Die Volksfestwatsche 10

Finale grande

Erwin Baldauf, der sich wie ein Terrier gegen eine Überwältigung durch die Security wehrt und dabei noch anderen Personen einen ambulanten Aufenthalt im Spital beschert, wird schließlich von den Mitgliedern des STA-Teams erfolgreich niedergerungen und fixiert. Eine halbe Dose Pfefferspray und etliche Stockschläge sind nötig, bis er aufgibt und in Handschellen der Polizei übergeben werden kann. Die beiden anderen Baldauf-Brüder wollen zwar helfen, können aber angesichts der Übermacht an Security-Personal und Polizei nicht viel tun, außer wüste Beschimpfungen auszustoßen. Franz Reisenbichler verspürt eine gewisse Genugtuung, als er nach der kurzen Befragung durch die Beamten sieht, wie Erwin Baldauf im Bauch einer grünen Minna verschwindet, die sich gleich darauf in Richtung nahegelegener Justizanstalt in Bewegung setzt.

Der Krankenwagen mit dem angeschlagenen Bürgermeister ist noch nicht abgefahren, da wird das auf diversen Social-Media-Plattformen publizierte Video seines Knock-outs bereits zum 100. Mal angesehen. „Dahoam“-Sänger Heltau, mittlerweile wieder auf der Bühne, ruft den Leuten das übergeordnete Ziel des Abends in Erinnerung. „So meine Lieben, Schwamm drüber, weiter geht’s! The show must go on!“, erklärt er enthusiastisch durch das Mikrofon, nicht ohne dem Bürgermeister auf diesem Wege noch alles Gute zu wünschen. Dann zählt der Drummer die nächste Nummer ein, und „Dahoam“ legen los, als ob es nie eine Unterbrechung gegeben hätte. Zwei Songs später ist die Stimmung vollständig wiederhergestellt, und kaum jemand denkt noch an die brutale Szene.

Auch für die Musketiere bedeutet der Sturz des Bürgermeisters eine Art Neubeginn ihres geselligen Beisammenseins, denn vom „Nach-Hause-Gehen“ ist nun wirklich keine Rede mehr. „Jetzt zahl ich!“, ruft der Reisenbichler, der ausgesprochen erleichtert ist, bloß mit dem Schrecken davon gekommen zu sein. Draußen bei „Fredis Schnapsbus“ kauft er eine Flasche „Schweres Wassers“, das in 4cl-Dosen den Folgebieren der Musketiere beigemengt wird. „Auf ex!“, schreit der Roli, „Einer für alle!“, der Hebenstreit, und die drei bleiben bis in die frühen Morgenstunden der „Ochsenbraterei“ erhalten.

Am nächsten Tag knapp vor Mittag, Franz Reisenbichler hat keine Erinnerung daran, wie er nach Hause gekommen ist, entdeckt er auf dem Couchtisch im Wohnzimmer einen Zettel mit einer Nachricht von seiner Frau, der Frau Reisenbichler:

Lieber Franz!
Stell dir vor, ich bin heute schon seit 5.34 Uhr wach, genau genommen seit dem Zeitpunkt, als du nach Hause gekommen bist. Gemessen am Lärm und den Schäden, die du verursacht hast, muss dein Zustand „kritisch“ gewesen sein.
Die Pendeluhr im Wohnzimmer (dein geliebtes Erbstück) ist zerbrochen, ebenso wie einer unserer Küchenstühle. Wie du das hinbekommen hast, ist mir ein Rätsel! Das ekelhafte Malheur mit der Vase im Halbstock bringst du bitte selbst wieder in Ordnung – am besten auf der Stelle. Putzmittel sind im Keller.
Auf deinen alkoholischen Atem und dein infernalisches Schnarchen im Schlafzimmer möchte ich nicht weiter eingehen. Zusammenfassend vielleicht nur so viel: Ich hätte dich für klüger gehalten.
Ich fahre jetzt ins Fitness-Studio und komme gegen 15.00 Uhr wieder nach Hause. Bis dahin sollte alles besser so aussehen, wie wir es gewohnt sind.

Gruß
R.

P.S.: Essen ist nicht im Kühlschrank!

Der Franz weiß aus der Vergangenheit genau, was es bedeutet, wenn seine Frau mit „R.“ unterzeichnet. Es ist eine Art Warnung, die mit einer trügerischen Ruhe ausgesprochen den ultimativen Sturm ankündigt. Ein Unwetter, in das man besser nicht hineingerät – zumindest nicht absichtlich. Daher räumt der Reisenbichler ohne Zeit zu verlieren die kaputte Pendeluhr in die Garage, hängt alle derangierten Bilder wieder gerade und wirft den zerbrochenen Stuhl auf den Sperrmüll. Die verunreinigte Vase säubert er tapfer, auch wenn ihm dies das Letzte abverlangt. Am Ende ist jede Überwindung besser als eine nachhaltige Verstimmung seiner Frau Reisenbichler.

Nachdem der Franz den Wünschen aus dem Fitness-Studio entsprochen hat, lässt er sich inklusive Tageszeitung in dasselbe Sofa fallen, auf dem er gestern in höchster Not seine Frau bei einer Tasse Tee sitzen sah. Ein „Zzzd, zzzd!“ seines Telefons signalisiert den Erhalt einer SMS-Nachricht – Absender: Axel Hebenstreit. In der kleinen Sprechblase auf dem Display ist ein gequält dreinblickender Smiley mit eingebundenem Kopf abgebildet, mehr nicht. Der Reisenbichler muss schmunzeln und fasst sich an den eigenen, schmerzhaft pulsierenden Brummschädel.

Er nimmt die Zeitung zur Hand, in der gleich auf der ersten Seite das arg zugerichtete Gesicht des Bürgermeisters abgebildet ist. „Stadtoberhaupt krankenhausreif geprügelt – Täter in Haft.“, titelt das Blatt. Der anschließende Artikel, eine Räuberpistole der übelsten Sorte, berichtet von zwei stadtbekannten Raufbolden, die wegen einer Frau in Streit und schließlich aneinandergeraten seien. Der hiesige Bürgermeister sei entschlossen dazwischen gegangen, um die beiden zu trennen. Dabei sei er von einem der beiden attackiert und brutal niedergeschlagen worden…

„Stadtbekannte Raufbolde“, wiederholt der Reisenbichler und wirft die Zeitung angewidert in die Ecke.
Das Handy-Video bringt es zur selben Zeit auf unglaubliche 150.000 Aufrufe und 60.000 Likes. Knapp vor der 200.000er-Schwelle wird es aus „persönlichkeitsrechtlichen Gründen“ vom Netz genommen. User papilaya666, der den Clip hochgeladen und verbreitet hat, wird auf freiem Fuß angezeigt.

„Mir ist so schlecht“, textet der Roli dem Hebenstreit, worauf jener „Einer für alle“ zurückschreibt und den Smiley mit eingebundenem Kopf ans Ende der Nachricht setzt.

Vier Wochen später bei der Gerichtsverhandlung zeigt sich Erwin Baldauf gut drauf und alles andere als einsichtig. Hartnäckig pocht er auf eine Reihe von zum Teil absurden Milderungsgründen, die das Urteil des Richters im Endeffekt nicht beeinflussen. Nach einer Verurteilung wegen Nötigung und schwerer Körperverletzung wechselt er für die nächsten 3 Jahre von Unterhillinglah in die Strafvollzugsanstalt Suben, aus der er nicht vorzeitig entlassen wird. Die zivilrechtlichen Ansprüche, die der Bürgermeister nach seiner Genesung und dem Erwerb einer neuen Brille gegen ihn geltend macht, werden ihn und die anderen Baldaufs lebenslänglich ruinieren, aber das weiß er noch nicht.

A. Hochmair (2016)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.