Die Volksfestwatsche 6

Zoff am Lokus

Die nur einen Steinwurf entfernte Kloanlage ist ein befestigter, flacher Bau, weiß getüncht und mit diskret schmalen Oberlichten im Über-Kopf-Bereich. Aus gutem Grund vollverfliest, ist sie die letzte Anlage des Geländes mit einer sogenannten Pinkelrinne.

Pinkelrinnen-WC-Anlagen sind die Dinosaurier der öffentlichen WC-Technik. Sie haben den Vorteil, dass sie von Männern unterschiedlicher Größe gleich gut und in viel höherer Anzahl gleichzeitig benutzt werden können als beispielsweise Urinal-Anlagen (egal ob mit oder ohne Schamwand), was bei Großveranstaltungen mit hohem Besucherandrang ein deutliches Plus darstellt. Nachteile sind der sehr hohe Wasserverbrauch – aus Hygienegründen muss die Wand oberhalb der Rinne ununterbrochen bewässert werden –, der schlechte Geruchsverschluss und das nicht von der Hand zu weisende Faktum, dass Boden und Kleidung im weiten Umkreis des Benutzers zwangsläufig verunreinigt werden. Darüber hinaus bietet diese Spielart der öffentlichen WC-Technik keinerlei Diskretion, was nicht nur für Männer, die unter Paruresis leiden, eine gewisse Belastung darstellt.

Zum Zeitpunkt des Reisenbichlerschen Zwischenstopps ist die alte Anlage stark frequentiert. Breitbeinig stehen Erleichterung suchende Benutzer Schuh an Schuh nebeneinander, während die Vollverfliesung das Zischen der unentwegt arbeitenden Wasserdüsen zusammen mit den unterschiedlichsten Männergesprächsfetzen in den hallenden Raum zurückwirft. Der Franz muss kurz anstehen, bis er an der Rinne ist.

Links von ihm schwankt ein jugendlicher Probebeleuchtungsgast im Rhythmus seines Frühabendrausches vor und zurück und monologisiert Unverständliches. „Sprachverlust“, konstatiert der Reisenbichler trocken, ohne sich weiter um den Jungen zu kümmern. Zu seiner Rechten verrichtet ein bulliger kleiner Mann mit kegelförmigem Oktoberfest-Hut, heruntergeklapptem Lederhosenlatz und Händen so groß wie Wagenräder sein Geschäft.

„Ois a ewiger Kreislauf“, lallt der Mann, seinem Wasser hinterdrein, während er sich mit der Stirn an der Verfliesung abstützt und unter erheblichen Gleichgewichtsproblemen auf das Geschehen zwischen seinen Füßen starrt. Dann wendet er sich Bestätigung suchend an den Franz: „Oder vielleicht net?“, will er wissen, und auf seiner braun gebrannten Brust schaukelt ein filigranes Goldkettchen mit Kreuzanhänger hin- und her.

„Sowieso“, gibt jener amüsiert und leicht berauscht zurück, fügt aber dummerweise und ohne nachzudenken hinzu: „Grausen sollt’ einem halt nicht vor den ganzen Kreisläufen hier drinnen.“ „Wie meinst’ des? Was soll i net?“, entgegnet der Bulle, der eindeutig auf der Suche nach einem Konflikt ist, gereizt und mit feindseligem Unterton. „Willst’ vielleicht sagen, dass i grauslich bin?“

Franz Reisenbichler, der das Unvermeidliche bereits kommen sieht, möchte das Missverständnis rasch aufklären und schaut in einer Art fehlgeschlagenen Übersprungshandlung zu seinem Nachbar mit den großen Händen hinüber. „Was schaust’ mi denn so deppert an?“, steigert sich jener augenblicklich in ein erstes Ragestadium hinein. Als der Franz kurz wegschaut, folgt auf den Fuß die nächste Eskalationsstufe: „Schau mi’ g’fälligst an, waun i mit dir red’“, schneidet ihm der Mann mit nach wie vor herunter geklapptem Lederhosenlatz jeglichen Ausweg ab und baut sich in eindeutiger Absicht vor dem Franz auf.

Die Volksfestwatsche 7

Flucht durch List

Drinnen in der „Ochsenbraterei“ erreicht die Stimmung ihren ersten Höhepunkt. „Dahoam“ lassen ein Hit-Trommelfeuer vom Stapel, das die Menge zum Kochen bringt: Am Beginn der musikalischen Klimax steht „Da Joker“ (in der Version von Ostbahnkurti und der Chefpartie), gefolgt von Falcos „Der Kommissar“, für dessen Interpretation Michael Heltau eigens eine dunkle Sonnenbrille aufsetzt. „Du bist a moderne Hex“ falsettiert die knackige Chorsängerin von „Dahoam“ daraufhin in der Tradition von „Nickerbocka“, und mit Georg Danzers legendärem „Weiße Pferde“ kommt das Programm schließlich wieder ein wenig zur Ruhe.

Zur Musik räkelt sich neben vielen anderen auch ein in unmittelbarer Nähe von Athos Hebenstreit und Aramis Lehner befindliches Mädchen mit knackiger Figur und langen dunklen Haaren. Sie trägt hauteng anliegende Bluejeans, dazu ein weit geschnittenes ärmelloses Tank Top, das großzügige Einblicke gewährt und ihren türkisen Netzbüstenhalter prominent in Szene setzt. Sie ist wahnsinnig gut gelaunt und umarmt hin und wieder freundschaftlich die Burschen, mit denen sie unterwegs ist, sowie noch viele andere mehr. Dabei lacht sie fröhlich und sieht dabei genauso aus wie der drollige Esel aus dem Animationsfilm „Shreck“.

Keine hundert Meter von diesem fröhlichen Schauplatz entfernt sieht Franz Reisenbichler seine Chancen auf eine unbeschädigte Rückkehr in die „Ochsenbraterei“ gegen null sinken: Da sowohl das Hin- als auch das Wegschauen über kurz oder lang einen gewalttätigen Übergriff bedeuten, sind jetzt die Reisenbichlersche Imaginationskraft und Fantasie dringend gefragt. „Schau mal, da drüben!“, versucht es der Franz (eher aus Verzweiflung) mit einem traditionsreichen Ablenkungsmanöver und macht eine Kopfbewegung in Richtung Ausgang, der im Rücken von Erwin Baldauf, wie der Bulle im bürgerlichen Namen heißt, gelegen ist.

Der aus Unterhillinglah (Gemeinde Fraham) stammende Gerüstbauer ist in Polizeikreisen kein Unbekannter. Ebenso wie seine Brüder Ernst und Edwin kann auch der Erwin, der als besonders gewaltbereit gilt, auf eine vorstrafenreiche Karriere als regionaler Schläger und Raufbold verweisen. Zuletzt wurde er verurteilt, weil er im Bierzelt-Trubel der Rieder Messe einem älteren Mann, der versehentlich von seinem Bier getrunken, als Vergeltungsmaßnahme das halbe linke Ohr abgerissen hatte.

Womit freilich niemand – der Franz am wenigsten – gerechnet hätte, ist, dass Erwin Baldauf auf die Reisenbichlersche „Schau mal, da drüben“-List hereinfällt und sich tatsächlich in Richtung Ausgang umdreht. Als er bemerkt, dass man ihn hereingelegt hat, sieht er dunkelrot und möchte dem Franz augenblicklich die Gliedmaßen aus den Gelenken drehen. Aufgrund seines alkoholbedingten Vertigos muss er jedoch für einen Moment zurück in den Stirnstütz. Diesen Augenblick der Schwäche weiß Franz Reisenbichler zu seinen Gunsten zu nutzen. Blitzschnell packt er zusammen, duckt sich nach hinten weg und sprintet flugs aus der weiß verfliesten Höhle hinaus.

Nach seiner Rückkehr zu den Musketieren ist dem Reisenbichler die Lust am Feiern vorerst vergangen. Er will nach Hause. „Wos is?“, johlt Axel Hebenstreit in Bestlaune, „Hast’n leicht nicht g’funden?“ Mit dem Zeigefinger in Richtung Hosentüre deutend, dreht er sich zum Roli, und beide müssen laut lachen. Dem Reisenbichler, der grundsätzlich ein Freund des handfesten Witzes ist, kommt im Moment kein Grinser aus. Zu tief sitzt ihm das Bullen-Erlebnis noch in den Knochen. Weil aber der Hebenstreit eine neue Runde frisch Gezapftes ausgibt und „Dahoam“ zu einem weiteren unwiderstehlichen Prosit inklusive „Zickezacke“ aufspielen, lässt er fünf gerade sein und bleibt noch ein bisschen zu Gast in der ehemaligen „Kaiser-Bierhalle“.

Die Volksfestwatsche 8

Zuspitzung

Man muss zu Erwin Baldaufs Verteidigung sagen, dass er im Moment, als ihm der Reisenbichler entwischt, mindestens eine Flasche „Schweres Wasser“ intus hat und nicht mehr gut denken kann. Mit „Schwerem Wasser“ ist nicht etwa die chemische Verbindung D2O gemeint, sondern eine „autochthone“ Schnapsmarke, die ausschließlich auf dem Festgelände und dort nur von „Fredis Schnapsbus“, einem mobilen Messekuriosum mit aufklappbarer Seitenwand, ausgeschenkt werden darf. Wirt und zugleich Fahrer des Schnapsbusses ist tatsächlich ein Mann namens Fredi (kein Nachname, nur „Fredi“), der sein „Schweres Wasser“ (Alkoholanteil: 56%) mit Entzücken an Jugendliche und Betrunkene ausschenkt und auch selbst ein bedingungslos treuer Kunde seiner rollenden Schänke ist.

Wäre der Erwin wie gesagt nur ein bisschen nüchterner gewesen und hätte er sich nicht abstützen müssen, dann wäre ihm der Franz nie und nimmer durch die Lappen gegangen! Die verpasste Gelegenheit macht den Bullen nun so fuchsteufelswild, wie er sich nicht entsinnen kann, jemals gewesen zu sein. Unter Aufbietung seiner letzten Konzentrationsreserven klappt er den Lederhosenlatz nach oben und knöpft ihn fest. Dann taumelt er mit Anlauf aus der alten WC-Anlage hinaus ins Freie und blickt wild um sich.

Auf dem Weg zurück ins Bierzelt, in dem sich die anderen Baldauf-Brüder bereits fragen, wo denn der Erwin bleibt, verschafft er sich zwischenzeitlich etwas Erleichterung, indem er einem x-beliebigen Passanten einen Rempler versetzt, der jenen mehrere Meter dahinstolpern und Kopf voran auf dem Asphalt aufschlagen lässt. Ungerührt steigt Baldauf über den regungslos am Boden liegenden Körper hinweg und stürzt – immer noch geladen wie eine Glock – in die „Ochsenbraterei“ hinein.

Franz Reisenbichlers Stimmung ist nach den ersten Schlucken vom neuen Glas Bier dabei, sich aufzuhellen. Als „Dahoam“ den volkstümlichen Schlager „Geboren, um dich zu lieben“ von Nik P. interpretieren, wippt seine Schuhspitze sogar im Takt der Musik, während der Hebenstreit und der Roli aus vollem Hals mitgrölen und ausgelassen in der Menge tanzen. Dabei werfen sie sich begeisterte Blicke zu und sind durch nichts zu bremsen. „Alle für einen!“, kreischt der Hebenstreit irgendwann vor Begeisterung, woraufhin der Roli spiegelverkehrt „Einer für alle!“ zurückjubelt.

Als sich der Franz gerade zu den beiden Freunden durchschlagen möchte, um das unerfreuliche Klo-Erlebnis endgültig hinter sich zu lassen, fällt ihm ein Mädchen um den Hals, dessen Lächeln ihn in der Sekunde an den Esel aus dem Animationsfilm „Shrek“ erinnert. „Denk dir nix!“, flötet sie, „heut’ ist Probebefeuchtung.“ Dann schlingt sie ihre Arme und Beine um den Franz und lädt ihn leicht geöffneten Mundes dazu sein, sie zu küssen.

Dem Franz ist die plötzliche Intimität der Unbekannten nicht ganz recht. Vergeblich versucht er, sich aus ihrer Umklammerung zu befreien, bis eine ihm leidlich bekannte Stimme die peinliche Szene abrupt beendet: „Erika!“, brüllt der Bulle aus Unterhillinglah, worauf das Eselchen wie vom Blitz getroffen ihr Objekt der Begierde freigibt. Es stellt sich heraus, dass sie die jüngste Schwester der Baldauf-Brüder und heute zum ersten Mal mit auf einer Probebeleuchtung ist.

Die Volksfestwatsche 9

Es kracht

„Die Sau vom Klo!“, entfährt es Erwin Baldauf, als er erkennt, um wen es sich bei jenem Lanzelot handelt, den die Erika da umklammert hatte.

Dann kehrt eine innere Ruhe, wie er sie seit vielen Jahren nicht mehr erlebt hat, in den Erwin ein. Nach außen hin tobt weiterhin sein Wutausbruch, an dessen dramaturgischem Höhepunkt er dem Franz gestisch mit dem Durchschneiden der Kehle droht, während er innerlich von einer selten dagewesenen Zufriedenheit – vielleicht sogar Demut – durchdrungen wird: Der Liebe Gott hatte ihm nach langer Zeit endlich wieder einen Anlass geschenkt, einen lupenreinen Anlass, die Dinge und sich selbst ins Lot zu bringen. Im konkreten Fall, bei dem der Sachverhalt aus seiner Sicht eindeutig war, würde man die Schuld nicht bei ihm suchen. Dieses Mal sei er derjenige, dem Unrecht widerfahren war.

Abgesehen von den Beleidigungen drüben in der WC-Anlage, muss er jetzt auch noch seine kleine Schwester vor einer Nötigung bewahren, hinzu kommen die vielfältigen Ärgernisse des Alltags, da läuft irgendwann jedes Fass über. Bei seiner nächsten, unmittelbar bevorstehenden Gewalttat läge somit eine ganze Reihe an Umständen vor, die ein jeder halbwegs vernünftige Richter als mildernd beurteilen müsse.
Und während sein berauschter Verstand noch um diese und ähnliche absurde Gedanken kreist, versetzt ihm sein gedrungener Körper einen Adrenalinstoß, der ihn stiergleich nach vorne in Richtung Reisenbichler stürzen lässt.

Der seelische Zustand von Franz Reisenbichler verhält sich umgekehrt reziprok zu dem seines Angreifers: Obwohl er ebenfalls eine elementare Aversion gegen seinen Widersacher empfindet, wütet in seinem Inneren eine Mischung aus Angst und Panik, die ihn erstarren und nach außen hin paradoxerweise ruhig und gefasst erscheinen lässt. Für einen kurzen Moment fällt dem Franz seine Frau, die Frau Reisenbichler, ein, wie sie jetzt daheim auf dem Sofa sitzt und unter dem Schein der Leselampe friedlich ein Buch liest. Neben ihr auf dem Beistelltisch dampft eine gemütliche Tasse Tee. Weiter kann er dieser Vision nicht folgen, da sein Gegner bereits auf ihn zustürmt.

„Der Herr wird dir geben“, faucht Erwin Baldauf, als er seine Faust auf die Reise schickt. Seine Vorteile gegenüber dem Franz sind die ihm angeborene Kraft und Furchtlosigkeit, seine alkoholbedingte Instabilität und bescheidene Intelligenz wirken sich hingegen negativ aus. Der Unterhillinglaher Raufbold setzt seine Attacke – „Fredis Schnapsbus“ sei Dank – dermaßen ungeschickt in die Tat um, dass es dem Franz gelingt, unter dem Schlag hinwegzutauchen und so den unmittelbaren Gefahrenbereich zu verlassen. Fast sieht es danach aus, als würde die Baldaufsche Faust unverrichteter Dinge ins Leere sausen, da schlägt sie krachend in einem Alternativziel ein…

Ein Aufschrei geht durch die Menge, als der juvenile Bürgermeister, der exakt hinter dem unheilvollen Szenario ein Tänzchen gewagt hatte, schwer getroffen in sich zusammensackt. Jemand ruft „Attentat“, ein anderer „Polizei“, ein Dritter „Wir brauchen an’ Arzt“. Sekunden später unterbrechen „Dahoam“, die den Tumult bemerken, ihr Programm. Der Saal kommt zum Stillstand, irgendwo zerspringen die Gläser eines herunter gefallenen Tabletts. Um den bewusstlosen Bürgermeister, dessen Körper gespenstisch-groteske Zuckungen ausführt, bildet sich eine kreisförmige Lichtung. Neben ihm auf dem Boden liegt seine Brille, die in zwei Teile zerbrochen ist. Am Rand der Lichtung drängen sich neugierige Bierzelt-Besucher. Sie wollen zumindest einen Blick auf das verunfallte Stadtoberhaupt erhaschen oder gar ein Handy-Video aufnehmen, was einigen auch gelingt. Zwei Kollegen, mit denen der Bürgermeister vorhin gemeinsam im „Bacchus-Hain“ gezecht hatte, eilen ihm zu Hilfe und halten die potenziellen Redakteure in Schach.

Ein zufällig anwesender Mediziner mit gepflegtem dunklen Haar gibt sich als solcher zu erkennen – „Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt!“, ruft er souverän, als wäre er gerade einer US-amerikanischen TV-Serie entstiegen. Dann schiebt der Doktor die Schaulustigen beiseite, kniet sich neben den Bürgermeister und führt eine Erstuntersuchung durch. Ein paar Minuten später hat dessen Körper die Wirkung des Schlages so weit verdaut, dass er zu sich und – gestützt von den beiden Kollegen – auch wieder auf die Beine kommt. Benommen klopft sich der Bürgermeister den Schmutz von der Lederhose und sucht unbeholfen nach seinem Tiroler Hut, der ihm durch die Wucht des Schlags vom Kopf geflogen ist. Er hat überhaupt noch nicht realisiert, was gerade passiert ist. „Geht schon wieder“, murmelt er stadtmännisch und winkt in die starrende Menge, dabei hat er ernsthafte Verletzungen: Die Lippe ist aufgeplatzt und blutet stark, und zu allem Überfluss ist ein Schneidezahn ausgebrochen. Wie sich später im Klinikum herausstellt, hat er auch eine Gehirnerschütterung erlitten, sodass er den Amtsgeschäften eine Woche fernbleiben muss.

Die Volksfestwatsche 10

Finale grande

Erwin Baldauf, der sich wie ein Terrier gegen eine Überwältigung durch die Security wehrt und dabei noch anderen Personen einen ambulanten Aufenthalt im Spital beschert, wird schließlich von den Mitgliedern des STA-Teams erfolgreich niedergerungen und fixiert. Eine halbe Dose Pfefferspray und etliche Stockschläge sind nötig, bis er aufgibt und in Handschellen der Polizei übergeben werden kann. Die beiden anderen Baldauf-Brüder wollen zwar helfen, können aber angesichts der Übermacht an Security-Personal und Polizei nicht viel tun, außer wüste Beschimpfungen auszustoßen. Franz Reisenbichler verspürt eine gewisse Genugtuung, als er nach der kurzen Befragung durch die Beamten sieht, wie Erwin Baldauf im Bauch einer grünen Minna verschwindet, die sich gleich darauf in Richtung nahegelegener Justizanstalt in Bewegung setzt.

Der Krankenwagen mit dem angeschlagenen Bürgermeister ist noch nicht abgefahren, da wird das auf diversen Social-Media-Plattformen publizierte Video seines Knock-outs bereits zum 100. Mal angesehen. „Dahoam“-Sänger Heltau, mittlerweile wieder auf der Bühne, ruft den Leuten das übergeordnete Ziel des Abends in Erinnerung. „So meine Lieben, Schwamm drüber, weiter geht’s! The show must go on!“, erklärt er enthusiastisch durch das Mikrofon, nicht ohne dem Bürgermeister auf diesem Wege noch alles Gute zu wünschen. Dann zählt der Drummer die nächste Nummer ein, und „Dahoam“ legen los, als ob es nie eine Unterbrechung gegeben hätte. Zwei Songs später ist die Stimmung vollständig wiederhergestellt, und kaum jemand denkt noch an die brutale Szene.

Auch für die Musketiere bedeutet der Sturz des Bürgermeisters eine Art Neubeginn ihres geselligen Beisammenseins, denn vom „Nach-Hause-Gehen“ ist nun wirklich keine Rede mehr. „Jetzt zahl ich!“, ruft der Reisenbichler, der ausgesprochen erleichtert ist, bloß mit dem Schrecken davon gekommen zu sein. Draußen bei „Fredis Schnapsbus“ kauft er eine Flasche „Schweres Wassers“, das in 4cl-Dosen den Folgebieren der Musketiere beigemengt wird. „Auf ex!“, schreit der Roli, „Einer für alle!“, der Hebenstreit, und die drei bleiben bis in die frühen Morgenstunden der „Ochsenbraterei“ erhalten.

Am nächsten Tag knapp vor Mittag, Franz Reisenbichler hat keine Erinnerung daran, wie er nach Hause gekommen ist, entdeckt er auf dem Couchtisch im Wohnzimmer einen Zettel mit einer Nachricht von seiner Frau, der Frau Reisenbichler:

Lieber Franz!
Stell dir vor, ich bin heute schon seit 5.34 Uhr wach, genau genommen seit dem Zeitpunkt, als du nach Hause gekommen bist. Gemessen am Lärm und den Schäden, die du verursacht hast, muss dein Zustand „kritisch“ gewesen sein.
Die Pendeluhr im Wohnzimmer (dein geliebtes Erbstück) ist zerbrochen, ebenso wie einer unserer Küchenstühle. Wie du das hinbekommen hast, ist mir ein Rätsel! Das ekelhafte Malheur mit der Vase im Halbstock bringst du bitte selbst wieder in Ordnung – am besten auf der Stelle. Putzmittel sind im Keller.
Auf deinen alkoholischen Atem und dein infernalisches Schnarchen im Schlafzimmer möchte ich nicht weiter eingehen. Zusammenfassend vielleicht nur so viel: Ich hätte dich für klüger gehalten.
Ich fahre jetzt ins Fitness-Studio und komme gegen 15.00 Uhr wieder nach Hause. Bis dahin sollte alles besser so aussehen, wie wir es gewohnt sind.

Gruß
R.

P.S.: Essen ist nicht im Kühlschrank!

Der Franz weiß aus der Vergangenheit genau, was es bedeutet, wenn seine Frau mit „R.“ unterzeichnet. Es ist eine Art Warnung, die mit einer trügerischen Ruhe ausgesprochen den ultimativen Sturm ankündigt. Ein Unwetter, in das man besser nicht hineingerät – zumindest nicht absichtlich. Daher räumt der Reisenbichler ohne Zeit zu verlieren die kaputte Pendeluhr in die Garage, hängt alle derangierten Bilder wieder gerade und wirft den zerbrochenen Stuhl auf den Sperrmüll. Die verunreinigte Vase säubert er tapfer, auch wenn ihm dies das Letzte abverlangt. Am Ende ist jede Überwindung besser als eine nachhaltige Verstimmung seiner Frau Reisenbichler.

Nachdem der Franz den Wünschen aus dem Fitness-Studio entsprochen hat, lässt er sich inklusive Tageszeitung in dasselbe Sofa fallen, auf dem er gestern in höchster Not seine Frau bei einer Tasse Tee sitzen sah. Ein „Zzzd, zzzd!“ seines Telefons signalisiert den Erhalt einer SMS-Nachricht – Absender: Axel Hebenstreit. In der kleinen Sprechblase auf dem Display ist ein gequält dreinblickender Smiley mit eingebundenem Kopf abgebildet, mehr nicht. Der Reisenbichler muss schmunzeln und fasst sich an den eigenen, schmerzhaft pulsierenden Brummschädel.

Er nimmt die Zeitung zur Hand, in der gleich auf der ersten Seite das arg zugerichtete Gesicht des Bürgermeisters abgebildet ist. „Stadtoberhaupt krankenhausreif geprügelt – Täter in Haft.“, titelt das Blatt. Der anschließende Artikel, eine Räuberpistole der übelsten Sorte, berichtet von zwei stadtbekannten Raufbolden, die wegen einer Frau in Streit und schließlich aneinandergeraten seien. Der hiesige Bürgermeister sei entschlossen dazwischen gegangen, um die beiden zu trennen. Dabei sei er von einem der beiden attackiert und brutal niedergeschlagen worden…

„Stadtbekannte Raufbolde“, wiederholt der Reisenbichler und wirft die Zeitung angewidert in die Ecke.
Das Handy-Video bringt es zur selben Zeit auf unglaubliche 150.000 Aufrufe und 60.000 Likes. Knapp vor der 200.000er-Schwelle wird es aus „persönlichkeitsrechtlichen Gründen“ vom Netz genommen. User papilaya666, der den Clip hochgeladen und verbreitet hat, wird auf freiem Fuß angezeigt.

„Mir ist so schlecht“, textet der Roli dem Hebenstreit, worauf jener „Einer für alle“ zurückschreibt und den Smiley mit eingebundenem Kopf ans Ende der Nachricht setzt.

Vier Wochen später bei der Gerichtsverhandlung zeigt sich Erwin Baldauf gut drauf und alles andere als einsichtig. Hartnäckig pocht er auf eine Reihe von zum Teil absurden Milderungsgründen, die das Urteil des Richters im Endeffekt nicht beeinflussen. Nach einer Verurteilung wegen Nötigung und schwerer Körperverletzung wechselt er für die nächsten 3 Jahre von Unterhillinglah in die Strafvollzugsanstalt Suben, aus der er nicht vorzeitig entlassen wird. Die zivilrechtlichen Ansprüche, die der Bürgermeister nach seiner Genesung und dem Erwerb einer neuen Brille gegen ihn geltend macht, werden ihn und die anderen Baldaufs lebenslänglich ruinieren, aber das weiß er noch nicht.

A. Hochmair (2016)