Der kleine Hund tut nichts

Der kleine Hund springt also kreuzfidel und wie ein geölter Blitz um die naturgemäß nicht einsehbare Ecke am hinteren Ende des Supermarkts, wo er an dessen Flanke einen Mann entdeckt, der gerade dabei ist, mit genüsslich gegrätschten Beinen den – höchstwahrscheinlich – bierbedingten Druck in seiner Blase zu egalisieren. Der kleine Hund verknüpft – von außen nicht sichtbar – mit dieser Grätsche sogleich eine Übung, die ihm „Vati“ vor wenigen Tagen beigebracht hatte. Jener Vati, der nun etwa 40 Meter hinter ihm her keucht und abwechselnd seinen Namen, „Stopp!“, „Komm!“, „Aus!“ und „Wirst du wohl?“ ruft. 

Der kleine Hund mochte Vati durchaus gerne, sah ihn aber eher als Kumpel denn als Chef oder gar Vorgesetzten. Entsprechend optional schätzte er auch dessen Befehle ein. Er befolgte grundsätzlich nur jene, die ihm in irgendeiner Weise vergnüglich erschienen. Man muss vielleicht dazusagen, dass der kleine Hund im diametralen Gegensatz zu seinem Spitznamen ein schwarzer, zotteliger Schäferhund von stattlicher Größe und mit einem strahlend scharfen Scherengebiss ist, dessen Anblick auch routinierten Hundehaltern Respekt einflößt. Dass er im Geiste noch ein Kind war und nichts Böses außer Jux und Tollerei im Sinn hatte, war ebenfalls von außen nicht ersichtlich. Stattdessen kamen dem befangenen Betrachter Zeitungsmeldungen über Beißattacken und zerrissene Gliedmaßen in den Sinn.

Der kleine Hund jedenfalls ruft in der Sekunde, als er die gegrätschten Beine des Mannes sieht, eine Verknüpfung ab, die er instinktiv umzusetzen gedenkt. Jene nämlich, die er sonst nur auf das Kommando „Mitte!“ ausführt: Bei diesem Manöver schlüpft er von hinten zwischen die (leicht gegrätschten) Beine seines Kumpels Vati, um dort in einem strammen Sitz mit erwartungsvoll in den Nacken geworfenem Zottelkopf sitzen zu bleiben und auf eine Belohnung zu warten. 

In der Sekunde als Vati etwas außer Atem um die Ecke biegt, um ihn mit einem Leckerli mittlerer Qualität zu sich zu locken, beginnt der kleine Hund mit der Durchführung. 

Die Rückseiten von Supermärkten bzw. die Flächen, die nicht in die Kundenwahrnehmung fallen, sind in der Regel triste Orte: Zumeist sind ein paar Waschbetonplatten verlegt, aus deren Fugen ungehindert Gras wächst und auf denen Müll und Katzenfutter liegt. Natürlich darf auch das große, mit dunkelbraun verfärbtem Wasser gefüllte Gurkenglas nicht fehlen, in dem die Supermarkt-Mitarbeiter kurzgesaugte Pausenzigarettenstummel ablöschen und zwischenlagern. Solange niemand qualmt, bleiben diese Orte öde und verlassen. 

Heute ist freilich eine Ausnahme, da sich angesichts des kleinen Hunde-Theaters bereits eine Menschenmenge gebildet hat, die nun angeregt über den weiteren Fortgang des Stücks spekuliert: „Der beißt ihm die Eier ab, so viel steht fest! Sobald der sich rührt, sind sie weg.“, „Awa geh, so ein liebes Hunderl! Wieso muss dieser Mensch auch ausgerechnet dorthin schiffen? Wenn das ein jeder macht!“ „Es ist immer der Halter schuld, nie der Hund. Da legen sie sich solche Rassen zu, und dann können’s nicht umgehen damit!“ etc. 

„Er tut nichts!“, ruft Vati unnötigerweise, während der Mann, zwischen dessen Beinen der kleine Hund nun brav in Sitzposition gegangen ist, völlig verständnislos dreinschaut. „Am besten nicht bewegen. Ignorieren Sie ihn einfach!“ Allmählich zeichnen sich einzelne, deutlich qualifizierbare Elemente des zunächst ausdruckslosen Blicks im Gesicht des Versteinerten ab: Angst, Alkoholrausch und Panik blitzen auf und vielleicht auch ein kleines bisschen Hoffnung. Wenigstens sein Gemächt hatte der Versteinerte in letzter Sekunde zurück in die Hose stopfen können, aber jetzt weiß er wirklich nicht, wie es weitergeht.    

Der kleine Hund blickt indes treuherzig zwischen den Beinen des unfreiwilligen „Figuranten“ empor und wartet auf die obligatorische Belohnung. Von dort kommt freilich nichts außer Bierschwefel und Todesangst.

Dann, so schnell wie alles begonnen hat, ist es auch wieder vorbei: Der kleine Hund erhebt sich aus der Sitzposition und saust fröhlich von dannen, hin zu seinem Kumpel Vati, dessen mittelklassiges „Leckerli“ er nun zu konsumieren gedenkt. Und da ist es auch schon verschlungen. 

Der Mann in der Grätsche steht nach wie vor versteinert da, wobei ein zunächst winzig kleiner Fleck an seiner Hose sich nun der Schwerkraft folgend vergrößert. „Schaut hin, jetzt hat er sich an‘brunzt!“, schreit einer aus der interessierten Menge, die neugierig die Hälse reckt. „Tatsächlich!“, jubelt eine Frau mittleren Alters. Da scheint der Betrunkene endlich zu sich zu kommen und lallt empört: „Du Sau mit dem Hund! Du kannst mir die Reinigung blechen, und zwar fix! So eine Schweinerei!“ Die Menge wendet den Blick nun in die Richtung, in der eben noch Vati mit dem kleinen Hund gestanden hatte. Aber dort ist mittlerweile nichts mehr zu sehen. Die beiden haben sich einfach in Luft aufgelöst.  

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