Im Salon der wilden Frisösen

Die Töchter Nr. 1 und Nr. 2 wühlen wie besessen in den Haaren von P., der auf einem imaginierten Frisörstuhl im Wohnzimmer Platz genommen und seine Frisur wacker zur Bearbeitung freigegeben hat.

Nr. 2 (mit einem Holzklötzchen in kurzen Intervallen auf P‘s Kopf klopfend): PATSCH, PATSCH!

P.: AU! Was ist das denn für eine Form der Behandlung?

Nr. 1 (im Duktus der Zeremonienmeisterin): So werden die Haare gereinigt. Mit erhobenem Zeigefinger: Das ist seehr wichtig!

P.: Aha, na dann.

Luftballons

Ballons Zum Haare Färben

Nr.: 2: PATSCH! Foh. (Sie kann nicht „s“ sagen.)

P.: AUA…!

Nr. 2: Fer-tig! 

Sie legt das Holzklötzchen beiseite und danach ihren Kopf tröstend in den Schoß von P.

P. (erleichtert): Sehr schön! Gibt es in diesem Salon vielleicht auch Kaffee?

Nr. 1: Natürlich. Barsch: Nr. 2, Kaffee bitte!

Nr. 2 springt begeistert davon und kommt mit einer Tasse „Luftkaffee“ zurück, aus der zu Dekorationszwecken eine Filzkarotte herausragt.

Nr. 2 (freundlich bestimmt): T®inken!

P.: Oh, vielen Dank!

P. setzt die Miniaturtasse an die Lippen und führt eine symbolische Trinkbewegung aus, zu der Nr. 2 selig Beifall klatscht.

Nr. 1: So, nun aber los. Ich schneide jetzt.

P.: (mit gespielter Angst): Aber bloß nicht die Ohren!

Nr. 1 (kühl): Natürlich nicht. Nachdem sie mit den Zeigefingern ein paar Schneidbewegungen vollzogen hat: Jetzt kommt etwas Spray.

P.: Ach, jetzt schon?

Nr. 1: Ja, natürlich. Ich liebe Spray!

Sie gibt „ff-fff “-Laute von sich und nebelt den Salon gehörig mit Fantasie-Haarspray aus einem übergroßen hellblauen Lego-Baustein ein.

Nr. 1 (ernst): Jetzt kommt das Grau dazu. Dafür reibt sie einen schrumpeligen weißen Luftballon in raschen Bewegungen an P’s Haaren. Dann greift sie zu einem weiteren Ballon:

Und noch etwas Grün und Rot.

P. (besorgt): Sieht das auch schön aus?

Nr. 1 (einfühlsam): Das ist doch nur ein Spiel! Natürlich haben deine Haare noch immer dieselbe Farbe wie heute. Nach einer kurzen Pause, indem sie einen gelben Luftballon ergreift und damit deckend P’s Kopf einreibt: Jetzt kommt Gelb!

Als Nr. 1 unvermutet von der Arbeit ablässt, übernimmt Nr. 2 das Ruder. Die Gangart wird sogleich ruppiger, da die jüngere Fachkraft auch das Gesicht des Kunden umfassend behandelt – mit einem Zauberstab und einem kleinen Feuerwehrauto. Derweilen sinniert Nr. 1.

Nr. 1: Wenn man noch nicht auf der Welt ist, hat man auch keine Zahl. Zu Nr. 2: Etwas mehr Spray!

Frisöschere

Im Salon nicht erhältlich: die klassische Frisörschere

Nr. 2 macht „fffffffff“ und schwingt den Legostein.

P.: Keinen Zahn?

Nr. 1: Nei-in! Keine Zahl, kein Alter natürlich.

P.: Ach so! Wenn man noch nicht auf der Welt ist, dann hat man noch kein Alter, das stimmt. Aber Zähne hat man auch nicht.

Nr. 1: Das stimmt nicht, die Zähne sind ja schon vorbereitet! Nur sehen tut man sie halt noch nicht.

P.: Ist das so?

Nr. 1: Natürlich. Wie ich noch nicht auf der Welt war, hab’ ich auch schon vorbereitete Zähne gehabt.

P.: Und das weißt du noch so genau?

Nr. 1: Ja. Und auch, dass ich wild herumgeboxt habe im Bauch und dass das Licht rot war…

Indes haut Nr. 2 P mit dem Zauberstab auf die neue Frisur.

Nr. 2: PATSCH!

P: AUA! Hörst du auf, mich mit dem Zauberstab zu schlagen?

Nr. 1: Aber P., das ist doch nur ein Spiel!

P.: Aber für ein Spiel tut’s ganz schön weh.

Nr. 1: Aber Nr. 2 meint es nicht so, gell Nr. 2?

Nr. 2 (kreischend): NEI-IIN! Populon, Populon!

P: Populon?

Nr. 1 (übersetzt): Sie meint, dass sie noch einen (skandiert) Luft-bal-lon braucht – für die Haarfarbe.

Nr. 1 reicht Nr. 2 einen lila Luftballon, der augenblicklich in die Haare eingerieben wird. Die Behandlung nähert sich offenbar ihrem Höhepunkt, da nunmehr beide Damen am Skalp von P. herumzwicken, -schneiden und -reißen.

Haarbüschel Elvis Presley

Wo gehobelt wird…

Nr. 1: Jetzt noch ein bisschen Spray, und dann bist du fertig P.

Nr. 2: FER-TIG!

P. (derangiert): Wunderbar! Zu sich: Den Eindruck habe ich auch.

Nr. 1 (ihre Hände zu einem kleinen Hohspiegel formend): Noch schnell ein Blick in den Spiegel?

P.: Ist sehr schön geworden – und so bunt! Wie viel muss ich denn bezahlen?

Nr. 1: Gar nichts! Wir geben dir ein bisschen Geld, damit du shoppen gehen kannst hier bei uns im Einkaufszentrum.

P.: Oho, das ist aber ein interessantes Geschäftsmodell! Und was habt ihr davon?

Nr.1: Aber das ist doch nur ein Spiel, P.! Wir bekommen, was wir brauchen, ohnehin von der Mutti oder, wenn sie nein sagt, vom Christkind. Auf Wiedersehen!

Nr. 2: TSCHÜ-ÜFF!

P.: Na dann, Fröhliche Weihnachten!

Frau Nr. 1 (den Frisiersalon betretend): …?

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