Wächter der Wellen

Andreas Hochmair AutorSie waren nicht beliebt, hatten aber Macht. Bei einem Verstoß gegen die Badeordnung konnten sie einen jederzeit und ohne Recht auf Widerrede des Areals verweisen. Manche Kinder grüßten sie ehrfürchtig wie einen Polizisten oder Lehrer – damals noch angesehene Berufe –, wenn sie ihnen auf ihrer Streife durch das Gelände begegneten. Sie nickten je nach Laune zurück, während sie, glänzend von Tiroler Nussöl ihre Trillerpfeifen an mittellangen Kordeln in abnehmenden Orbits um ihre Zeigefinger kreisen ließen.

Weißbraune Wachsamkeit
Ihre Haut entsprach dem Braunton einer Schokolade mit 75% Kakaoanteil, der von der strahlend weißen Dienstbekleidung scharf kontrastiert wurde. Die Sirs unter den Wächtern trugen blütenweiße Feinripp-Shirts mit langen, strahlend weißen Hosen und – nicht zu vergessen – Holzpantoffeln, deren verstellbare Riemen ebenfalls weiß leuchteten. Ein routinierter Badegast konnte allein am Klang des klatschenden Holzpantoffel-Geräuschs erkennen, welcher Bademeister sich gerade näherte. Bei Flip-Flops, die eher von der zweiten Garnitur getragen wurden, war das bedeutend schwieriger.

Whistle Blowing im eigentlichen Sinn
„Owa vom G’landa!“, lautete der häufigste und zugleich am wenigsten beachtete Ordnungsruf, der kurz nach einem spitzen Pfiff aus der Pfeife erscholl. Das besagte Edelstahlgeländer war eine bauliche Einrichtung, die das sogenannte Sprungbecken (5 Meter tief!) vom Familienbecken trennte und auf der es sich wunderbar herumturnen ließ.
Während sie uns Burschen ablehnten oder jagten, waren die Bademeister den jungen Frauen und Mädchen, die sich im Bikini um sie tummelten, überaus zugetan, sodass ausgedehnte Schwätzchen und erotische Bewerbungsgespräche auf der Tagesordnung standen – bei der zweiten Garnitur jedenfalls. Es wäre sicher nicht ratsam gewesen, während der Balz der Bademeister in Badenot zu geraten, auch wenn der eine oder andere eine flüchtige Ausbildung in Rettungsschwimmen und Erster Hilfe genossen hatte.

Schwimmen lernen fürs Leben
Wie dem auch sei: Wir sahen in ihnen ernstzunehmende Gegner, mit denen wir offenen Visiers um die Vorherrschaft im Freibad ritterten. Oft verloren wir, manchmal gewannen wir, aber letztendlich waren sie es, die uns unverzichtbare Ezzes für das Leben außerhalb des Nichtschwimmerbereichs mitgegeben haben.
Und heute? Heute gräbt jeder, der kann, sein eigenes Bassin, foliert es, befüllt es und kürt sich selbst zum Wächter über die hauseigenen Wellen, über die er absolut und ohne weiße Hose herrscht.

Diese eigensinnige und durchaus bedenkliche Privatisierungstendenz hat dem stolzen Geschlecht der Bademeister letztendlich die Daseinsgrundlage entzogen, weshalb seine Vertreter heutzutage nur noch als braune Schatten ihrer selbst über die Waschbetonplatten der heimischen Bäder schlurfen.

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