Schnee mit „W“

Der Franz ist ein Nachbar, wie man ihn sich wünscht: Freundlich, hilfsbereit, gute Ansichten, unaufdringlich. Man kann mit ihm über den Zaun hinweg über Politik reden, Sachfragen zu Winterbereifung und Heiztechnik klären, aber auch Probleme der Gartenpflege und sogar Themen der Kunst abhandeln. Vor ein paar Tagen haben wir uns beispielsweise über das brandneue Welser Stadt-Logo unterhalten. „I bin scho gspannt, wos do außerkummt“, hat der Franz gemeint. „Ich auch“, habe ich gesagt.
Wenn der Franz mit seinem ganzjährig strahlend weißen Auto aus seiner tipptopp gepflegten Einfahrt fährt, winkt er amikal, und kehrt er Stunden später wieder nach Hause zurück, wiederholt sich das freundliche Ritual.

Der Franz ist ein „Overperformer“ im Haushalts-, Garten- und (wohl auch) im beruflichen Bereich: Jetzt in der kalten Jahreszeit ist etwa sein Gehsteig um sechs Uhr morgens bereits vollständig geräumt. Während man selber noch in einer Art Aufwachstarre liegt, hört man draußen, wie sich eine Schneeschaufel mit dumpfem Kratzen ihren Weg durch das frisch gefallene Weiß bahnt – der Franz! Gegen acht, wenn man endlich selbst zum Gerät greift, gleitet er frisch geduscht und wie aus dem Ei gepellt in seinem in- und auswendig sauberen Auto vorüber, grüßt herzlich und lässt einen alt aussehen.

Gestern in der Früh plötzlich ein anderes Bild: Einfahrt und Gehsteig des emsigen Nachbarn um acht noch voller Schnee. Ein Unglück? Wie ich mich besorgt ans Schaufelwerk mache, tritt der Franz, der auf mich gewartet hatte, ins Freie: „I muass dir wos zeign!“ Er nimmt seine Schneeschaufel und schippt ein riesiges „W“ in seine Einfahrt. „Scho g’segn? Des is außerkumma! Do hätten’s glei mi frogn können.“ Dann legt er mit vollendeter Technik den Gehsteig frei.

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