Die Volksfestwatsche 4


Grillhuhn und Achselschweiß

Vorne im Eingangsbereich hat der private Sicherheitsdienst STA (Security Team Austria) Stellung bezogen. Die bis an die Hälse tätowierten Mitarbeiter tragen dunkle STA-Overalls und Handschuhe und sind für den Fall des Falles mit Schlagstöcken, Pfefferspray und Handschellen ausgerüstet. Auffallend ist, dass auch ein paar finster dreinblickende Mädchen mit schwarzen Schildkappen dem Security-Team angehören, was der Reisenbichler fortschrittlich, der Roli hingegen lächerlich findet.

Die ehemalige „Kaiser-Bierhalle“, die nunmehr „Ochsenbraterei“ heißt, steht unter Dampf: Bei tropischem Klima vermengen sich Grillhuhnaromen mit dem Geruch von verschüttetem Bier und einer gigantischen Geräuschkulisse. Zigarettenqualm und menschliche Ausdünstungen runden den atemberaubenden Brodem in der Halle ab.
„Hier sind wir richtig“, sagt der Hebenstreit und bleckt die Zähne. Er muss schreien, damit ihn die anderen verstehen. Der Roli nickt und hält den Daumen nach oben. Franz Reisenbichler sagt ansatzlos, „Drei Bier!“, zu einer ein riesiges Tablett mit 20 Bierkrügen balancierenden Kellnerin, die hoch konzentriert an ihm vorbeieilt. „An der Bar vorn’“, bleibt sie höflich und macht eine Kopfbewegung in die ihr entgegengesetzte Richtung. Dem Reisenbichler kommt es so vor, als hätte er einen Doppler-Effekt wahrgenommen, so schnell ist die Kellnerin an ihm vorübergelaufen und in einer der kilometerlangen Tischreihen wieder verschwunden.

 
Auf dem Weg zur Bar kommen die drei am ViP-Bereich vorbei, der sich aus mehreren Biertisch-Garnituren zusammensetzt und von einem kleinen Holzzaun eingefriedet ist. Den Ehrenbereich, in dem Politik und Wirtschaft trachtig beisammensitzen, betritt man durch einen Torbogen aus Holz, über dem „Bacchus-Hain“ geschrieben steht. Der juvenile Bürgermeister, der zum ersten Mal nicht als einfacher Gast, sondern in seiner Funktion als bieranstechendes Stadtoberhaupt an der Probeleuchtung teilnimmt, wirkt in der knielangen neuen Lederhose und den schweren Haferlschuhen etwas tapsig, scheint aber gut drauf zu sein, weil er allenthalben Leuten zuwinkt und dabei freundlich über das ganze Gesicht strahlt. Allein die metallische Kälte seines Brillengestells verrät ihn letztendlich. Unterdessen schütteln Stadträte unterschiedlicher Couleurs über den Holzzaun hinweg Hände, während die Geschäftsleute eine Runde nach der anderen spendieren. Auch ein paar Adabeis haben es in den inneren Kreis geschafft, worüber sie gleichermaßen stolz und glücklich sind.

 
„Bestell’ mir auch gleich eines mit!“, ruft der Roli dem Reisenbichler nach, der sich als erster zur Bar vorgearbeitet hat. „Mir auch!“, plärrt der Hebenstreit, „Ich zahl’s dir eh!“ „Drei Bier“, wiederholt der Reisenbichler seine Bestellung von vorhin, diesmal mit Erfolg. Der Bestellvorgang wiederholt sich in kürzester Zeit und mit verteilten Rollen mehrere Male, sodass die Musketiere endlich nicht mehr das Gefühl haben, auf dem Trockenen zu sitzen.

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