Die Volksfestwatsche 2

Probebeleuchtung

Heute ist der berühmt-berüchtigte Vorabend zum Volksfest. An diesem Abend findet traditionellerweise die sogenannte Probebeleuchtung statt. Wie der Name schon sagt, wird im Rahmen der Probebeleuchtung – die Einheimischen sagen Probebefeuchtung – gewissenhaft überprüft, ob die Abläufe in den Bierzelten und Weinhallen sitzen, und ob die Fahrgeschäfte und Klohäuser ordnungsgemäß funktionieren. „Wo fangen wir denn an?“, fragt der Hebenstreit und stellt die Alternativen zur Wahl: „Gehen wir zuerst ins Zelt und dann in die Allgemeine oder umgekehrt?“ „Wir könnten auch zuerst ins Weindorf gehen, dort der Jugend beim Komasaufen zuschauen und dann über den Vergnügungspark in die Allgemeine rüber“, erweitert der Lehner den Begehungsplan. Doch Franz Reisenbichler winkt ab: „Ich hab’ einen Durst“, sagt er, „und wenn ich einen Durst hab’, dann geh’ ich zunächst einmal ins Bierzelt, nicht in die Weinhallen. Meinetwegen können wir auf dem Weg dorthin gerne den Vergnügungspark mitnehmen, weil durch müssen wir ja so oder so, aber mehr nicht.“ „Passt!“, sagt der Hebenstreit und der Roli ruft freudig: „Sounds like a plan!“, womit die Marschrichtung für den heutigen Abend grob vorgegeben ist.

Früher war die ganze Stadt angesichts einer Probeleuchtung in Aufruhr. Egal ob affirmativ oder ablehnend, eine Probebeleuchtung ließ in der Region niemanden kalt: „Heit’ gibt’s nur ein Gas, Vollgas!“, zeigten sich die Lebenshungrigen und insbesondere –durstigen zu allem bereit – „Hoffentlich passiert nix!“, rangen die Ängstlichen die Hände, weil Nasenstüber, Schwitzkästen, Schulterwürfe und Faustschläge sowie kleinere bis mittelgroße Vandalenakte integrative Bestandteile einer jeden Probebeleuchtung darstellten. Aufgrund der schieren Menge an Alkohol vor- und verkostenden Menschen, die mit fortschreitender Stunde ihr Sprachvermögen sukzessive an ersteren verloren, war es auch kein Wunder, dass das Sicherheitsrisiko stieg. Man musste daher nicht verblüfft oder gar traurig sein, wenn man eine blutige Nase oder eine Platzwunde ausgefasst hatte. Das war vielmehr eine Bestätigung, dass man da gewesen war.

Dennoch: Wer nicht steinalt oder augenscheinlich unter dem erforderlichen Mindestalter war, ließ es sich im Normalfall nicht nehmen, bei diesem Testabend im Dienste der Allgemeinheit dabei zu sein und sicherzustellen, dass für das große Fest an den darauffolgenden Tagen auch alles saß und passte. Und selbst wenn man keine Lust hatte oder die ganze Veranstaltung von Grund auf ablehnte, alleine um mitreden zu können, war man letztendlich doch vor Ort.

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