Neulich in der Kreativagentur

Ein Facelift zur Neukundengewinnung
Das gute alte Bloghaus, so wie Ihr es kennt und liebt, ist gerade dabei, sich einen neuen Auftritt am Markt zu verpassen. Es gilt, die Zugriffe zu steigern und neue Leser zu gewinnen, um sich als attraktiver Werbeträger für Werbekunden zu präsentieren. Wie überall anders im Medienbereich geht es auch bei Bloghaus nur um eines: Geld. Da unser bisheriges Marketing-Konzept wirtschaftlich von eher bescheidenen Erfolgen gekrönt bzw. – sind wir uns ehrlich – vollends für den Hugo war, wurde beschlossen, dass ein „Facelift“ her muss, und das ein bisschen plötzlich.
Dazu braucht es ein neu durchdachtes Image, verpackt in ein paar sündteure Werbesujets, den einen oder anderen griffigen „Claim“ sowie eine crossmediale Kampagne im Print und im Internet, weil man sich als modernes Medium versteht und als solches wahrgenommen werden möchte.

Quid nunc?
Weil die Bloghaus-Partie, was diesen Bereich des Verlagswesens betrifft, geradezu rührend nichtsahnend ist, hatte freilich niemand eine Idee, wie man so ein Vorhaben in Angriff nehmen könnte. Allein Chefredakteur Armin Schasroeda, unser Verlagssteuermann, wusste den Nachen in die richtige Richtung zu lenken: „Wir brauchen ein Briefing und beauftragen eine Agentur!“ rief er im Rahmen einer Redaktionssitzung aus. Beifall von allen Seiten und zustimmendes Nicken waren die Vorboten der späteren Entschlussfassung. Wir hatten also einen Plan. Eine professionelle Agentur musste her, eine Kreativagentur, um genau zu sein.

In der Agentur
Das Briefing wurde ausgeschickt, die Agentur dachte nach – 3 Wochen lang, dann lud sie uns zu sich ins Büro ein. Alte Parkettböden gab’s in der Agentur und hohe Wände mit Doppelflügeltüren. An den Wänden Werbeplakate vergangener und Entwürfe zukünftiger Kampagnen sowie eine Handvoll eingeheimster Auszeichnungen. Heruntergekühlt wurde die an sich behagliche Atmosphäre durch den Einsatz von Glas und vielen anderen stilistischen Aussparungsmaßnahmen. Offenbar um eine Unterkühlung zu vermeiden, hatte man an bestimmten Partien des Bodens einen elfenbeinfarbenen Spannteppich verlegen lassen. Der dickliche Agenturleiter, durch dessen schütteres, braunes Haar die Kopfhaut bereits deutlich hindurch schimmerte, bat uns in den Besprechungsraum. Dort stand ein meterlanger, von zurückfedernden Stühlen umgebener Tisch, der die ehrfürchtig staunenden Bloghäusler allesamt um sich versammelte.
An der Stirnseite des Besprechungsraums war ein schicker Flat Screen mit vorbereitetem Startbild („Präsentation Bloghaus, 27.04. 2010“) angebracht. Auf dem Tisch standen ein paar Schalen mit süßen Low-Sugar-Knabbereien. Zu trinken gab’s Kaffee in allen Varianten oder was auch immer man wollte. Alles wartete und war bereit – für den Auftritt des Kreativdirektors.

Der Kreativdirektor
In den Raum trat ein gekonnt nachdenklich wirkender Mann, der jedem der Teilnehmer mit entwaffnender Souveränität die Hand gab. Vielleicht rührte seine vermeintliche Routine daher, dass er im Moment des Händedrucks bereits den nächsten oder übernächsten Grußkandidaten taxierte und so direkten Blickkontakt vermied. Alles am Kreativdirektor war wohl kalkuliert: seine etwas (bananenförmig) gebogene Körperhaltung, die ganz hinter die Bedeutung der Haltung seines Kopfes zurücktrat, sein gemäßigt durcheinander liegendes blondes Haar, seine verhältnismäßig hohe, durch die Nase gesprochene Stimme, die Zeitlupe in seinem Sprechen und seinen Bewegungen, sein blitzartig aufgesetztes Lächeln am Ende eines dramaturgisch wichtigen Satzes ebenso wie das blitzartige Erlöschen desselben. Selbstverständlich war auch seine Kleidung nicht willkürlich gewählt: Der Kreativdirektor war sichtlich bemüht, äußerlich den Eindruck einer gewissen Nachlässigkeit zu erwecken, die seine eigentliche Funktion (durchwegs kreativ zu sein) wohl ein wenig unterstreichen sollte.
Über einem hellblauen T-Shirt (Boss) hatte er ein hellblaues, über der Hose und offen getragenes Hemd von Friedmann an, wobei das Hellblau des T-Shirts um eine Nuance heller war als das Hellblau des Hemds. Seine Beine steckten in Jeans mit auffallend groben Nähten (True Religion), deren Gesäßtaschen ein Stück weit unterhalb des Hosenbodens angebracht waren. An seinen Füßen trug er ein Paar Sneakers, die aller Wahrscheinlichkeit nach der Marke Reiter zuzuordnen waren.
Dergestalt positioniert nahm der Kreativdirektor schließlich eine kleine Fernbedienung, mit der er den Flat Screen bediente, und eröffnete seine Präsentation: „Wir haben lange nachgedacht.“, sagte er, wobei er selbst sehr nachdenklich schien „und hier ist das Ergebnis.“

Die Präsentation
Scheinbar mühelos stellte er uns während der nächsten halben Stunde, in bedächtiger und überlegener Manier den, wie er immer wieder sagte, „Neuen Auftritt“ vor. Sein Konzept schien dabei einer ganz bestimmten Dramaturgie zu folgen, die keinerlei Zwischenfragen vorsah. Lediglich der beleibte Agenturchef mit der glänzenden Kopfhaut schaltete sich in unregelmäßigen Abständen ein, um näher zu erläutern und um etwaige Einwände der Bloghaus-Belegschaft voraus eilend zu entkräften. Die Bloghäusler selbst waren für die Dauer dieser eigentümlichen Doppelconférence lediglich Passagiere.
Angesichts des figurativen Verhaltens des Kreativdirektors und seines ihm sekundierenden Agenturchefs war bald nicht mehr zu unterscheiden, ob hier Theater Wirklichkeit oder Wirklichkeit zum Theater geworden war.

Fortsetzung folgt oder nicht

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