Die Volksfestwatsche 7

Flucht durch List

Drinnen in der „Ochsenbraterei“ erreicht die Stimmung ihren ersten Höhepunkt. „Dahoam“ lassen ein Hit-Trommelfeuer vom Stapel, das die Menge zum Kochen bringt: Am Beginn der musikalischen Klimax steht „Da Joker“ (in der Version von Ostbahnkurti und der Chefpartie), gefolgt von Falcos „Der Kommissar“, für dessen Interpretation Michael Heltau eigens eine dunkle Sonnenbrille aufsetzt. „Du bist a moderne Hex“ falsettiert die knackige Chorsängerin von „Dahoam“ daraufhin in der Tradition von „Nickerbocka“, und mit Georg Danzers legendärem „Weiße Pferde“ kommt das Programm schließlich wieder ein wenig zur Ruhe.

Zur Musik räkelt sich neben vielen anderen auch ein in unmittelbarer Nähe von Athos Hebenstreit und Aramis Lehner befindliches Mädchen mit knackiger Figur und langen dunklen Haaren. Sie trägt hauteng anliegende Bluejeans, dazu ein weit geschnittenes ärmelloses Tank Top, das großzügige Einblicke gewährt und ihren türkisen Netzbüstenhalter prominent in Szene setzt. Sie ist wahnsinnig gut gelaunt und umarmt hin und wieder freundschaftlich die Burschen, mit denen sie unterwegs ist, sowie noch viele andere mehr. Dabei lacht sie fröhlich und sieht dabei genauso aus wie der drollige Esel aus dem Animationsfilm „Shreck“.

Keine hundert Meter von diesem fröhlichen Schauplatz entfernt sieht Franz Reisenbichler seine Chancen auf eine unbeschädigte Rückkehr in die „Ochsenbraterei“ gegen null sinken: Da sowohl das Hin- als auch das Wegschauen über kurz oder lang einen gewalttätigen Übergriff bedeuten, sind jetzt die Reisenbichlersche Imaginationskraft und Fantasie dringend gefragt. „Schau mal, da drüben!“, versucht es der Franz (eher aus Verzweiflung) mit einem traditionsreichen Ablenkungsmanöver und macht eine Kopfbewegung in Richtung Ausgang, der im Rücken von Erwin Baldauf, wie der Bulle im bürgerlichen Namen heißt, gelegen ist.

Der aus Unterhillinglah (Gemeinde Fraham) stammende Gerüstbauer ist in Polizeikreisen kein Unbekannter. Ebenso wie seine Brüder Ernst und Edwin kann auch der Erwin, der als besonders gewaltbereit gilt, auf eine vorstrafenreiche Karriere als regionaler Schläger und Raufbold verweisen. Zuletzt wurde er verurteilt, weil er im Bierzelt-Trubel der Rieder Messe einem älteren Mann, der versehentlich von seinem Bier getrunken, als Vergeltungsmaßnahme das halbe linke Ohr abgerissen hatte.

Womit freilich niemand – der Franz am wenigsten – gerechnet hätte, ist, dass Erwin Baldauf auf die Reisenbichlersche „Schau mal, da drüben“-List hereinfällt und sich tatsächlich in Richtung Ausgang umdreht. Als er bemerkt, dass man ihn hereingelegt hat, sieht er dunkelrot und möchte dem Franz augenblicklich die Gliedmaßen aus den Gelenken drehen. Aufgrund seines alkoholbedingten Vertigos muss er jedoch für einen Moment zurück in den Stirnstütz. Diesen Augenblick der Schwäche weiß Franz Reisenbichler zu seinen Gunsten zu nutzen. Blitzschnell packt er zusammen, duckt sich nach hinten weg und sprintet flugs aus der weiß verfliesten Höhle hinaus.

Nach seiner Rückkehr zu den Musketieren ist dem Reisenbichler die Lust am Feiern vorerst vergangen. Er will nach Hause. „Wos is?“, johlt Axel Hebenstreit in Bestlaune, „Hast’n leicht nicht g’funden?“ Mit dem Zeigefinger in Richtung Hosentüre deutend, dreht er sich zum Roli, und beide müssen laut lachen. Dem Reisenbichler, der grundsätzlich ein Freund des handfesten Witzes ist, kommt im Moment kein Grinser aus. Zu tief sitzt ihm das Bullen-Erlebnis noch in den Knochen. Weil aber der Hebenstreit eine neue Runde frisch Gezapftes ausgibt und „Dahoam“ zu einem weiteren unwiderstehlichen Prosit inklusive „Zickezacke“ aufspielen, lässt er fünf gerade sein und bleibt noch ein bisschen zu Gast in der ehemaligen „Kaiser-Bierhalle“.

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