Sommer am See

Auf den Vorplatz des Wirtshauses im Salzkammergut brennt die Sonne mit einer Unerbittlichkeit, dass man alleine vom Hinsehen dehydrieren möchte. Kein einziger Baum schützt den betonierten „Gastgarten“ vor der brütenden Hitze. Die Wirtsleute haben stattdessen ein Dach aus Sonnenschirmen mit gelb-weißen Stoffbahnen installiert, das Gästen Schutz vor Verbrennungen und Hitzschlägen bieten soll. Den Parkplatz dahinter dominieren Auto- und Motorradkennzeichen aus Wels und Umgebung.

Unter dem Stoffdach herrscht ein eigenes Klima: Das Sonnenlicht blendet in einem kräftigen Orange durch die Stoffbahnen hindurch, während die Luft stillsteht als hätte jemand die Zeit angehalten. Von bestimmten Plätzen der Terrasse genießt man einen wunderbaren Blick auf das türkise Wasser des Sees, von anderen wiederum muss man sich mit der rückwärtigen Ansicht des Hotels Agnes begnügen.

Die Leute unter dem Dach sind schweißverklebt und leiden Hitze, schrecken aber vor dem Genuss deftiger Speisen keineswegs zurück. Ein älterer Mann in kurzen Hosen und mit beigem durchfeuchteten Hemd lässt sich entkräftet am Nebentisch nieder. Eine Tragetasche, auf der „I love Welser Volksfest steht“, legt er behutsam neben sich ab. Als die Kellnerin kommt, um seine Bestellung entgegenzunehmen, sagt er mit dünner Stimme: „Ein halbes Kilogramm Bier bitte.“ Zwei Minuten später nimmt er das Getränk in Empfang, setzt es routiniert an und trinkt es in einem Zug aus. Dann stellt er das leere Gebinde zurück auf den Tisch, und man kann beobachten, wie die Lebensgeister des Mannes sukzessive zurückkehren. „Einmal Cordon bleu und noch ein halbes Kilo“, ordert er gestärkt weiter und seine elfenbeinfarbenen Unterschenkel gleißen strahlend in der Mittagssonne.

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