Die Volksfestwatsche 8

Zuspitzung

Man muss zu Erwin Baldaufs Verteidigung sagen, dass er im Moment, als ihm der Reisenbichler entwischt, mindestens eine Flasche „Schweres Wasser“ intus hat und nicht mehr gut denken kann. Mit „Schwerem Wasser“ ist nicht etwa die chemische Verbindung D2O gemeint, sondern eine „autochthone“ Schnapsmarke, die ausschließlich auf dem Festgelände und dort nur von „Fredis Schnapsbus“, einem mobilen Messekuriosum mit aufklappbarer Seitenwand, ausgeschenkt werden darf. Wirt und zugleich Fahrer des Schnapsbusses ist tatsächlich ein Mann namens Fredi (kein Nachname, nur „Fredi“), der sein „Schweres Wasser“ (Alkoholanteil: 56%) mit Entzücken an Jugendliche und Betrunkene ausschenkt und auch selbst ein bedingungslos treuer Kunde seiner rollenden Schänke ist.

Wäre der Erwin wie gesagt nur ein bisschen nüchterner gewesen und hätte er sich nicht abstützen müssen, dann wäre ihm der Franz nie und nimmer durch die Lappen gegangen! Die verpasste Gelegenheit macht den Bullen nun so fuchsteufelswild, wie er sich nicht entsinnen kann, jemals gewesen zu sein. Unter Aufbietung seiner letzten Konzentrationsreserven klappt er den Lederhosenlatz nach oben und knöpft ihn fest. Dann taumelt er mit Anlauf aus der alten WC-Anlage hinaus ins Freie und blickt wild um sich.

Auf dem Weg zurück ins Bierzelt, in dem sich die anderen Baldauf-Brüder bereits fragen, wo denn der Erwin bleibt, verschafft er sich zwischenzeitlich etwas Erleichterung, indem er einem x-beliebigen Passanten einen Rempler versetzt, der jenen mehrere Meter dahinstolpern und Kopf voran auf dem Asphalt aufschlagen lässt. Ungerührt steigt Baldauf über den regungslos am Boden liegenden Körper hinweg und stürzt – immer noch geladen wie eine Glock – in die „Ochsenbraterei“ hinein.

Franz Reisenbichlers Stimmung ist nach den ersten Schlucken vom neuen Glas Bier dabei, sich aufzuhellen. Als „Dahoam“ den volkstümlichen Schlager „Geboren, um dich zu lieben“ von Nik P. interpretieren, wippt seine Schuhspitze sogar im Takt der Musik, während der Hebenstreit und der Roli aus vollem Hals mitgrölen und ausgelassen in der Menge tanzen. Dabei werfen sie sich begeisterte Blicke zu und sind durch nichts zu bremsen. „Alle für einen!“, kreischt der Hebenstreit irgendwann vor Begeisterung, woraufhin der Roli spiegelverkehrt „Einer für alle!“ zurückjubelt.

Als sich der Franz gerade zu den beiden Freunden durchschlagen möchte, um das unerfreuliche Klo-Erlebnis endgültig hinter sich zu lassen, fällt ihm ein Mädchen um den Hals, dessen Lächeln ihn in der Sekunde an den Esel aus dem Animationsfilm „Shrek“ erinnert. „Denk dir nix!“, flötet sie, „heut’ ist Probebefeuchtung.“ Dann schlingt sie ihre Arme und Beine um den Franz und lädt ihn leicht geöffneten Mundes dazu sein, sie zu küssen.

Dem Franz ist die plötzliche Intimität der Unbekannten nicht ganz recht. Vergeblich versucht er, sich aus ihrer Umklammerung zu befreien, bis eine ihm leidlich bekannte Stimme die peinliche Szene abrupt beendet: „Erika!“, brüllt der Bulle aus Unterhillinglah, worauf das Eselchen wie vom Blitz getroffen ihr Objekt der Begierde freigibt. Es stellt sich heraus, dass sie die jüngste Schwester der Baldauf-Brüder und heute zum ersten Mal mit auf einer Probebeleuchtung ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.