Die Volksfestwatsche 9

Es kracht

„Die Sau vom Klo!“, entfährt es Erwin Baldauf, als er erkennt, um wen es sich bei jenem Lanzelot handelt, den die Erika da umklammert hatte.

Dann kehrt eine innere Ruhe, wie er sie seit vielen Jahren nicht mehr erlebt hat, in den Erwin ein. Nach außen hin tobt weiterhin sein Wutausbruch, an dessen dramaturgischem Höhepunkt er dem Franz gestisch mit dem Durchschneiden der Kehle droht, während er innerlich von einer selten dagewesenen Zufriedenheit – vielleicht sogar Demut – durchdrungen wird: Der Liebe Gott hatte ihm nach langer Zeit endlich wieder einen Anlass geschenkt, einen lupenreinen Anlass, die Dinge und sich selbst ins Lot zu bringen. Im konkreten Fall, bei dem der Sachverhalt aus seiner Sicht eindeutig war, würde man die Schuld nicht bei ihm suchen. Dieses Mal sei er derjenige, dem Unrecht widerfahren war.

Abgesehen von den Beleidigungen drüben in der WC-Anlage, muss er jetzt auch noch seine kleine Schwester vor einer Nötigung bewahren, hinzu kommen die vielfältigen Ärgernisse des Alltags, da läuft irgendwann jedes Fass über. Bei seiner nächsten, unmittelbar bevorstehenden Gewalttat läge somit eine ganze Reihe an Umständen vor, die ein jeder halbwegs vernünftige Richter als mildernd beurteilen müsse.
Und während sein berauschter Verstand noch um diese und ähnliche absurde Gedanken kreist, versetzt ihm sein gedrungener Körper einen Adrenalinstoß, der ihn stiergleich nach vorne in Richtung Reisenbichler stürzen lässt.

Der seelische Zustand von Franz Reisenbichler verhält sich umgekehrt reziprok zu dem seines Angreifers: Obwohl er ebenfalls eine elementare Aversion gegen seinen Widersacher empfindet, wütet in seinem Inneren eine Mischung aus Angst und Panik, die ihn erstarren und nach außen hin paradoxerweise ruhig und gefasst erscheinen lässt. Für einen kurzen Moment fällt dem Franz seine Frau, die Frau Reisenbichler, ein, wie sie jetzt daheim auf dem Sofa sitzt und unter dem Schein der Leselampe friedlich ein Buch liest. Neben ihr auf dem Beistelltisch dampft eine gemütliche Tasse Tee. Weiter kann er dieser Vision nicht folgen, da sein Gegner bereits auf ihn zustürmt.

„Der Herr wird dir geben“, faucht Erwin Baldauf, als er seine Faust auf die Reise schickt. Seine Vorteile gegenüber dem Franz sind die ihm angeborene Kraft und Furchtlosigkeit, seine alkoholbedingte Instabilität und bescheidene Intelligenz wirken sich hingegen negativ aus. Der Unterhillinglaher Raufbold setzt seine Attacke – „Fredis Schnapsbus“ sei Dank – dermaßen ungeschickt in die Tat um, dass es dem Franz gelingt, unter dem Schlag hinwegzutauchen und so den unmittelbaren Gefahrenbereich zu verlassen. Fast sieht es danach aus, als würde die Baldaufsche Faust unverrichteter Dinge ins Leere sausen, da schlägt sie krachend in einem Alternativziel ein…

Ein Aufschrei geht durch die Menge, als der juvenile Bürgermeister, der exakt hinter dem unheilvollen Szenario ein Tänzchen gewagt hatte, schwer getroffen in sich zusammensackt. Jemand ruft „Attentat“, ein anderer „Polizei“, ein Dritter „Wir brauchen an’ Arzt“. Sekunden später unterbrechen „Dahoam“, die den Tumult bemerken, ihr Programm. Der Saal kommt zum Stillstand, irgendwo zerspringen die Gläser eines herunter gefallenen Tabletts. Um den bewusstlosen Bürgermeister, dessen Körper gespenstisch-groteske Zuckungen ausführt, bildet sich eine kreisförmige Lichtung. Neben ihm auf dem Boden liegt seine Brille, die in zwei Teile zerbrochen ist. Am Rand der Lichtung drängen sich neugierige Bierzelt-Besucher. Sie wollen zumindest einen Blick auf das verunfallte Stadtoberhaupt erhaschen oder gar ein Handy-Video aufnehmen, was einigen auch gelingt. Zwei Kollegen, mit denen der Bürgermeister vorhin gemeinsam im „Bacchus-Hain“ gezecht hatte, eilen ihm zu Hilfe und halten die potenziellen Redakteure in Schach.

Ein zufällig anwesender Mediziner mit gepflegtem dunklen Haar gibt sich als solcher zu erkennen – „Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt!“, ruft er souverän, als wäre er gerade einer US-amerikanischen TV-Serie entstiegen. Dann schiebt der Doktor die Schaulustigen beiseite, kniet sich neben den Bürgermeister und führt eine Erstuntersuchung durch. Ein paar Minuten später hat dessen Körper die Wirkung des Schlages so weit verdaut, dass er zu sich und – gestützt von den beiden Kollegen – auch wieder auf die Beine kommt. Benommen klopft sich der Bürgermeister den Schmutz von der Lederhose und sucht unbeholfen nach seinem Tiroler Hut, der ihm durch die Wucht des Schlags vom Kopf geflogen ist. Er hat überhaupt noch nicht realisiert, was gerade passiert ist. „Geht schon wieder“, murmelt er stadtmännisch und winkt in die starrende Menge, dabei hat er ernsthafte Verletzungen: Die Lippe ist aufgeplatzt und blutet stark, und zu allem Überfluss ist ein Schneidezahn ausgebrochen. Wie sich später im Klinikum herausstellt, hat er auch eine Gehirnerschütterung erlitten, sodass er den Amtsgeschäften eine Woche fernbleiben muss.

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