Dialog unter Oberösterreichern – Vollversion

A kommt zur Tür einer Gastwirtschaft herein und erkennt B, der bereits drinnen ist und vor sich auf dem Tisch ein frisch gezapftes Glas Bier stehen hat. 

A (zu B): Sers. Zum Kellner: Ein Bier!

B (kaum hörbar): S….

Lange Pause, in der der Kellner ein Glas Bier für A bringt.

A: Wie geht’s?

B: Es geht.

Kurze Pause, in der B die Hälfte seines Bierglases leert.

B: Und dir?

A: Geht eh.

Lange Pause, in der A sein Glas Bier auf einen Sitz leert.

A: Na dann – sers.

B: S….

A verlässt die Gastwirtschaft.

Die Volksfestwatsche 1

Treffen der Musketiere

„Wo seid’s denn ihr?“, flucht Franz Reisenbichler atemlos in sein Mobiltelefon, während er schnellen Schrittes über den Stadtplatz in Richtung Messegelände eilt. „Beim Ledererturm, und du?“, antwortet Axel Hebenstreit, der heute den Lehner Roli als seinen Aramis dabei hat. „Auf Höhe Bestatter“, schnauft Porthos Reisenbichler zurück. „Zah’ an, du Oaschloch“, schreit der Hebenstreit ausgelassen, und es ist hochwahrscheinlich, dass zwischen Athos und Aramis bereits ein kleines Vorglühen in der Hebenstreitschen Dachterrassenwohnung stattgefunden hat. „Ich komm’ schon, wartet! Bin fast beim Puff“, ächzt Franz Reisenbichler, bevor er links in die Pollheimerstraße einbiegt. „Tu weiter! Wir warten vor der Hettlage, und der Durst plagt uns wie nicht gescheit. Ah, ich seh’ dich eh schon“, ruft Roli Lehner von hinten über die Hebenstreitsche Schulter ins Telefon und winkt dem sich im Laufschritt nähernden Reisenbichler zu. Wenige Augenblicke später sind die Musketiere vereint.

Die Volksfestwatsche 2

Probebeleuchtung

Heute ist der berühmt-berüchtigte Vorabend zum Volksfest. An diesem Abend findet traditionellerweise die sogenannte Probebeleuchtung statt. Wie der Name schon sagt, wird im Rahmen der Probebeleuchtung – die Einheimischen sagen Probebefeuchtung – gewissenhaft überprüft, ob die Abläufe in den Bierzelten und Weinhallen sitzen, und ob die Fahrgeschäfte und Klohäuser ordnungsgemäß funktionieren. „Wo fangen wir denn an?“, fragt der Hebenstreit und stellt die Alternativen zur Wahl: „Gehen wir zuerst ins Zelt und dann in die Allgemeine oder umgekehrt?“ „Wir könnten auch zuerst ins Weindorf gehen, dort der Jugend beim Komasaufen zuschauen und dann über den Vergnügungspark in die Allgemeine rüber“, erweitert der Lehner den Begehungsplan. Doch Franz Reisenbichler winkt ab: „Ich hab’ einen Durst“, sagt er, „und wenn ich einen Durst hab’, dann geh’ ich zunächst einmal ins Bierzelt, nicht in die Weinhallen. Meinetwegen können wir auf dem Weg dorthin gerne den Vergnügungspark mitnehmen, weil durch müssen wir ja so oder so, aber mehr nicht.“ „Passt!“, sagt der Hebenstreit und der Roli ruft freudig: „Sounds like a plan!“, womit die Marschrichtung für den heutigen Abend grob vorgegeben ist.

Früher war die ganze Stadt angesichts einer Probeleuchtung in Aufruhr. Egal ob affirmativ oder ablehnend, eine Probebeleuchtung ließ in der Region niemanden kalt: „Heit’ gibt’s nur ein Gas, Vollgas!“, zeigten sich die Lebenshungrigen und insbesondere –durstigen zu allem bereit – „Hoffentlich passiert nix!“, rangen die Ängstlichen die Hände, weil Nasenstüber, Schwitzkästen, Schulterwürfe und Faustschläge sowie kleinere bis mittelgroße Vandalenakte integrative Bestandteile einer jeden Probebeleuchtung darstellten. Aufgrund der schieren Menge an Alkohol vor- und verkostenden Menschen, die mit fortschreitender Stunde ihr Sprachvermögen sukzessive an ersteren verloren, war es auch kein Wunder, dass das Sicherheitsrisiko stieg. Man musste daher nicht verblüfft oder gar traurig sein, wenn man eine blutige Nase oder eine Platzwunde ausgefasst hatte. Das war vielmehr eine Bestätigung, dass man da gewesen war.

Dennoch: Wer nicht steinalt oder augenscheinlich unter dem erforderlichen Mindestalter war, ließ es sich im Normalfall nicht nehmen, bei diesem Testabend im Dienste der Allgemeinheit dabei zu sein und sicherzustellen, dass für das große Fest an den darauffolgenden Tagen auch alles saß und passte. Und selbst wenn man keine Lust hatte oder die ganze Veranstaltung von Grund auf ablehnte, alleine um mitreden zu können, war man letztendlich doch vor Ort.

Die Volksfestwatsche 3

„Ochsenbraterei“

Vom frivolen Glanz des einstigen Probebeleuchtungszaubers ist heute freilich nicht mehr viel übrig. Ein schwacher Schimmer vielleicht, der allerdings jeden Moment zu erlöschen droht.
„Ja scheiß mich an, da ist ja überhaupt nix los“, kommentiert der Lehner Roli die triste Besuchersituation am Gelände. Wo sich früher die Leute aus Platzmangel gegenseitig auf die Füße traten und förmlich hindurchschoben, wo die ländliche Bevölkerung aus der Umgebung bereitwillig den Führerscheinentzug riskierte, um nur ja ausreichend Präsenz in den Wein- und Bierhallen und im berüchtigten Vergnügungspark zu zeigen, taumeln heute ein paar Jugendliche verloren umher, denen die bunt leuchtenden Fahrgeschäfte und der ganze angebotene Trubel vollkommen egal sind. „Die trinken Hugo oder irgendwas mit Eristoff im Weindorf und sind glücklich“, bemerkt der Hebenstreit abgeklärt, als die Musketiere eine Gruppe Jugendlicher mit schief aufgesetzten Schirmmützen passieren. „Keine Autodrom-Kultur mehr?“, fragt der Reisenbichler, der die letzten zwanzig Jahre im Ausland verbracht hat. „Kein Herumhängen im windigen Tunnel der St. Petersburger Schlittenfahrt? Kein Kopfstand mehr im Round-up?“, fährt er mit seinen eigenen Jugenderinnerungen fort. „Nix“, antworten Arthos und Aramis unisono, „gibt’s nimmer.“

Auch die ewig rauflustigen Delegationen aus Sipbachzell, Peiskam oder Eberschwang blieben seit Jahren aus, was wiederum negative Auswirkungen auf die Besuchsfrequenz der Stänkerer aus den eigenen Reihen nach sich gezogen habe. „Tempi passati“, sagt der Hebenstreit, und der Roli wiederholt: „Dempi passati.“ Die Probebeleuchtung habe leider, leider ihre Originalität verloren. „Schlimmer noch“, philosophiert er weiter, „sie ist zu einer profitgierigen Möchtegern-Ausgabe des (Münchner) Oktoberfests verkommen!“
Als wollte die Wirklichkeit diese These bestätigen, erreichen die drei in derselben Sekunde das nach süddeutschem Vorbild benannte Bierzelt „Ochsenbraterei“, aus dem ein herzhaftes „Oans, zwoa, gsuffa“ herausschallt. „Ochsenbraterei?“, regt sich Franz Reisenbichler augenblicklich auf, „Hier hat es doch wohl einmal „Kaiser-Bierhalle“ geheißen, oder etwa nicht?“ Nur dieser Name sei korrekt, so der Reisenbichler. „Immerhin wurde und wird hier Kaiser Bier ausgeschenkt, Ochsen hingegen werden augenscheinlich keine gebraten.“ „Scheiß dich nicht an, Reisenbichler“, schreit der Hebenstreit bereits vollends im Partymodus, „willst’ saufen oder diskutieren?“

 
Darauf weiß Franz Reisenbichler keine passende Antwort. Stattdessen fallen ihm die Worte seiner Frau, der Frau Reisenbichler, ein: „Reg dich nicht wieder sinnlos auf, Franz, du weißt ja, wie das endet.“, hat sie zu ihm gesagt, als er vor einer halben Stunde frisch geduscht den gemeinsamen Haushalt verlassen hat. Wenn es etwas gibt, das der Reisenbichler mit Sicherheit weiß, dann dass seine Frau mit ihren Empfehlungen noch nie daneben gelegen ist. Der Franz würde das natürlich keinesfalls öffentlich zugeben, nicht in diesem Leben und auch nicht im nächsten. Allerdings sitzt irgendwo hinter der Stirnplatte seines mächtigen Sturschädels ein vernunftbegabtes Zentrum, das Frau Reisenbichler einst mitbegründet hat und das heute beinahe fehlerfrei arbeitet. Und weil der Reisenbichler tatsächlich genau weiß, was passiert, wenn er sich aufregt, lässt er die schnöde Nomenklatur-Diskussion ebenso wie die wenig nützliche Einst-und-jetzt-Evaluierung beiseite und zieht lieber zusammen mit den anderen Musketieren in das brodelnde Geschehen der „Ochsenbraterei“ ein.

Die Volksfestwatsche 4


Grillhuhn und Achselschweiß

Vorne im Eingangsbereich hat der private Sicherheitsdienst STA (Security Team Austria) Stellung bezogen. Die bis an die Hälse tätowierten Mitarbeiter tragen dunkle STA-Overalls und Handschuhe und sind für den Fall des Falles mit Schlagstöcken, Pfefferspray und Handschellen ausgerüstet. Auffallend ist, dass auch ein paar finster dreinblickende Mädchen mit schwarzen Schildkappen dem Security-Team angehören, was der Reisenbichler fortschrittlich, der Roli hingegen lächerlich findet.

Die ehemalige „Kaiser-Bierhalle“, die nunmehr „Ochsenbraterei“ heißt, steht unter Dampf: Bei tropischem Klima vermengen sich Grillhuhnaromen mit dem Geruch von verschüttetem Bier und einer gigantischen Geräuschkulisse. Zigarettenqualm und menschliche Ausdünstungen runden den atemberaubenden Brodem in der Halle ab.
„Hier sind wir richtig“, sagt der Hebenstreit und bleckt die Zähne. Er muss schreien, damit ihn die anderen verstehen. Der Roli nickt und hält den Daumen nach oben. Franz Reisenbichler sagt ansatzlos, „Drei Bier!“, zu einer ein riesiges Tablett mit 20 Bierkrügen balancierenden Kellnerin, die hoch konzentriert an ihm vorbeieilt. „An der Bar vorn’“, bleibt sie höflich und macht eine Kopfbewegung in die ihr entgegengesetzte Richtung. Dem Reisenbichler kommt es so vor, als hätte er einen Doppler-Effekt wahrgenommen, so schnell ist die Kellnerin an ihm vorübergelaufen und in einer der kilometerlangen Tischreihen wieder verschwunden.

 
Auf dem Weg zur Bar kommen die drei am ViP-Bereich vorbei, der sich aus mehreren Biertisch-Garnituren zusammensetzt und von einem kleinen Holzzaun eingefriedet ist. Den Ehrenbereich, in dem Politik und Wirtschaft trachtig beisammensitzen, betritt man durch einen Torbogen aus Holz, über dem „Bacchus-Hain“ geschrieben steht. Der juvenile Bürgermeister, der zum ersten Mal nicht als einfacher Gast, sondern in seiner Funktion als bieranstechendes Stadtoberhaupt an der Probeleuchtung teilnimmt, wirkt in der knielangen neuen Lederhose und den schweren Haferlschuhen etwas tapsig, scheint aber gut drauf zu sein, weil er allenthalben Leuten zuwinkt und dabei freundlich über das ganze Gesicht strahlt. Allein die metallische Kälte seines Brillengestells verrät ihn letztendlich. Unterdessen schütteln Stadträte unterschiedlicher Couleurs über den Holzzaun hinweg Hände, während die Geschäftsleute eine Runde nach der anderen spendieren. Auch ein paar Adabeis haben es in den inneren Kreis geschafft, worüber sie gleichermaßen stolz und glücklich sind.

 
„Bestell’ mir auch gleich eines mit!“, ruft der Roli dem Reisenbichler nach, der sich als erster zur Bar vorgearbeitet hat. „Mir auch!“, plärrt der Hebenstreit, „Ich zahl’s dir eh!“ „Drei Bier“, wiederholt der Reisenbichler seine Bestellung von vorhin, diesmal mit Erfolg. Der Bestellvorgang wiederholt sich in kürzester Zeit und mit verteilten Rollen mehrere Male, sodass die Musketiere endlich nicht mehr das Gefühl haben, auf dem Trockenen zu sitzen.

Die Volksfestwatsche 5

Austro-Pop

In der Zwischenzeit hat auch die siebenköpfige Musikformation „Dahoam“ nach einer wohlverdienten Pause wieder die Bühne betreten. „Dahoam“ wissen, was sie tun. Sie beginnen ihr Spätabend-Set mit einem Austropop-Block, eingeleitet von Wolfgang Ambros’ brachialkritischem „Zwickt’s mi“. Danach folgt die Trinkerschnulze „Zwischen 1 und 4“ von Rainhard Fendrich, und spätestens als die Band „Für immer jung“ (Heller, Ambros) anstimmt, hat sie das Publikum vollends im Sack. Vereinzelt steigen Fans auf Tische und schwenken brennende Feuerzeuge und Biergläser über Kopf hin und her.

 
Selbst Athos und Aramis, die so wie auch Porthos Reisenbichler mittlerweile beim vierten Glas Bier angelangt sind, wiegen sich genussvoll im Takt. „Waun du wühst“, singt der Roli dem Hebenstreit zu, „Waun du wirklich, wirklich wühst“, echot jener zurück, „Bleibst’ immer ju-u-ung“, singen am Ende beide.

 
Dann, unvermittelt, wenn auch nicht überraschend, eine Prosit-Einlage. Die Leute erheben sich und singen mit. Der Frontman von „Dahoam“, der eine frappante Ähnlichkeit mit Michael Heltau hat, bringt einen Toast aus: „Zickezacke, zickezäcke – sauft ihr Säcke“, schreit er ins Bühnenmikrofon. „Sauf du Sack“, gibt das Publikum unisono zurück. „Danke!“, brüllt Heltau, „Bitte“, das Publikum, woraufhin der Bürgermeister eine Runde Bier auf die Bühne hinauf servieren lässt.

 
Die Trunkspende motiviert den „Dahoam“-Frontman zu einer kleinen Ansprache, in der er die zahlreichen Verdienste des Bürgermeisters würdigt, worauf im „Bacchus-Hain“ ein paar Hände bravo klatschen. Die Laudatio endet mit einem neuerlichen „Zickezacke“, dann geht es weiter mit dem Musikprogramm.

„Wo willst’ denn hin?“, fragt der Hebenstreit den Reisenbichler besorgt, weil er meint, dass sich der Franz womöglich schon zum Heimgehen anschickt. „Wasser tauschen“, antwortet jener über die Schulter und begibt sich auf den Weg zur nördlich der „Ochsenbraterei“ gelegenen Kloanlage. Der Hebenstreit überlegt kurz, ob er mitkommen soll, beschließt aber, weil er gerade die nächste Runde bestellt hat, noch ein bisschen durchzuhalten. „Passt, wir sind da“, gibt er dem Reisenbichler zu verstehen, aber der ist bereits in der Menge verschwunden.

Die Volksfestwatsche 6

Zoff am Lokus

Die nur einen Steinwurf entfernte Kloanlage ist ein befestigter, flacher Bau, weiß getüncht und mit diskret schmalen Oberlichten im Über-Kopf-Bereich. Aus gutem Grund vollverfliest, ist sie die letzte Anlage des Geländes mit einer sogenannten Pinkelrinne.

Pinkelrinnen-WC-Anlagen sind die Dinosaurier der öffentlichen WC-Technik. Sie haben den Vorteil, dass sie von Männern unterschiedlicher Größe gleich gut und in viel höherer Anzahl gleichzeitig benutzt werden können als beispielsweise Urinal-Anlagen (egal ob mit oder ohne Schamwand), was bei Großveranstaltungen mit hohem Besucherandrang ein deutliches Plus darstellt. Nachteile sind der sehr hohe Wasserverbrauch – aus Hygienegründen muss die Wand oberhalb der Rinne ununterbrochen bewässert werden –, der schlechte Geruchsverschluss und das nicht von der Hand zu weisende Faktum, dass Boden und Kleidung im weiten Umkreis des Benutzers zwangsläufig verunreinigt werden. Darüber hinaus bietet diese Spielart der öffentlichen WC-Technik keinerlei Diskretion, was nicht nur für Männer, die unter Paruresis leiden, eine gewisse Belastung darstellt.

Zum Zeitpunkt des Reisenbichlerschen Zwischenstopps ist die alte Anlage stark frequentiert. Breitbeinig stehen Erleichterung suchende Benutzer Schuh an Schuh nebeneinander, während die Vollverfliesung das Zischen der unentwegt arbeitenden Wasserdüsen zusammen mit den unterschiedlichsten Männergesprächsfetzen in den hallenden Raum zurückwirft. Der Franz muss kurz anstehen, bis er an der Rinne ist.

Links von ihm schwankt ein jugendlicher Probebeleuchtungsgast im Rhythmus seines Frühabendrausches vor und zurück und monologisiert Unverständliches. „Sprachverlust“, konstatiert der Reisenbichler trocken, ohne sich weiter um den Jungen zu kümmern. Zu seiner Rechten verrichtet ein bulliger kleiner Mann mit kegelförmigem Oktoberfest-Hut, heruntergeklapptem Lederhosenlatz und Händen so groß wie Wagenräder sein Geschäft.

„Ois a ewiger Kreislauf“, lallt der Mann, seinem Wasser hinterdrein, während er sich mit der Stirn an der Verfliesung abstützt und unter erheblichen Gleichgewichtsproblemen auf das Geschehen zwischen seinen Füßen starrt. Dann wendet er sich Bestätigung suchend an den Franz: „Oder vielleicht net?“, will er wissen, und auf seiner braun gebrannten Brust schaukelt ein filigranes Goldkettchen mit Kreuzanhänger hin- und her.

„Sowieso“, gibt jener amüsiert und leicht berauscht zurück, fügt aber dummerweise und ohne nachzudenken hinzu: „Grausen sollt’ einem halt nicht vor den ganzen Kreisläufen hier drinnen.“ „Wie meinst’ des? Was soll i net?“, entgegnet der Bulle, der eindeutig auf der Suche nach einem Konflikt ist, gereizt und mit feindseligem Unterton. „Willst’ vielleicht sagen, dass i grauslich bin?“

Franz Reisenbichler, der das Unvermeidliche bereits kommen sieht, möchte das Missverständnis rasch aufklären und schaut in einer Art fehlgeschlagenen Übersprungshandlung zu seinem Nachbar mit den großen Händen hinüber. „Was schaust’ mi denn so deppert an?“, steigert sich jener augenblicklich in ein erstes Ragestadium hinein. Als der Franz kurz wegschaut, folgt auf den Fuß die nächste Eskalationsstufe: „Schau mi’ g’fälligst an, waun i mit dir red’“, schneidet ihm der Mann mit nach wie vor herunter geklapptem Lederhosenlatz jeglichen Ausweg ab und baut sich in eindeutiger Absicht vor dem Franz auf.

Die Volksfestwatsche 7

Flucht durch List

Drinnen in der „Ochsenbraterei“ erreicht die Stimmung ihren ersten Höhepunkt. „Dahoam“ lassen ein Hit-Trommelfeuer vom Stapel, das die Menge zum Kochen bringt: Am Beginn der musikalischen Klimax steht „Da Joker“ (in der Version von Ostbahnkurti und der Chefpartie), gefolgt von Falcos „Der Kommissar“, für dessen Interpretation Michael Heltau eigens eine dunkle Sonnenbrille aufsetzt. „Du bist a moderne Hex“ falsettiert die knackige Chorsängerin von „Dahoam“ daraufhin in der Tradition von „Nickerbocka“, und mit Georg Danzers legendärem „Weiße Pferde“ kommt das Programm schließlich wieder ein wenig zur Ruhe.

Zur Musik räkelt sich neben vielen anderen auch ein in unmittelbarer Nähe von Athos Hebenstreit und Aramis Lehner befindliches Mädchen mit knackiger Figur und langen dunklen Haaren. Sie trägt hauteng anliegende Bluejeans, dazu ein weit geschnittenes ärmelloses Tank Top, das großzügige Einblicke gewährt und ihren türkisen Netzbüstenhalter prominent in Szene setzt. Sie ist wahnsinnig gut gelaunt und umarmt hin und wieder freundschaftlich die Burschen, mit denen sie unterwegs ist, sowie noch viele andere mehr. Dabei lacht sie fröhlich und sieht dabei genauso aus wie der drollige Esel aus dem Animationsfilm „Shreck“.

Keine hundert Meter von diesem fröhlichen Schauplatz entfernt sieht Franz Reisenbichler seine Chancen auf eine unbeschädigte Rückkehr in die „Ochsenbraterei“ gegen null sinken: Da sowohl das Hin- als auch das Wegschauen über kurz oder lang einen gewalttätigen Übergriff bedeuten, sind jetzt die Reisenbichlersche Imaginationskraft und Fantasie dringend gefragt. „Schau mal, da drüben!“, versucht es der Franz (eher aus Verzweiflung) mit einem traditionsreichen Ablenkungsmanöver und macht eine Kopfbewegung in Richtung Ausgang, der im Rücken von Erwin Baldauf, wie der Bulle im bürgerlichen Namen heißt, gelegen ist.

Der aus Unterhillinglah (Gemeinde Fraham) stammende Gerüstbauer ist in Polizeikreisen kein Unbekannter. Ebenso wie seine Brüder Ernst und Edwin kann auch der Erwin, der als besonders gewaltbereit gilt, auf eine vorstrafenreiche Karriere als regionaler Schläger und Raufbold verweisen. Zuletzt wurde er verurteilt, weil er im Bierzelt-Trubel der Rieder Messe einem älteren Mann, der versehentlich von seinem Bier getrunken, als Vergeltungsmaßnahme das halbe linke Ohr abgerissen hatte.

Womit freilich niemand – der Franz am wenigsten – gerechnet hätte, ist, dass Erwin Baldauf auf die Reisenbichlersche „Schau mal, da drüben“-List hereinfällt und sich tatsächlich in Richtung Ausgang umdreht. Als er bemerkt, dass man ihn hereingelegt hat, sieht er dunkelrot und möchte dem Franz augenblicklich die Gliedmaßen aus den Gelenken drehen. Aufgrund seines alkoholbedingten Vertigos muss er jedoch für einen Moment zurück in den Stirnstütz. Diesen Augenblick der Schwäche weiß Franz Reisenbichler zu seinen Gunsten zu nutzen. Blitzschnell packt er zusammen, duckt sich nach hinten weg und sprintet flugs aus der weiß verfliesten Höhle hinaus.

Nach seiner Rückkehr zu den Musketieren ist dem Reisenbichler die Lust am Feiern vorerst vergangen. Er will nach Hause. „Wos is?“, johlt Axel Hebenstreit in Bestlaune, „Hast’n leicht nicht g’funden?“ Mit dem Zeigefinger in Richtung Hosentüre deutend, dreht er sich zum Roli, und beide müssen laut lachen. Dem Reisenbichler, der grundsätzlich ein Freund des handfesten Witzes ist, kommt im Moment kein Grinser aus. Zu tief sitzt ihm das Bullen-Erlebnis noch in den Knochen. Weil aber der Hebenstreit eine neue Runde frisch Gezapftes ausgibt und „Dahoam“ zu einem weiteren unwiderstehlichen Prosit inklusive „Zickezacke“ aufspielen, lässt er fünf gerade sein und bleibt noch ein bisschen zu Gast in der ehemaligen „Kaiser-Bierhalle“.