Leben mit Frauen

Personen: Frau Nr. 1, Tochter Nr. 1, Tochter Nr. 2, Mann von heute („P“)

Schauplatz ist die Küche eines 4-Personen-Haushalts, in der Frau Nr.1 und P gerade die Menüfolge für das anstehende Mittagessen besprechen.

Frau Nr. 1: P, besorge heute fürs Mittagessen bitte Fisch vom Wochenmarkt.

P: Gern. Forelle, Karpfen, Zander, Saibling oder Wels?

Frau Nr. 1: Fisch halt. Der ist gesund und macht nicht dick. Und nimm’ Nr. 1 und Nr. 2 zum Einkaufen mit!

P: Ok, wird gemacht. Zu den Kindern: Nr. 1, Nr. 2, Schuhe anziehen, wir fahren zum Markt!

Nr. 1, Nr. 2 kreischen begeistert auf und poltern wie verrückt in den Vorraum, wo sie ihre Schuhe anziehen, wobei Nr. 2 den linken Schuh auf den rechten Fuß und folgerichtig den rechten Schuh auf den linken Fuß pfropft. 

Auf dem Wochenmarkt – der Fischhändler keschert einen Fisch aus seiner gläsernen Zelle und bereitet ihn mit einem routinierten Handgriff auf seine Bestimmung vor.

Nr. 1: Papa?zwei frische forellen

P: Ja?

Nr. 1: Warum schlägt der Mann dem Fisch auf den Kopf?

P (überlegt kurz): Damit man ihn leichter nach Hause tragen kann. Da zappelt er nicht so, weißt du?

Nr. 1: Ach so.

Nr. 2 (aufgeregt): Fisch kabud, Fisch kabud – ka-bud!

P (zu Nr. 2): Aber nein, er schläft nur ein bisschen (Schnarchgeräusche imitierend) Chrr-chrrrr!

Nr. 2 lässt sich ablenken und schnarcht belustigt mit. Der Fischverkäufer übergibt dem Mann den Fisch in einem knisternden weißen Nylonsack, nimmt dankend sein Geld entgegen und nickt den Kindern zum Abschied ernst zu.  

Zurück in der Küche des 4-Personen-Haushalts, wo die Zubereitung des „schlafenden“ Fischs beginnt. 

Nr. 1: Wie geht’s dem Fisch jetzt?

P: Den Umständen entsprechend.

Nr. 1: Lebt er noch?

P: Ja, im Forellenhimmel.

Nr. 1: Und wo ist der Forellenhimmel?

P: Ganz in der Nähe vom Menschenhimmel.

Nr. 1 (unerbittlich): Und wo ist der Menschenhimmel?

P: Ganz weit weg.

Nr. 1: So weit wie Tirol?

P (das lange „i“ überbetonend): Noch viel weiter!

Nr. 1: Ok.

Sie schaut auf Zehenspitzen über den Rand des Küchenblocks und inspiziert die Vorgänge auf dem Schneidebrett.

Nr. 1: Und wieso hast du ihm den Kopf abgeschnitten, dem Fisch?

P: Damit er besser in die Pfanne passt.

Nr. 1: Wie ist denn der Fisch aus dem Wasser hierhergekommen?

P: Ein Fischer hat ihn gefangen – mit einer Angel.

Nr. 1: Ich fange auch einmal Fische – (gerät ins Schwärmen) mit Elsa-Stiefeln und einer ro-sa Angel!

P (amüsiert): Darauf freue ich mich jetzt schon.

Die Szene beginnt sich zuzuspitzen, als Frau Nr. 1 die Küche betritt.

Frau Nr. 1 (nach einem schnellen Blick in die Pfanne): Groß ist der aber nicht.

P: Du hast gesagt: „Besorg’ einen Fisch“, und ich habe Fisch besorgt.

Frau Nr. 1: Ich habe gemeint, „Besorge Fisch für uns alle und nicht für dich allein!“

P: Dieser Fisch plus Kartoffeln reicht locker für zwei Erwachsene. Die Kinder essen ihn ohnehin nicht! Allein schon wegen der Gräten.

Er lässt den kopflosen Fisch in ein Butterschwitzchen gleiten. Nr. 2 schiebt einen Tripp-Trapp-Stuhl an den Küchenblock und klettert in Windeseile zum Schauplatz des Bratvorgangs hoch. 

Nr. 2 (lauthals): Fisch ka-bud! Es-sen! Sie macht Beiß- und Kaugesten. Hmm, gut!

Frau Nr. 1 (nicht ohne Spott): Die essen ihn ohnehin nicht, wie? Von diesem Fischlein wird, so viel steht fest, nicht einmal Nr. 2 satt…

P (ruhig, aber angespannt): Wisst ihr was? Mir reicht’s: Ich fahr jetzt zum Chinesen und hole Ente süß-sauer, Acht Schätze und superfette Frühlingsrollen. Damit ja alle satt werden!

Nr. 1: Hurra, zum Chinesen! Ich komm’ mit!ente suess sauer

Nr. 2:  Schuh’ anziehen, Autofahren!

Nr. 1 und Nr. 2 stürzen voraus ins Auto.

Frau Nr. 1: Wie du dich immer gleich aufregst. Bleib’ doch einmal ruhig, das ist gesünder. So ein Sensibelchen!

P: Ich hab’ mich doch nicht im Geringsten aufgeregt.

Frau Nr. 1: Doch hast du!

P: Aber ich…

Frau Nr. 1: Aber ich was?

P:

Er steigt wortlos ins Auto, wo Nr. 1 und Nr. 2 schon ungeduldig warten. Dann fährt er zum Chinesen, der heute Ruhetag hat, aber davon weiß er noch nichts.

Pizzafahrt

Nr. 2 sitzt friedlich am Boden und ist in die Lektüre eines Buchs mit Tieren vertieft. Auf jeder Seite wird ein neues Tier vorgestellt. Der seitliche Rand des Bildbands ist wie ein Registerheft aufgebaut, nur dass statt Buchstaben akustische Schaltflächen angebracht sind, die auf Knopfdruck über einen kleinen Lautsprecher den Ruf des jeweils präsentierten Tieres wiedergeben. Nr. 2 scheint das Gebrüll und Gejaule und Gefiepse ungemein zu beruhigen. Sie sagt überhaupt nichts und lächelt selig.  

Nr. 1 ist langweilig. Sie jammert herum und stellt unbeantwortbare Fragen.  

Pizza mit Smiley

P: He, Nr. 1?

Nr. 1 (langgezogen): Hm?

P: Kommst du mit?

Nr. 1: Wohin denn?

P: Pizza holen!

Nr. 1 (interessiert): Mit dem Auto?

P: Ja klar, mit dem Auto.

Nr.1: Oh ja, Pizza holen, Pizza holen, Pizza holen!

 

Sie springt freudig zu einem Paar „Elsa-Ballerinas“, das sie im Nu anhat, während Nr. 2 seit Minuten einen Pottwal aufröhren lässt. Augenblicke später verschwindet Nr. 1 in ihrem Schalensitz auf der Rückbank des Familienwagens.

 

Nr. 1 (als sich das Auto in Bewegung setzt): Wo fahren wir denn hin?

P: Na in die Stadt.

Nr. 1: Ach so! (Unvermittelt) Wo ist denn die Omi?

P: Daheim wahrscheinlich.

Nr. 1: Wieso ist die immer daheim?

P: Na weil sie dort gerne ist!

Nr. 1: Ich bin auch gerne daheim und bin nicht immer dort.

 

P fängt an, die Unterhaltung anstrengend zu finden. Er versucht das Thema zu wechseln.

 

P: Bist du schon hungrig?

Nr. 1: Nein. Wo ist der Opa?

P: Zum 100. Mal: Der Opa ist auf Kur.

Nr. 1: Und wo ist er da?

P: Im Burgenland!

Nr. 1: Und ist der Opa ein bisschen tot?

P (fassungslos): WAS?! Um Himmels willen nein, natürlich nicht!

Nr. 1 (unbekümmert): Tun sie ihn nur ein bisschen reparieren?

P: Sozusagen – ja genau, sie reparieren ihn. (Bei sich) Du meine Güte noch einmal!

Nr. 1: Welche Pizza hab’ ich denn?

P: Du bekommst die mit Schinken und Käse, die du selbst ausgesucht hast.

Nr. 1: Ich mag aber keinen Käse.

P (triumphierend): Dafür ist zur Sicherheit ja auch noch Schinken drauf.

Nr. 1: Ich mag aber keinen Schinken.

P (reicht es): Dann isst du halt – ach, was weiß denn ich, den Teig! Aber irgendetwas isst du, so viel steht fest.

Nr. 1:  Ein Erdbeereis vielleicht.

P: Sicher kein Erdbeereis und schon gar keine Schokolade!

 

P schaut in den Rückspiegel und sieht, wie Nr. 1 im Bildausschnitt hingebungsvoll schmollt.

 

Nr. 1 (nach nicht einmal einer Minute): Aber dann vielleicht das Runde.

P: Welches Runde denn?

Nr. 1: Na das Gelbe, das so knuspert…

P (fällt es wie Schuppen von den Augen): Chips?! Das wär’ ja noch schöner! Chips sind kein Essen, merk’ dir das.

Nr. 1: Aber gestern hab’ ich auch Chips gegessen.

P: Gestern war eine Ausnahme!

Nr. 1: Was ist eine Ausnahme?

 

P beißt sich auf die Lippen und verstärkt den Druck auf das Lenkrad. Zum Glück findet er eine Parklücke unmittelbar vor dem Pizzalokal, in die er den Wagen schwungvoll hineinzirkelt.

 

P (erfreut): Glück muss man haben!

Nr. 1: Wenn ich groß bin, kann ich auch in einen Parkplatz fahren.

P: Natürlich kannst du das.

Nr. 1 (mit erhobenem Zeigefinger): Aber erst wenn ich groß bin!

 

Das italienische Restaurant ist gut besucht. Zwischen den Tischen schwirrt eine ganze Schar an austro-italienischem Servicepersonal in weißen Hemden und dunklen Hosen umher.

 

Kellner (radebrechend zu Nr. 1): Ciao bellissima! ´asta du eine Pizza bestellt? Is’a lecker, ä?

Nr. 1 (empört): Nein, drei (hebt drei Fingerchen in Richtung Kellner) haben wir bestellt, nicht eine!

Kellner (amüsiert): Oh! Allora 3 pizze per la piccola principessa. Subito!

Nr. 1: Wieso redet der Mann so? Ist der aus Lignano?

P: Möglich, aber auf jeden Fall ist er aus Italien.

Nr. 1: Ist Italien auch in Lignano?

P (lacht): Schon, aber eigentlich ist Lignano in Italien.

Nr. 1: Ok.

 

Der Kellner kommt und übergibt drei Pappkartons, in denen die fertigen Pizzas dampfen. P bezahlt.

 

Kellner: Grazie, signore e ciao bellissima (wirft eine Kusshand)!

Nr. 1 (kühl): „Bonn Schorno!“

 

Der Kellner gerät beinahe außer sich vor Freude und wirft zum Abschied weitere Kusshände.

 

Nr. 1: Fahren wir jetzt wieder zur Mutti?

P: Jetzt fahren wir wieder zur Mutti und zu Nr. 2.

Nr. 1 (unvermittelt): Nr. 2 stinkt, weil sie noch eine Windel hat.

P:  Aber, aber, meine Dame, du hast auch lange Zeit eine Windel getragen! Die hat ebenfalls nicht nach Parfum gerochen.

Nr. 1: Aber jetzt nicht mehr.

P: Nein, jetzt nicht mehr.

Nr. 1: Ich mag jetzt keine Pizza mehr holen, ich mag nach Hause.

P: Wir fahren ja schon nach Hause, gleich sind wir daheim! Und dann essen wir unsere leckeren Pizzas.

Nr. 1 (fängt an zu heulen): Ich mag aber keine Pizza, ich mag Erdbeereis!

 

P lässt im Geiste die nicht vorhandene Trennwand zwischen Lenker und hinterem Fahrgastraum hochfahren und biegt in die Einfahrt ein. Aus dem Hausinneren grölt der Pottwal, dessen nervenzerfetzender Gesang Nr. 2 besonders zu entzücken scheint.

Wächter der Wellen

Andreas Hochmair AutorSie waren nicht beliebt, hatten aber Macht. Bei einem Verstoß gegen die Badeordnung konnten sie einen jederzeit und ohne Recht auf Widerrede des Areals verweisen. Manche Kinder grüßten sie ehrfürchtig wie einen Polizisten oder Lehrer – damals noch angesehene Berufe –, wenn sie ihnen auf ihrer Streife durch das Gelände begegneten. Sie nickten je nach Laune zurück, während sie, glänzend von Tiroler Nussöl ihre Trillerpfeifen an mittellangen Kordeln in abnehmenden Orbits um ihre Zeigefinger kreisen ließen.

Weißbraune Wachsamkeit
Ihre Haut entsprach dem Braunton einer Schokolade mit 75% Kakaoanteil, der von der strahlend weißen Dienstbekleidung scharf kontrastiert wurde. Die Sirs unter den Wächtern trugen blütenweiße Feinripp-Shirts mit langen, strahlend weißen Hosen und – nicht zu vergessen – Holzpantoffeln, deren verstellbare Riemen ebenfalls weiß leuchteten. Ein routinierter Badegast konnte allein am Klang des klatschenden Holzpantoffel-Geräuschs erkennen, welcher Bademeister sich gerade näherte. Bei Flip-Flops, die eher von der zweiten Garnitur getragen wurden, war das bedeutend schwieriger.

Whistle Blowing im eigentlichen Sinn
„Owa vom G’landa!“, lautete der häufigste und zugleich am wenigsten beachtete Ordnungsruf, der kurz nach einem spitzen Pfiff aus der Pfeife erscholl. Das besagte Edelstahlgeländer war eine bauliche Einrichtung, die das sogenannte Sprungbecken (5 Meter tief!) vom Familienbecken trennte und auf der es sich wunderbar herumturnen ließ.
Während sie uns Burschen ablehnten oder jagten, waren die Bademeister den jungen Frauen und Mädchen, die sich im Bikini um sie tummelten, überaus zugetan, sodass ausgedehnte Schwätzchen und erotische Bewerbungsgespräche auf der Tagesordnung standen – bei der zweiten Garnitur jedenfalls. Es wäre sicher nicht ratsam gewesen, während der Balz der Bademeister in Badenot zu geraten, auch wenn der eine oder andere eine flüchtige Ausbildung in Rettungsschwimmen und Erster Hilfe genossen hatte.

Schwimmen lernen fürs Leben
Wie dem auch sei: Wir sahen in ihnen ernstzunehmende Gegner, mit denen wir offenen Visiers um die Vorherrschaft im Freibad ritterten. Oft verloren wir, manchmal gewannen wir, aber letztendlich waren sie es, die uns unverzichtbare Ezzes für das Leben außerhalb des Nichtschwimmerbereichs mitgegeben haben.
Und heute? Heute gräbt jeder, der kann, sein eigenes Bassin, foliert es, befüllt es und kürt sich selbst zum Wächter über die hauseigenen Wellen, über die er absolut und ohne weiße Hose herrscht.

Diese eigensinnige und durchaus bedenkliche Privatisierungstendenz hat dem stolzen Geschlecht der Bademeister letztendlich die Daseinsgrundlage entzogen, weshalb seine Vertreter heutzutage nur noch als braune Schatten ihrer selbst über die Waschbetonplatten der heimischen Bäder schlurfen.

Im Pool

 

Schauplatz ist ein in der Sommersonne blinkernder Swimmingpool. Nr. 1 strampelt mit einer rosa Luftmatratze im rosa Bikinihöschen die Länge des Pools auf und ab. Als Auftriebskörper trägt sie stolz violette „Elsa-Schwimmflügel“ zur Schau, auf denen die Helden des Animationsfilms „Frozen“ abgebildet sind. Nr. 2 sitzt indes auf einer Stufe im Uferbereich und greint.

Swimmpool von oben, Beckenrand mit Tiefenanzeige

 


Nr. 1 (pikiert): Ni-icht!

P: Was denn?

Nr. 1: Keine Wellen machen.

P:  Wenn man im Wasser ist, entstehen Wellen.

Nr. 1: Aber nicht so hohe. (Weint plötzlich). Da werden meine Haare ganz nass!

P: Wenn man im Wasser ist, dann werden die Haare nass. Und wenn du weinst, dann gehen wir gleich wieder raus.

Nr. 1 (leidenschaftlich losheulend): Neiiiiiiiiiin!

Frau Nr. 1 (längs am Beckenrand liegend mit einem Sonnenhut über dem Gesicht und einem Bein im Wasser): Sagenhaft, dein Feingefühl.

P: Ach was!

       Er wendet sich Nr. 2 am anderen Ende des Pools zu, die freudig winkt.

Nr. 2: Komm! Da!

P: Bin schon da.

P streckt ihr die Arme entgegen, um das schwimmflügelige Wesen ins Wasser zu locken.

P: Komm zu mir, na komm! Komm, trau dich! Komm doch zu mir rein ein bisschen! Was ist jetzt? Kommst du? Kommst du nicht?

Nr. 2 (plärrt): Neiiiiiiiin! Mag i net! Weg! Maaaaaa-maaaaaa!

Sie klettert aus dem Becken und läuft am Rand entlang. 

P: Dann eben nicht. He, Nr. 1, ich tauche jetzt unter deiner Matratze hindurch. Na?

Nr. 1 (ängstlich): Das möchte ich nicht, weil da…

P taucht unter der Matratze hindurch und auf der anderen Seite nach dem Vorbild des Wals eine Wasserfontäne ausstoßend wieder auf.

Nr. 1 (kichernd): Hi-hi, lustig! Noch einmal!

Der Tauchvorgang wiederholt sich mehrere Male, bis P die Puste ausgeht. Er wirft sich zu Nr. 1 auf die rosa Luftmatratze.

Nr. 1: Nicht auf die Matratze! Da kann ich nicht mehr schwimmen.

P: Da muss man eben gemeinsam schwimmen.

Nr. 1: Ich will aber alleine.

P beginnt zu strampeln, sodass der Auftriebskörper mit Nr.1 am äußeren Ende eine langsame Kreisbewegung ausführt.

Nr. 1 (protestiert): Heeee, aufhören! Da war ich ja schon!

P (minimal beleidigt): Dann schwimm doch alleine, Frau Kapitän!

Nr 1: (begeistert): Jaaaaaa! Los geht’s. Sie strampelt los, während ihr rosa Nachen Fahrt in Richtung Nordufer aufnimmt.

Frau Nr. 1 (in derselben Position am Beckenrand): Du kommst richtig gut an.

P: Ich beschäftige mich mit unseren Kindern.

Frau Nr. 1: M-hm.

Er wendet sich erneut der winkenden Nr. 2 zu und streckt die Arme in Richtung des kleinen Körpers.

P: Komm, Nr. 2! Komm du zu mir! Komm jetzt! Trau dich! Trau dich schon! Jetzt trau dich!

Nr. 2 nimmt ihren gesamten Mut zusammen, wirft sich mit weit aufgerissenen Augen in die Arme von P und klammert sich an ihm fest.

P: Na bitte, geht doch! So ist es gut, siehst du? Da braucht man keine Angst zu haben, gell? Bra-av. Zu Frau Nr. 1: Siehst du?!

Frau Nr. 1 (von unter dem Hut): Ich seh’s.

Plötzlich wird es warm um P’s Brust. Er schreit auf.

P: AHHH, PFUI TEUFEL, NR. 2! JA IST DENN DAS DIE MÖGLICHKEIT?

Frau Nr. 1 (setzt sich auf und lacht): Ja, ich seh’s.

Die Griller-Killer

Andreas Hochmair AutorWirft man einem Österreicher das Wort „Skisport“ zu, wird er – nach wie vor – „Hermann Maier“ antworten, sagt man „Volksrock’n’Roller“, kommt unter Garantie „Andreas Gabalier“ zurück, und stellt man den Begriff „Sommer“ zur assoziativen Disposition, konnte man stets sicher sein, dass mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit das Wort „Grillen“ widerhallen würde – bis vor kurzem jedenfalls.

Barbecue im teuren Schuh
Denn seit neuestem setzt die Praxis einer semiurbanen, wirtschaftlich erfolgreichen Klientel mittleren Alters die alteingesessene Grilltradition gehörig unter Druck: Die Smoker- und Barbecue-Aficionados sind hierzulande auf dem Vormarsch und stellen die beschauliche Welt eines jeden braven Grillmeisters schonungslos auf den Kopf. Gearbeitet wird nicht mehr mit freiem Oberkörper, sondern im aufgeknöpften und hochgekrempelten Maßhemd, wobei Schürzen erlaubt sind. Die Vertreter der neuen Generation tragen keine schnalzenden Holzpantoffeln, sondern Mokassins von Tod’s oder Sneakers von New Balance.

Brennwagen GTX1500

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Rub, mop, smoke
Sie vermeiden Begriffe wie Rinderbrust, Ripperl und Schweineschulter und sagen stattdessen Beef Brisket, Spareribs und Pulled Pork, die vom religiösen Kern der Bewegung als „Holy Trinity des Barbecues“ bezeichnet werden. Zum Einreiben genügt keine herkömmliche Gewürzmischung, es bedarf schon eines individuellen „Rubs“ sowie eines saftigen „Mops“, um Aromen in die kiloschweren Bratenstücke hineinzumassieren. Gegart werden die Fleischberge im heißen Rauch eines hyperexklusiven Smokers bei Niedrigtemperatur – so, und nur so, entspricht das Ergebnis den hohen Erwartungen der Aficionados, während der gute alte Griller in einer stillen Ecke des Gartens traurig vor sich hin rostet.
Derweilen die Herren der Schöpfung ihren Fetischen frönen, steuern die Damen in duftigen Sommerkleidern Ottolenghi-Salate und eisgekühlte Aperitifs auf Champagner- oder Wermutbasis bei.

Auch die Nachbarschaft am Welser Ostrand liegt mittlerweile im wohlig-heißen Barbecue-Fieber. Morgen findet ein Event bei uns in der Straße statt. Ich bin nicht eingeladen, was natürlich keinen noch so geringen Einfluss auf diesen Beitrag ausgeübt hat.

Frühlingseinbruch

Andreas Hochmair AutorDie Buxbaum-Hecke von Nachbar Franz und die Liguster-Hecke von Nachbarin Ilse grenzen unmittelbar aneinander. Die Hecke vom Franz ist so exakt getrimmt, dass man eine Wasserwaage an ihr eichen könnte. Die Hecke von der Ilse ist allerdings noch viel gerader. Franz und Ilse stehen einander gegenüber und stutzen mit großen Scheren und chirurgischer Präzision ihre Formgehölze zurecht.

„Waren S’ bei der Eröffnung?“, murmelt der Franz konzentriert. „Bei welcher Eröffnung?“, fragt sie zurück, ohne von der Arbeit aufzusehen. „Na von dem neuen Lokal.“ Indem sie einen Ligusterzweig abzwickt: „Von welchem Lokal denn?“ „Irgendwas mit Zeit. Unten an der Traun. Bei der Eisenbahnbrücke“, präzisiert der Franz. „Sie verkaufen dort Bier in Flaschen aus gebürstetem Aluminium!“„Dort wo die schiachen Hallen vom Messegelände sind? Wer soll denn da hingehen?“, gibt die Ilse schnippend zu bedenken. „Na ja, die Leute! Der Sinn von einem Lokal ist ja auch, etwas Schiaches schöner zu machen – es zu beleben. Belebungsprojekt nennt man das“, doziert der Nachbar. „Versteh’ ich nicht. Ein schiaches Haus, in das ich ein schönes Zimmer einbau’, bleibt am Ende immer noch ein schiaches Haus.“ „Gehen S’, Sie“, entfährt es dem Franz, „mit Ihren g’scheiten Vergleichen! Sie würden am Ende das ganze Messegelände wegreißen und wahrscheinlich irgendwo am Flughafen wieder aufbauen.“

Die Ilse unterbricht ihre Schneidearbeit und überlegt kurz: „Warum nicht? Das wär’ vielleicht das G’scheiteste.“ Für heute reicht es dem Franz: „Ich muss noch mein Auto heraussaugen, bevor es zu regnen anfängt. Wiederschaun!“ Er dreht sich um und lässt seine Nachbarin hinter ihrer Ligusterhecke stehen. „Wiederschaun!“ ruft diese ihm nach und lächelt. Als sie sicher ist, dass er es nicht sieht, trimmt sie mit einem blitzschnellen Schnitt einen abstehenden Zweig von seinem Bux zurecht.

Ball der Bälle

In einer Turnhalle nahe der Traun wird langjährigen Traditionen gemäß, Fasching gefeiert. Maskentechnisch ist alles vor Ort, was im öffentlichen Leben Rang und Namen hat: Wir begegnen Bertha von Suttner, die ein Kleid aus aufgenähten Tausend-Schilling-Scheinen trägt, ebenso wie Ludwig van Beethoven, in weißen Handschuhen, violettem Wams und mit einwandfrei ondulierter Perücke.

Neben zig anderen Kostümen befinden sich auch Werner Faymann, Michael Spindelegger und Norbert Hofer in der Menge. Spindelegger erkennt man an einer riesigen, weit aus dem Gesicht ragenden Gumminase, während der grau melierte Alias-Faymann in dunklem Anzug staatsmännisch winkt und mit gepresster Stimme allenthalben „Grüß Gott!“ ruft. Derweilen lächelt Norbert Hofer, einen rotweißrot lackierten Gehstock in der Rechten und ein Glas Bier in der Linken, breit in alle Richtungen. Seine minutiös aufgeföhnte Haartolle geht bei jedem Schritt mit und schwingt zurück.

Wir passieren die berüchtigte Gerätekammer der Turnhalle, in der bereits vor Mitternacht intensiv Zärtlichkeiten unter den erhitzten Narren ausgetauscht werden. Vorne auf der Bühne schmettert ein stark in Mitleidenschaft gezogener Fanfarenzug irgendeinen Höhepunkt des Abends ein, den viele bereits nicht mehr mitbekommen. Es ist ein rauschendes Fest. Zu später Stunde tritt plötzlich Ludwig van Beethoven auf den Plan und bekennt freimütig: „Ich gestehe, ich kann nicht mehr.“ Dann legt er sich an Ort und Stelle hin und schläft in der Sekunde ein. Faymann, Spindelegger und Hofer, selbst nicht mehr in Höchstform, helfen kurz zusammen und betten den Klassiker auf eine etwas weniger zentral gelegene Matte. Danach geben sie sich wieder den Festivitäten hin.
Wie man sich tags darauf unter den Narren erzählt, war niemand an diesem Abend als Norbert Hofer verkleidet gewesen. Die Maske des Mannes musste echt gewesen sein.

Schnee mit „W“

Der Franz ist ein Nachbar, wie man ihn sich wünscht: Freundlich, hilfsbereit, gute Ansichten, unaufdringlich. Man kann mit ihm über den Zaun hinweg über Politik reden, Sachfragen zu Winterbereifung und Heiztechnik klären, aber auch Probleme der Gartenpflege und sogar Themen der Kunst abhandeln. Vor ein paar Tagen haben wir uns beispielsweise über das brandneue Welser Stadt-Logo unterhalten. „I bin scho gspannt, wos do außerkummt“, hat der Franz gemeint. „Ich auch“, habe ich gesagt.
Wenn der Franz mit seinem ganzjährig strahlend weißen Auto aus seiner tipptopp gepflegten Einfahrt fährt, winkt er amikal, und kehrt er Stunden später wieder nach Hause zurück, wiederholt sich das freundliche Ritual.

Der Franz ist ein „Overperformer“ im Haushalts-, Garten- und (wohl auch) im beruflichen Bereich: Jetzt in der kalten Jahreszeit ist etwa sein Gehsteig um sechs Uhr morgens bereits vollständig geräumt. Während man selber noch in einer Art Aufwachstarre liegt, hört man draußen, wie sich eine Schneeschaufel mit dumpfem Kratzen ihren Weg durch das frisch gefallene Weiß bahnt – der Franz! Gegen acht, wenn man endlich selbst zum Gerät greift, gleitet er frisch geduscht und wie aus dem Ei gepellt in seinem in- und auswendig sauberen Auto vorüber, grüßt herzlich und lässt einen alt aussehen.

Gestern in der Früh plötzlich ein anderes Bild: Einfahrt und Gehsteig des emsigen Nachbarn um acht noch voller Schnee. Ein Unglück? Wie ich mich besorgt ans Schaufelwerk mache, tritt der Franz, der auf mich gewartet hatte, ins Freie: „I muass dir wos zeign!“ Er nimmt seine Schneeschaufel und schippt ein riesiges „W“ in seine Einfahrt. „Scho g’segn? Des is außerkumma! Do hätten’s glei mi frogn können.“ Dann legt er mit vollendeter Technik den Gehsteig frei.

Herbstmarkt

Auf dem Welser Wochenmarkt herrscht geschäftiges Treiben. An der zugigen Ecke im Außenbereich, unter deren Überdachung der Fischhändler seines Amtes waltet, haucht gerade eine Bachforelle nach einem gezielten Hieb ihr Leben aus. Schräg vis-à-vis werden von bedächtig bedienenden Mädchen zum Anbeißen schöne Himbeeren verkauft. „Serwas, grias di!“, tönt es allenthalben hin und „Grias di, serwas!“ wieder zurück. Der Welser ist gut drauf, na und die Welserin erst recht. Die Most-, Bier und Getränkestände in der Halle sind folgerichtig bestens besucht, und bei den unterschiedlichen Fleisch- und Gemüsehändlern wird lautstark fürs Wochenende eingekauft.

„G’herts ehs zamm?“, kreischt eine tonnenförmige Hühnerteileverkäuferin in weißer Schürze zwei Männern (offenbar Vater und Sohn) zu, während sie ihnen die Ware ausfolgt. „Na, ehs hobts jo kan Besen dabei!“, gibt sie selbst die Antwort und bricht in ein kirrendes Gelächter aus, das im Umkreis von 20 Metern zu hören ist.

An einem langgestreckten Stand, hinter dem in appetitlich drapierten Schütten Gemüse angeboten wird, gähnt eine in der Schlange wartende Frau Anfang vierzig. „Halten Sie denn nie die Hand vor?“, wird sie von einem Mann hinter ihr angesprochen. Die Frau erschrickt heftig und bekommt einen knallroten Kopf. „Jetzt bin i erledigt!“, klagt sie, als sie den Mann erkennt. „Jetzt kumm’ i sicher in Ihr’ Kolumne, und a rote Birn’ hob i a nu dazu – furchtboar!“ Der Mann, ein hiesiger Gesellschaftsredakteur, beschwichtigt: „Ich bitt’ Sie, über so etwas schreibe ich doch nicht!“ Beide lachen und verabschieden sich. Ein paar Meter weiter beim Moststand Meier zückt der Redakteur dann tatsächlich ein Büchlein, in das er verstohlen Notizen macht.

Umdrehen verboten!

Von der beschaulichen Raimundstraße, biegt ein grauer Van links in die ebenso beschauliche Herderstraße ein. Dort ist rechter Hand ein Haus, bei dem Vorsicht geboten ist. Seine Tücke entschleiert sich der Van-Pilotin bei einem Wendemanöver, nachdem ihre Vorderreifen die ersten Pflastersteine der Garageneinfahrt berührt haben. Als wäre dort ein Sensor verborgen, schnellt der Herderstraßen-Hausbesitzer hinter einem akkurat getrimmten Hibiskus-Büschchen hervor.

„Wos moch’n Sie denn do?“, fragt er angriffslustig. „Umdrehen“, antwortet die Frau aus dem Van. „Owa net do.“ Der Mann im blütenweißen Feinripp-Unterziehshirt stützt seine Arme auf einen gemauerten Zaunpfahl, während er zeitgleich versucht, das Kennzeichen des Vans zu entziffern. „I sog Ihna a warum: Mit dem schweren Auto und Ihrer Servolenkung moch’n Sie die ‚Schtruktur’ vom Pflosta kaputt!“, doziert er allen Ernstes. „Entschuldigung“, lenkt die Pilotin ein, „wird nicht wieder vorkommen.“ „Nix da, so einfach kommen’s net davon. I zeig’ Sie natürlich an, damit Sie sich’s merken.“ „Komm’ fahr weiter, lass’ den“, meldet sich erstmals der Beifahrer der Van-Pilotin zu Wort. „Na wenn’s mir blöd kumman, moch’ i die Anzeige mit Vergnügen“, läuft der Mann im Unterhemd heiß und äugt nochmals nach der Autonummer. „Wenn’s dann die Pappn halten, wunderbar!“, droht der Konflikt nun zu eskalieren. Ein beherzter Tritt der Pilotin auf das Gaspedal des Vans befördert die beiden schließlich aus der Gefahrenzone.

Am nächsten Tag ist quer über die Einfahrt eine Kette gespannt, von der ein Schild mit der Aufschrift „Umdrehen verboten!“ baumelt. Hinter der Kette mitten auf dem liebevoll verlegten Pflaster hat ein Hund ein dampfend frisches Andenken hinterlassen. Das Tier wird wohl mit einer Anzeige rechnen müssen.