und auf denen Müll und Katzenfutter liegt. Natürlich darf auch das große, mit dunkelbraun verfärbtem Wasser gefüllte Gurkenglas nicht fehlen, in dem die Supermarkt-Mitarbeiter kurzgesaugte Pausenzigarettenstummel ablöschen und zwischenlagern. Solange niemand qualmt, bleiben diese Orte öde und verlassen. 

Heute ist freilich eine Ausnahme, da sich angesichts des kleinen Hunde-Theaters bereits eine Menschenmenge gebildet hat, die nun angeregt über den weiteren Fortgang des Stücks spekuliert: „Der beißt ihm die Eier ab, so viel steht fest! Sobald der sich rührt, sind sie weg.“, „Awa geh, so ein liebes Hunderl! Wieso muss dieser Mensch auch ausgerechnet dorthin schiffen? Wenn das ein jeder macht!“ „Es ist immer der Halter schuld, nie der Hund. Da legen sie sich solche Rassen zu, und dann können’s nicht umgehen damit!“ etc. 

„Er tut nichts!“, ruft Vati unnötigerweise, während der Mann, zwischen dessen Beinen der kleine Hund nun brav in Sitzposition gegangen ist, völlig verständnislos dreinschaut. „Am besten nicht bewegen. Ignorieren Sie ihn einfach!“ Allmählich zeichnen sich einzelne, deutlich qualifizierbare Elemente des zunächst ausdruckslosen Blicks im Gesicht des Versteinerten ab: Angst, Alkoholrausch und Panik blitzen auf und vielleicht auch ein kleines bisschen Hoffnung. Wenigstens sein Gemächt hatte der Versteinerte in letzter Sekunde zurück in die Hose stopfen können, aber jetzt weiß er wirklich nicht, wie es weitergeht.    

Der kleine Hund blickt indes treuherzig zwischen den Beinen des unfreiwilligen „Figuranten“ empor und wartet auf die obligatorische Belohnung. Von dort kommt freilich nichts außer Bierschwefel und Todesangst.

Dann, so schnell wie alles begonnen hat, ist es auch wieder vorbei: Der kleine Hund erhebt sich aus der Sitzposition und saust fröhlich von dannen, hin zu seinem Kumpel Vati, dessen mittelklassiges „Leckerli“ er nun zu konsumieren gedenkt. Und da ist es auch schon verschlungen. 

Der Mann in der Grätsche steht nach wie vor versteinert da, wobei ein zunächst winzig kleiner Fleck an seiner Hose sich nun der Schwerkraft folgend vergrößert. „Schaut hin, jetzt hat er sich an‘brunzt!“, schreit einer aus der interessierten Menge, die neugierig die Hälse reckt. „Tatsächlich!“, jubelt eine Frau mittleren Alters. Da scheint der Betrunkene endlich zu sich zu kommen und lallt empört: „Du Sau mit dem Hund! Du kannst mir die Reinigung blechen, und zwar fix! So eine Schweinerei!“ Die Menge wendet den Blick nun in die Richtung, in der eben noch Vati mit dem kleinen Hund gestanden hatte. Aber dort ist mittlerweile nichts mehr zu sehen. Die beiden haben sich einfach in Luft aufgelöst.  

Dialog unter Oberösterreichern – Vollversion


A kommt zur Tür einer Gastwirtschaft herein und erkennt B, der bereits drinnen ist und vor sich auf dem Tisch ein frisch gezapftes Glas Bier stehen hat. 

A (zu B): Sers. Zum Kellner: Ein Bier!

B (kaum hörbar): S….

Lange Pause, in der der Kellner ein Glas Bier für A bringt.

A: Wie geht’s?

B: Es geht.

Kurze Pause, in der B die Hälfte seines Bierglases leert.

B: Und dir?

A: Geht eh.

Lange Pause, in der A sein Glas Bier auf einen Sitz leert.

A: Na dann – sers.

B: S….

A verlässt die Gastwirtschaft.

Die Volksfestwatsche 1

Treffen der Musketiere

„Wo seid’s denn ihr?“, flucht Franz Reisenbichler atemlos in sein Mobiltelefon, während er schnellen Schrittes über den Stadtplatz in Richtung Messegelände eilt. „Beim Ledererturm, und du?“, antwortet Axel Hebenstreit, der heute den Lehner Roli als seinen Aramis dabei hat. „Auf Höhe Bestatter“, schnauft Porthos Reisenbichler zurück. „Zah’ an, du Oaschloch“, schreit der Hebenstreit ausgelassen, und es ist hochwahrscheinlich, dass zwischen Athos und Aramis bereits ein kleines Vorglühen in der Hebenstreitschen Dachterrassenwohnung stattgefunden hat. „Ich komm’ schon, wartet! Bin fast beim Puff“, ächzt Franz Reisenbichler, bevor er links in die Pollheimerstraße einbiegt. „Tu weiter! Wir warten vor der Hettlage, und der Durst plagt uns wie nicht gescheit. Ah, ich seh’ dich eh schon“, ruft Roli Lehner von hinten über die Hebenstreitsche Schulter ins Telefon und winkt dem sich im Laufschritt nähernden Reisenbichler zu. Wenige Augenblicke später sind die Musketiere vereint.

Die Volksfestwatsche 2

Probebeleuchtung

Heute ist der berühmt-berüchtigte Vorabend zum Volksfest. An diesem Abend findet traditionellerweise die sogenannte Probebeleuchtung statt. Wie der Name schon sagt, wird im Rahmen der Probebeleuchtung – die Einheimischen sagen Probebefeuchtung – gewissenhaft überprüft, ob die Abläufe in den Bierzelten und Weinhallen sitzen, und ob die Fahrgeschäfte und Klohäuser ordnungsgemäß funktionieren. „Wo fangen wir denn an?“, fragt der Hebenstreit und stellt die Alternativen zur Wahl: „Gehen wir zuerst ins Zelt und dann in die Allgemeine oder umgekehrt?“ „Wir könnten auch zuerst ins Weindorf gehen, dort der Jugend beim Komasaufen zuschauen und dann über den Vergnügungspark in die Allgemeine rüber“, erweitert der Lehner den Begehungsplan. Doch Franz Reisenbichler winkt ab: „Ich hab’ einen Durst“, sagt er, „und wenn ich einen Durst hab’, dann geh’ ich zunächst einmal ins Bierzelt, nicht in die Weinhallen. Meinetwegen können wir auf dem Weg dorthin gerne den Vergnügungspark mitnehmen, weil durch müssen wir ja so oder so, aber mehr nicht.“ „Passt!“, sagt der Hebenstreit und der Roli ruft freudig: „Sounds like a plan!“, womit die Marschrichtung für den heutigen Abend grob vorgegeben ist.

Früher war die ganze Stadt angesichts einer Probeleuchtung in Aufruhr. Egal ob affirmativ oder ablehnend, eine Probebeleuchtung ließ in der Region niemanden kalt: „Heit’ gibt’s nur ein Gas, Vollgas!“, zeigten sich die Lebenshungrigen und insbesondere –durstigen zu allem bereit – „Hoffentlich passiert nix!“, rangen die Ängstlichen die Hände, weil Nasenstüber, Schwitzkästen, Schulterwürfe und Faustschläge sowie kleinere bis mittelgroße Vandalenakte integrative Bestandteile einer jeden Probebeleuchtung darstellten. Aufgrund der schieren Menge an Alkohol vor- und verkostenden Menschen, die mit fortschreitender Stunde ihr Sprachvermögen sukzessive an ersteren verloren, war es auch kein Wunder, dass das Sicherheitsrisiko stieg. Man musste daher nicht verblüfft oder gar traurig sein, wenn man eine blutige Nase oder eine Platzwunde ausgefasst hatte. Das war vielmehr eine Bestätigung, dass man da gewesen war.

Dennoch: Wer nicht steinalt oder augenscheinlich unter dem erforderlichen Mindestalter war, ließ es sich im Normalfall nicht nehmen, bei diesem Testabend im Dienste der Allgemeinheit dabei zu sein und sicherzustellen, dass für das große Fest an den darauffolgenden Tagen auch alles saß und passte. Und selbst wenn man keine Lust hatte oder die ganze Veranstaltung von Grund auf ablehnte, alleine um mitreden zu können, war man letztendlich doch vor Ort.

Die Volksfestwatsche 3

„Ochsenbraterei“

Vom frivolen Glanz des einstigen Probebeleuchtungszaubers ist heute freilich nicht mehr viel übrig. Ein schwacher Schimmer vielleicht, der allerdings jeden Moment zu erlöschen droht.
„Ja scheiß mich an, da ist ja überhaupt nix los“, kommentiert der Lehner Roli die triste Besuchersituation am Gelände. Wo sich früher die Leute aus Platzmangel gegenseitig auf die Füße traten und förmlich hindurchschoben, wo die ländliche Bevölkerung aus der Umgebung bereitwillig den Führerscheinentzug riskierte, um nur ja ausreichend Präsenz in den Wein- und Bierhallen und im berüchtigten Vergnügungspark zu zeigen, taumeln heute ein paar Jugendliche verloren umher, denen die bunt leuchtenden Fahrgeschäfte und der ganze angebotene Trubel vollkommen egal sind. „Die trinken Hugo oder irgendwas mit Eristoff im Weindorf und sind glücklich“, bemerkt der Hebenstreit abgeklärt, als die Musketiere eine Gruppe Jugendlicher mit schief aufgesetzten Schirmmützen passieren. „Keine Autodrom-Kultur mehr?“, fragt der Reisenbichler, der die letzten zwanzig Jahre im Ausland verbracht hat. „Kein Herumhängen im windigen Tunnel der St. Petersburger Schlittenfahrt? Kein Kopfstand mehr im Round-up?“, fährt er mit seinen eigenen Jugenderinnerungen fort. „Nix“, antworten Arthos und Aramis unisono, „gibt’s nimmer.“

Auch die ewig rauflustigen Delegationen aus Sipbachzell, Peiskam oder Eberschwang blieben seit Jahren aus, was wiederum negative Auswirkungen auf die Besuchsfrequenz der Stänkerer aus den eigenen Reihen nach sich gezogen habe. „Tempi passati“, sagt der Hebenstreit, und der Roli wiederholt: „Dempi passati.“ Die Probebeleuchtung habe leider, leider ihre Originalität verloren. „Schlimmer noch“, philosophiert er weiter, „sie ist zu einer profitgierigen Möchtegern-Ausgabe des (Münchner) Oktoberfests verkommen!“
Als wollte die Wirklichkeit diese These bestätigen, erreichen die drei in derselben Sekunde das nach süddeutschem Vorbild benannte Bierzelt „Ochsenbraterei“, aus dem ein herzhaftes „Oans, zwoa, gsuffa“ herausschallt. „Ochsenbraterei?“, regt sich Franz Reisenbichler augenblicklich auf, „Hier hat es doch wohl einmal „Kaiser-Bierhalle“ geheißen, oder etwa nicht?“ Nur dieser Name sei korrekt, so der Reisenbichler. „Immerhin wurde und wird hier Kaiser Bier ausgeschenkt, Ochsen hingegen werden augenscheinlich keine gebraten.“ „Scheiß dich nicht an, Reisenbichler“, schreit der Hebenstreit bereits vollends im Partymodus, „willst’ saufen oder diskutieren?“

 
Darauf weiß Franz Reisenbichler keine passende Antwort. Stattdessen fallen ihm die Worte seiner Frau, der Frau Reisenbichler, ein: „Reg dich nicht wieder sinnlos auf, Franz, du weißt ja, wie das endet.“, hat sie zu ihm gesagt, als er vor einer halben Stunde frisch geduscht den gemeinsamen Haushalt verlassen hat. Wenn es etwas gibt, das der Reisenbichler mit Sicherheit weiß, dann dass seine Frau mit ihren Empfehlungen noch nie daneben gelegen ist. Der Franz würde das natürlich keinesfalls öffentlich zugeben, nicht in diesem Leben und auch nicht im nächsten. Allerdings sitzt irgendwo hinter der Stirnplatte seines mächtigen Sturschädels ein vernunftbegabtes Zentrum, das Frau Reisenbichler einst mitbegründet hat und das heute beinahe fehlerfrei arbeitet. Und weil der Reisenbichler tatsächlich genau weiß, was passiert, wenn er sich aufregt, lässt er die schnöde Nomenklatur-Diskussion ebenso wie die wenig nützliche Einst-und-jetzt-Evaluierung beiseite und zieht lieber zusammen mit den anderen Musketieren in das brodelnde Geschehen der „Ochsenbraterei“ ein.

Die Volksfestwatsche 4


Grillhuhn und Achselschweiß

Vorne im Eingangsbereich hat der private Sicherheitsdienst STA (Security Team Austria) Stellung bezogen. Die bis an die Hälse tätowierten Mitarbeiter tragen dunkle STA-Overalls und Handschuhe und sind für den Fall des Falles mit Schlagstöcken, Pfefferspray und Handschellen ausgerüstet. Auffallend ist, dass auch ein paar finster dreinblickende Mädchen mit schwarzen Schildkappen dem Security-Team angehören, was der Reisenbichler fortschrittlich, der Roli hingegen lächerlich findet.

Die ehemalige „Kaiser-Bierhalle“, die nunmehr „Ochsenbraterei“ heißt, steht unter Dampf: Bei tropischem Klima vermengen sich Grillhuhnaromen mit dem Geruch von verschüttetem Bier und einer gigantischen Geräuschkulisse. Zigarettenqualm und menschliche Ausdünstungen runden den atemberaubenden Brodem in der Halle ab.
„Hier sind wir richtig“, sagt der Hebenstreit und bleckt die Zähne. Er muss schreien, damit ihn die anderen verstehen. Der Roli nickt und hält den Daumen nach oben. Franz Reisenbichler sagt ansatzlos, „Drei Bier!“, zu einer ein riesiges Tablett mit 20 Bierkrügen balancierenden Kellnerin, die hoch konzentriert an ihm vorbeieilt. „An der Bar vorn’“, bleibt sie höflich und macht eine Kopfbewegung in die ihr entgegengesetzte Richtung. Dem Reisenbichler kommt es so vor, als hätte er einen Doppler-Effekt wahrgenommen, so schnell ist die Kellnerin an ihm vorübergelaufen und in einer der kilometerlangen Tischreihen wieder verschwunden.

 
Auf dem Weg zur Bar kommen die drei am ViP-Bereich vorbei, der sich aus mehreren Biertisch-Garnituren zusammensetzt und von einem kleinen Holzzaun eingefriedet ist. Den Ehrenbereich, in dem Politik und Wirtschaft trachtig beisammensitzen, betritt man durch einen Torbogen aus Holz, über dem „Bacchus-Hain“ geschrieben steht. Der juvenile Bürgermeister, der zum ersten Mal nicht als einfacher Gast, sondern in seiner Funktion als bieranstechendes Stadtoberhaupt an der Probeleuchtung teilnimmt, wirkt in der knielangen neuen Lederhose und den schweren Haferlschuhen etwas tapsig, scheint aber gut drauf zu sein, weil er allenthalben Leuten zuwinkt und dabei freundlich über das ganze Gesicht strahlt. Allein die metallische Kälte seines Brillengestells verrät ihn letztendlich. Unterdessen schütteln Stadträte unterschiedlicher Couleurs über den Holzzaun hinweg Hände, während die Geschäftsleute eine Runde nach der anderen spendieren. Auch ein paar Adabeis haben es in den inneren Kreis geschafft, worüber sie gleichermaßen stolz und glücklich sind.

 
„Bestell’ mir auch gleich eines mit!“, ruft der Roli dem Reisenbichler nach, der sich als erster zur Bar vorgearbeitet hat. „Mir auch!“, plärrt der Hebenstreit, „Ich zahl’s dir eh!“ „Drei Bier“, wiederholt der Reisenbichler seine Bestellung von vorhin, diesmal mit Erfolg. Der Bestellvorgang wiederholt sich in kürzester Zeit und mit verteilten Rollen mehrere Male, sodass die Musketiere endlich nicht mehr das Gefühl haben, auf dem Trockenen zu sitzen.

Die Volksfestwatsche 5

Austro-Pop

In der Zwischenzeit hat auch die siebenköpfige Musikformation „Dahoam“ nach einer wohlverdienten Pause wieder die Bühne betreten. „Dahoam“ wissen, was sie tun. Sie beginnen ihr Spätabend-Set mit einem Austropop-Block, eingeleitet von Wolfgang Ambros’ brachialkritischem „Zwickt’s mi“. Danach folgt die Trinkerschnulze „Zwischen 1 und 4“ von Rainhard Fendrich, und spätestens als die Band „Für immer jung“ (Heller, Ambros) anstimmt, hat sie das Publikum vollends im Sack. Vereinzelt steigen Fans auf Tische und schwenken brennende Feuerzeuge und Biergläser über Kopf hin und her.

 
Selbst Athos und Aramis, die so wie auch Porthos Reisenbichler mittlerweile beim vierten Glas Bier angelangt sind, wiegen sich genussvoll im Takt. „Waun du wühst“, singt der Roli dem Hebenstreit zu, „Waun du wirklich, wirklich wühst“, echot jener zurück, „Bleibst’ immer ju-u-ung“, singen am Ende beide.

 
Dann, unvermittelt, wenn auch nicht überraschend, eine Prosit-Einlage. Die Leute erheben sich und singen mit. Der Frontman von „Dahoam“, der eine frappante Ähnlichkeit mit Michael Heltau hat, bringt einen Toast aus: „Zickezacke, zickezäcke – sauft ihr Säcke“, schreit er ins Bühnenmikrofon. „Sauf du Sack“, gibt das Publikum unisono zurück. „Danke!“, brüllt Heltau, „Bitte“, das Publikum, woraufhin der Bürgermeister eine Runde Bier auf die Bühne hinauf servieren lässt.

 
Die Trunkspende motiviert den „Dahoam“-Frontman zu einer kleinen Ansprache, in der er die zahlreichen Verdienste des Bürgermeisters würdigt, worauf im „Bacchus-Hain“ ein paar Hände bravo klatschen. Die Laudatio endet mit einem neuerlichen „Zickezacke“, dann geht es weiter mit dem Musikprogramm.

„Wo willst’ denn hin?“, fragt der Hebenstreit den Reisenbichler besorgt, weil er meint, dass sich der Franz womöglich schon zum Heimgehen anschickt. „Wasser tauschen“, antwortet jener über die Schulter und begibt sich auf den Weg zur nördlich der „Ochsenbraterei“ gelegenen Kloanlage. Der Hebenstreit überlegt kurz, ob er mitkommen soll, beschließt aber, weil er gerade die nächste Runde bestellt hat, noch ein bisschen durchzuhalten. „Passt, wir sind da“, gibt er dem Reisenbichler zu verstehen, aber der ist bereits in der Menge verschwunden.

Die Volksfestwatsche 6

Zoff am Lokus

Die nur einen Steinwurf entfernte Kloanlage ist ein befestigter, flacher Bau, weiß getüncht und mit diskret schmalen Oberlichten im Über-Kopf-Bereich. Aus gutem Grund vollverfliest, ist sie die letzte Anlage des Geländes mit einer sogenannten Pinkelrinne.

Pinkelrinnen-WC-Anlagen sind die Dinosaurier der öffentlichen WC-Technik. Sie haben den Vorteil, dass sie von Männern unterschiedlicher Größe gleich gut und in viel höherer Anzahl gleichzeitig benutzt werden können als beispielsweise Urinal-Anlagen (egal ob mit oder ohne Schamwand), was bei Großveranstaltungen mit hohem Besucherandrang ein deutliches Plus darstellt. Nachteile sind der sehr hohe Wasserverbrauch – aus Hygienegründen muss die Wand oberhalb der Rinne ununterbrochen bewässert werden –, der schlechte Geruchsverschluss und das nicht von der Hand zu weisende Faktum, dass Boden und Kleidung im weiten Umkreis des Benutzers zwangsläufig verunreinigt werden. Darüber hinaus bietet diese Spielart der öffentlichen WC-Technik keinerlei Diskretion, was nicht nur für Männer, die unter Paruresis leiden, eine gewisse Belastung darstellt.

Zum Zeitpunkt des Reisenbichlerschen Zwischenstopps ist die alte Anlage stark frequentiert. Breitbeinig stehen Erleichterung suchende Benutzer Schuh an Schuh nebeneinander, während die Vollverfliesung das Zischen der unentwegt arbeitenden Wasserdüsen zusammen mit den unterschiedlichsten Männergesprächsfetzen in den hallenden Raum zurückwirft. Der Franz muss kurz anstehen, bis er an der Rinne ist.

Links von ihm schwankt ein jugendlicher Probebeleuchtungsgast im Rhythmus seines Frühabendrausches vor und zurück und monologisiert Unverständliches. „Sprachverlust“, konstatiert der Reisenbichler trocken, ohne sich weiter um den Jungen zu kümmern. Zu seiner Rechten verrichtet ein bulliger kleiner Mann mit kegelförmigem Oktoberfest-Hut, heruntergeklapptem Lederhosenlatz und Händen so groß wie Wagenräder sein Geschäft.

„Ois a ewiger Kreislauf“, lallt der Mann, seinem Wasser hinterdrein, während er sich mit der Stirn an der Verfliesung abstützt und unter erheblichen Gleichgewichtsproblemen auf das Geschehen zwischen seinen Füßen starrt. Dann wendet er sich Bestätigung suchend an den Franz: „Oder vielleicht net?“, will er wissen, und auf seiner braun gebrannten Brust schaukelt ein filigranes Goldkettchen mit Kreuzanhänger hin- und her.

„Sowieso“, gibt jener amüsiert und leicht berauscht zurück, fügt aber dummerweise und ohne nachzudenken hinzu: „Grausen sollt’ einem halt nicht vor den ganzen Kreisläufen hier drinnen.“ „Wie meinst’ des? Was soll i net?“, entgegnet der Bulle, der eindeutig auf der Suche nach einem Konflikt ist, gereizt und mit feindseligem Unterton. „Willst’ vielleicht sagen, dass i grauslich bin?“

Franz Reisenbichler, der das Unvermeidliche bereits kommen sieht, möchte das Missverständnis rasch aufklären und schaut in einer Art fehlgeschlagenen Übersprungshandlung zu seinem Nachbar mit den großen Händen hinüber. „Was schaust’ mi denn so deppert an?“, steigert sich jener augenblicklich in ein erstes Ragestadium hinein. Als der Franz kurz wegschaut, folgt auf den Fuß die nächste Eskalationsstufe: „Schau mi’ g’fälligst an, waun i mit dir red’“, schneidet ihm der Mann mit nach wie vor herunter geklapptem Lederhosenlatz jeglichen Ausweg ab und baut sich in eindeutiger Absicht vor dem Franz auf.