Frühlingseinbruch

Andreas Hochmair AutorDie Buxbaum-Hecke von Nachbar Franz und die Liguster-Hecke von Nachbarin Ilse grenzen unmittelbar aneinander. Die Hecke vom Franz ist so exakt getrimmt, dass man eine Wasserwaage an ihr eichen könnte. Die Hecke von der Ilse ist allerdings noch viel gerader. Franz und Ilse stehen einander gegenüber und stutzen mit großen Scheren und chirurgischer Präzision ihre Formgehölze zurecht.

„Waren S’ bei der Eröffnung?“, murmelt der Franz konzentriert. „Bei welcher Eröffnung?“, fragt sie zurück, ohne von der Arbeit aufzusehen. „Na von dem neuen Lokal.“ Indem sie einen Ligusterzweig abzwickt: „Von welchem Lokal denn?“ „Irgendwas mit Zeit. Unten an der Traun. Bei der Eisenbahnbrücke“, präzisiert der Franz. „Sie verkaufen dort Bier in Flaschen aus gebürstetem Aluminium!“„Dort wo die schiachen Hallen vom Messegelände sind? Wer soll denn da hingehen?“, gibt die Ilse schnippend zu bedenken. „Na ja, die Leute! Der Sinn von einem Lokal ist ja auch, etwas Schiaches schöner zu machen – es zu beleben. Belebungsprojekt nennt man das“, doziert der Nachbar. „Versteh’ ich nicht. Ein schiaches Haus, in das ich ein schönes Zimmer einbau’, bleibt am Ende immer noch ein schiaches Haus.“ „Gehen S’, Sie“, entfährt es dem Franz, „mit Ihren g’scheiten Vergleichen! Sie würden am Ende das ganze Messegelände wegreißen und wahrscheinlich irgendwo am Flughafen wieder aufbauen.“

Die Ilse unterbricht ihre Schneidearbeit und überlegt kurz: „Warum nicht? Das wär’ vielleicht das G’scheiteste.“ Für heute reicht es dem Franz: „Ich muss noch mein Auto heraussaugen, bevor es zu regnen anfängt. Wiederschaun!“ Er dreht sich um und lässt seine Nachbarin hinter ihrer Ligusterhecke stehen. „Wiederschaun!“ ruft diese ihm nach und lächelt. Als sie sicher ist, dass er es nicht sieht, trimmt sie mit einem blitzschnellen Schnitt einen abstehenden Zweig von seinem Bux zurecht.

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