Die Volksfestwatsche 6

Zoff am Lokus

Die nur einen Steinwurf entfernte Kloanlage ist ein befestigter, flacher Bau, weiß getüncht und mit diskret schmalen Oberlichten im Über-Kopf-Bereich. Aus gutem Grund vollverfliest, ist sie die letzte Anlage des Geländes mit einer sogenannten Pinkelrinne.

Pinkelrinnen-WC-Anlagen sind die Dinosaurier der öffentlichen WC-Technik. Sie haben den Vorteil, dass sie von Männern unterschiedlicher Größe gleich gut und in viel höherer Anzahl gleichzeitig benutzt werden können als beispielsweise Urinal-Anlagen (egal ob mit oder ohne Schamwand), was bei Großveranstaltungen mit hohem Besucherandrang ein deutliches Plus darstellt. Nachteile sind der sehr hohe Wasserverbrauch – aus Hygienegründen muss die Wand oberhalb der Rinne ununterbrochen bewässert werden –, der schlechte Geruchsverschluss und das nicht von der Hand zu weisende Faktum, dass Boden und Kleidung im weiten Umkreis des Benutzers zwangsläufig verunreinigt werden. Darüber hinaus bietet diese Spielart der öffentlichen WC-Technik keinerlei Diskretion, was nicht nur für Männer, die unter Paruresis leiden, eine gewisse Belastung darstellt.

Zum Zeitpunkt des Reisenbichlerschen Zwischenstopps ist die alte Anlage stark frequentiert. Breitbeinig stehen Erleichterung suchende Benutzer Schuh an Schuh nebeneinander, während die Vollverfliesung das Zischen der unentwegt arbeitenden Wasserdüsen zusammen mit den unterschiedlichsten Männergesprächsfetzen in den hallenden Raum zurückwirft. Der Franz muss kurz anstehen, bis er an der Rinne ist.

Links von ihm schwankt ein jugendlicher Probebeleuchtungsgast im Rhythmus seines Frühabendrausches vor und zurück und monologisiert Unverständliches. „Sprachverlust“, konstatiert der Reisenbichler trocken, ohne sich weiter um den Jungen zu kümmern. Zu seiner Rechten verrichtet ein bulliger kleiner Mann mit kegelförmigem Oktoberfest-Hut, heruntergeklapptem Lederhosenlatz und Händen so groß wie Wagenräder sein Geschäft.

„Ois a ewiger Kreislauf“, lallt der Mann, seinem Wasser hinterdrein, während er sich mit der Stirn an der Verfliesung abstützt und unter erheblichen Gleichgewichtsproblemen auf das Geschehen zwischen seinen Füßen starrt. Dann wendet er sich Bestätigung suchend an den Franz: „Oder vielleicht net?“, will er wissen, und auf seiner braun gebrannten Brust schaukelt ein filigranes Goldkettchen mit Kreuzanhänger hin- und her.

„Sowieso“, gibt jener amüsiert und leicht berauscht zurück, fügt aber dummerweise und ohne nachzudenken hinzu: „Grausen sollt’ einem halt nicht vor den ganzen Kreisläufen hier drinnen.“ „Wie meinst’ des? Was soll i net?“, entgegnet der Bulle, der eindeutig auf der Suche nach einem Konflikt ist, gereizt und mit feindseligem Unterton. „Willst’ vielleicht sagen, dass i grauslich bin?“

Franz Reisenbichler, der das Unvermeidliche bereits kommen sieht, möchte das Missverständnis rasch aufklären und schaut in einer Art fehlgeschlagenen Übersprungshandlung zu seinem Nachbar mit den großen Händen hinüber. „Was schaust’ mi denn so deppert an?“, steigert sich jener augenblicklich in ein erstes Ragestadium hinein. Als der Franz kurz wegschaut, folgt auf den Fuß die nächste Eskalationsstufe: „Schau mi’ g’fälligst an, waun i mit dir red’“, schneidet ihm der Mann mit nach wie vor herunter geklapptem Lederhosenlatz jeglichen Ausweg ab und baut sich in eindeutiger Absicht vor dem Franz auf.

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