Kindergarten-Burnout

In der Küche. Nr. 1 sitzt mit hängenden Schultern und hängendem Kopf beim Frühstückstisch, wobei ihr Gesicht aufgrund des eigenen Haarvorhangs nicht zu sehen ist. Allein die Nasenspitze, die beinahe das vor ihr auf dem Teller liegende Nutellabrot berührt, ist gerade noch erkennbar. Ihre Stimmung ist im Keller und kontrastiert den fröhlichen Bärchenpyjama, der nicht so recht ins Bild passen will.

 

P (die Küche betretend und bester Laune): Guten Mor-gen allerseits!

Frau Nr. 1: Guten Morgen P!

Nr. 2: A-lo P!

Nr. 1 (grummelt): Mmpf.Pyjama mit Eisbären

P: Was ist denn los, Nr. 1?

Frau Nr. 1 (die Augen rollend): Sie hat „Schmerzen“.

P: Schmerzen?! Ja welche Schmerzen denn?

Nr. 1 blickt verzweifelt auf und bringt – scheinbar mit letzter Kraft – hervor: Hier. Hängenden Arms nach unten zeigend. Am Bein.

P: Am Bein?

Nr. 1: Ja, ich habe fürchterliche Beinschmerzen.

P: Hm, mit Beinschmerzen ist nicht zu spaßen. Lass doch mal sehen.

Sie rollt nicht ohne Theatralik das rechte Hosenbein des Bärchenpyjamas hoch, zeigt auf ihr Schienbein und haucht: Hier.

P begutachtet mit sorgenvoller Miene den vollkommen unversehrten kleinen Unterschenkel und diagnostiziert: Wahrscheinlich das Wachstum. Weißt du, wenn man so wie du schnell wächst, dann kann es sein, dass einem die Knochen wehtun.

Frau Nr. 1 (relativierend): Mir hat sie vorhin ihr Knie als Schmerzquelle präsentiert.

P (unbeirrt): Beinschmerzen können natürlich ausstrahlen.

Frau Nr. 1: Ausstrahlen! Womöglich bis hinters Ohr? Denn dort tut es angeblich auch fürchterlich weh.

P (zu Nr. 1): Hinter dem Ohr tut’s also auch weh?

Nr. 1 (noch verzweifelter als vorhin): Ja. Es brennt. Wie Feuer.

P: Wie Feuer, hm.

Nr. 1 (wieder in sich zusammensackend und mit weinerlicher Stimme): Ja.

P: Was machen wir denn da? Vielleicht einen Besuch beim Arzt?

Nr. 1 (überraschend geistesgegenwärtig): Nein, nein! Weißt du, ich glaube, ich brauche nur ein bisschen Ruhe. Vielleicht gehe ich heute einfach nicht in den Kindergarten.

P: Oho, dort liegt der Hase also im Pfeffer!

Frau Nr. 1 (erneut die Augen rollend): Na wo denn sonst? Iss’ jetzt endlich dein Nutellabrot, Nr. 1!

Nr. 1: Ich esse ja!

Frau Nr. 1: Essen ist essen und nicht reden!Ein Glas Nutella

Nr. 2 (mit vollem Mund): EF-FEN!

P: Wieso willst du denn nicht in den Kindergarten gehen?

Nr. 1: Na wegen der Schmerzen!

Frau Nr. 1: Na weil heute Freitag ist und sie einfach keine Lust hat!

P: Wenn man so große Schmerzen hat wie du, Nr. 1, dann braucht man tatsächlich Ruhe. Dann kann man zum Beispiel auch nicht fernsehen.

Nr. 1 (entsetzt): Doch, kann man schon!

P (lügt): Nein, eben nicht. Das ist ja das Dumme, wenn man Schmerzen, insbesondere Beinschmerzen hat, dann werden die durch Fernsehen nur noch schlimmer.

Frau Nr. 1: Jetzt ist es aber genug! Nr. 1, ab ins Bad und dann in den Kindergarten. P., du kannst in der Zwischenzeit die Küche aufräumen, damit hier zur Abwechslung auch einmal etwas Sinnvolles geschieht.

P: Also das ist doch…

Nr. 1 (heult): Das ist unfair!

P: Genau!

Frau Nr. 1 (unerbittlich): Ab ins Bad.

Nr. 1 (heult auf): Aber ich habe mein Nutellabrot noch nicht aufgegessen!

Frau Nr. 1: Dann hast du auch keinen Hunger. AB INS BAD!

Nr. 1 sieht mürrisch ein, dass sie den Kürzeren gezogen hat. Sie klettert unter schier unerträglichen Schmerzen von ihrem Stuhl und schleppt sich wie ein Schlaganfall-Patient ins Badezimmer. Das rechte Bein hält sie abgespreizt als würde es gar nicht zu ihr gehören.

Nr. 1 (zu sich selbst): Wenn ich groß bin, dann gehe ich nicht mehr in den Kindergarten. Dann bleibe ich alleine daheim und esse so viele Nutellabrote wie ich will!

P (den Geschirrspüler einräumend): Genau!

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