Die Volksfestwatsche 3

„Ochsenbraterei“

Vom frivolen Glanz des einstigen Probebeleuchtungszaubers ist heute freilich nicht mehr viel übrig. Ein schwacher Schimmer vielleicht, der allerdings jeden Moment zu erlöschen droht.
„Ja scheiß mich an, da ist ja überhaupt nix los“, kommentiert der Lehner Roli die triste Besuchersituation am Gelände. Wo sich früher die Leute aus Platzmangel gegenseitig auf die Füße traten und förmlich hindurchschoben, wo die ländliche Bevölkerung aus der Umgebung bereitwillig den Führerscheinentzug riskierte, um nur ja ausreichend Präsenz in den Wein- und Bierhallen und im berüchtigten Vergnügungspark zu zeigen, taumeln heute ein paar Jugendliche verloren umher, denen die bunt leuchtenden Fahrgeschäfte und der ganze angebotene Trubel vollkommen egal sind. „Die trinken Hugo oder irgendwas mit Eristoff im Weindorf und sind glücklich“, bemerkt der Hebenstreit abgeklärt, als die Musketiere eine Gruppe Jugendlicher mit schief aufgesetzten Schirmmützen passieren. „Keine Autodrom-Kultur mehr?“, fragt der Reisenbichler, der die letzten zwanzig Jahre im Ausland verbracht hat. „Kein Herumhängen im windigen Tunnel der St. Petersburger Schlittenfahrt? Kein Kopfstand mehr im Round-up?“, fährt er mit seinen eigenen Jugenderinnerungen fort. „Nix“, antworten Arthos und Aramis unisono, „gibt’s nimmer.“

Auch die ewig rauflustigen Delegationen aus Sipbachzell, Peiskam oder Eberschwang blieben seit Jahren aus, was wiederum negative Auswirkungen auf die Besuchsfrequenz der Stänkerer aus den eigenen Reihen nach sich gezogen habe. „Tempi passati“, sagt der Hebenstreit, und der Roli wiederholt: „Dempi passati.“ Die Probebeleuchtung habe leider, leider ihre Originalität verloren. „Schlimmer noch“, philosophiert er weiter, „sie ist zu einer profitgierigen Möchtegern-Ausgabe des (Münchner) Oktoberfests verkommen!“
Als wollte die Wirklichkeit diese These bestätigen, erreichen die drei in derselben Sekunde das nach süddeutschem Vorbild benannte Bierzelt „Ochsenbraterei“, aus dem ein herzhaftes „Oans, zwoa, gsuffa“ herausschallt. „Ochsenbraterei?“, regt sich Franz Reisenbichler augenblicklich auf, „Hier hat es doch wohl einmal „Kaiser-Bierhalle“ geheißen, oder etwa nicht?“ Nur dieser Name sei korrekt, so der Reisenbichler. „Immerhin wurde und wird hier Kaiser Bier ausgeschenkt, Ochsen hingegen werden augenscheinlich keine gebraten.“ „Scheiß dich nicht an, Reisenbichler“, schreit der Hebenstreit bereits vollends im Partymodus, „willst’ saufen oder diskutieren?“

 
Darauf weiß Franz Reisenbichler keine passende Antwort. Stattdessen fallen ihm die Worte seiner Frau, der Frau Reisenbichler, ein: „Reg dich nicht wieder sinnlos auf, Franz, du weißt ja, wie das endet.“, hat sie zu ihm gesagt, als er vor einer halben Stunde frisch geduscht den gemeinsamen Haushalt verlassen hat. Wenn es etwas gibt, das der Reisenbichler mit Sicherheit weiß, dann dass seine Frau mit ihren Empfehlungen noch nie daneben gelegen ist. Der Franz würde das natürlich keinesfalls öffentlich zugeben, nicht in diesem Leben und auch nicht im nächsten. Allerdings sitzt irgendwo hinter der Stirnplatte seines mächtigen Sturschädels ein vernunftbegabtes Zentrum, das Frau Reisenbichler einst mitbegründet hat und das heute beinahe fehlerfrei arbeitet. Und weil der Reisenbichler tatsächlich genau weiß, was passiert, wenn er sich aufregt, lässt er die schnöde Nomenklatur-Diskussion ebenso wie die wenig nützliche Einst-und-jetzt-Evaluierung beiseite und zieht lieber zusammen mit den anderen Musketieren in das brodelnde Geschehen der „Ochsenbraterei“ ein.

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