Kater mit Kindern

Frühstückssituation – Nr. 1 und Nr. 2 hocken munter vor ihren Tellerchen und sind bester Laune. Als P. verspätet, weil verkatert zu ihnen stößt, geht es in der Küche hoch her: Geschirr scheppert, Getränke werden verschüttet, Kleinkindgesichter voller Nutella schneiden Grimassen. Über dem Szenario thront Frau Nr. 1, die aufgrund von P.’s eingeschränkter Handlungsfähigkeit mäßig begeistert ist.

Nr. 1 (brüllt kapriziert): Vorsicht, ich niese gleich!

Nr. 2: WAAAH!

P. schlurft in die Küche. Kaum hörbar: Morgen.

Frau Nr. 1 (spitz): Sieh an, euer Vater gibt sich auch die Ehre! Guten Morgen.

Nr. 1 niest, ohne die Hand vorzuhalten, sodass sich ein Sprühregen halbflüssiger Essensreste auf dem Frühstückstisch verteilt.

Nr. 1: HA-TSCHI!

Nr. 2, die sich vor Lachen schüttelt, schaut absichtlich ins Licht der Küchenlampe, um ebenfalls ein Niesen aus sich herauskitzeln.

Frau Nr. 1: Genug jetzt! Das ist ja eklig! Wir halten uns beim Niesen die Hand vor, das solltet ihr mittlerweile wissen.

Nr. 1: Ok.

Mit dem Ärmel ihres Pyjamas versucht sie, die ausgeniesten Partikel aufzuwischen, verteilt sie jedoch großflächig.

Frau Nr. 1 (zu P.): Wann sind wir denn gestern nach Hause gekommen?

Britisch Kurzhaar Kater Marley

Kater mit Kindern

P. (grünlich): Wer ist „wir“?

Frau Nr. 1: Na du!

P.: So um halb zwölf…

Frau Nr. 1 (bestimmt): Nein. Da war ich noch wach.

P.: Dann war es höchstens zehn Minuten später.

Frau Nr. 1: Zehn Minuten später also.

P. (in seine Tasse mit Kaffee starrend): Ja.

Frau Nr. 1: Aha. Und? War es lustig?

P.: Sehr.

Frau Nr. 1 (die Schlinge fester zuziehend): Hat sich also ausgezahlt?

P. (schwach): Schon.

Frau Nr. 1: Na ja, ich geh ins Bad. Du passt bitte auf die beiden auf und schickst sie mir dann rüber.

P.: Gut.

Frau Nr. 1 erhebt sich vom Tisch und gleitet eisig wie eine polare Kaltluftströmung ins Bad.

Nr. 1: P., warum bist du denn so grün im Gesicht?

P.: Weil ich ein bisschen Kopfweh habe.

Nr. 2 spielt mit einer kleinen Gummifigur (ein sogenannter „Minion“), in die ein noch kleineres Taschenlämpchen integriert ist, mit dem sie P. exakt in die Augen leuchtet.

P. (geblendet): Nr. 2, hör sofort auf damit!

Nr. 1: Und wieso hast du ein bisschen Kopfweh?

P.: Weil das Wetter heute ungünstig ist.

Nr. 1: Aber wieso bekommt man Kopfweh, wenn das Wetter ungünstig ist?

Nr. 2 schießt den Gummi-Minion P. ins Gesicht, von wo er abprallt und genau in der Kaffeetasse landet.

Nr. 2 (verblüfft): Oh! Begeistert: PLATSCH!

P. (verliert die Fassung): Nr. 2, du gehst jetzt sofort zu deiner Mutter ins Bad – SO-FORT, WEIL SONST IST DEINE SCHWESTER BALD EIN EINZELKIND!

Frau Nr. 1 (mit viel Hall aus dem Badezimmer): Reg’ dich doch nicht immer so auf, sie hat das nicht mit Absicht getan! Freundlich: Komm zu mir, Nr. 2.

Nr. 2 rutscht von ihrem Stuhl und läuft bereitwillig ins Bad.

P. (in Richtung Badezimmer): Ist ja auch nicht dein Kaffee, in dem ein blinkender Minion herumschwimmt!

Frau Nr. 1: Geh nicht so lange aus, dann hast du in der Früh bessere Nerven!

P.: Ich war spätestens um zehn Minuten nach halb zwölf zu Hause. Das ist nicht spät!

Frau Nr. 1: Papperlapp!

Nr. 1: Wieso bekommt man denn jetzt Kopfweh, wenn das Wetter ungünstig ist?

P. (entnervt): Weil… damit du etwas zu fragen hast!

Nr. 1 (geschickt das Thema wechselnd): Du, P.?

P.: Was ist denn?

Nr. 1: Ich hatte heute einen Albtraum.

P. (mild): Oje, was hat dir denn geträumt?

Nr. 1: Da war ein brauner Riese vor dem Zelt von „Yakari“ (eine Kinderserie), und der Jonas war auch da, und der Riese hat gebrüllt, und der Jonas ist aber dann in den Kindergarten gefahren.

P.: Zum Glück nur ein Traum! Du musst keine Angst haben. Nimmt sie in den Arm. Musst du nicht.

Nr. 1 (unvermittelt): Gell, der Opa ist Stur?

P.: Was?!

Nr. 1: Na im Sternzeichen – Stur!

P. (muss lachen): Der Opa ist STIER!

Nr. 1: Aha, Stier. Und die Omi ist Vase.

P.: WA-AGE. Die Omi ist Waage.

Nr. 1: Genau.

P.: Und du?

Nr. 1 (stolz): Ich bin Steinbock.

P.: Genau.

Frau Nr. 1: Nr. 1, komm‘ ins Bad! Zähneputzen, Anziehen!

P.: Also dann, hüpf’ mal schön hinüber!

Nr. 1 springt ausgelassen davon, während im Gegenzug Nr. 2 gewaschen, gekämmt und vollständig angezogen aus dem Badezimmer zurückkehrt und zur Versöhnung wegen der „Minion-Aktion“ den Kopf an P.’s Schulter lehnt.

P. (entwaffnet): Ist ja gut, Nr. 2. Alles wieder gut.

Nr. 2 lächelt, hebt den Kopf und sieht ins Licht. Dann niest sie inbrünstig und zielgenau einen körpereigenen Sprühregen über das Frühstück von P.

Nr. 2 (zeigt auf das Arrangement): Nie-fen!  

P. (grün): …

Kindergarten-Burnout

In der Küche. Nr. 1 sitzt mit hängenden Schultern und hängendem Kopf beim Frühstückstisch, wobei ihr Gesicht aufgrund des eigenen Haarvorhangs nicht zu sehen ist. Allein die Nasenspitze, die beinahe das vor ihr auf dem Teller liegende Nutellabrot berührt, ist gerade noch erkennbar. Ihre Stimmung ist im Keller und kontrastiert den fröhlichen Bärchenpyjama, der nicht so recht ins Bild passen will.

 

P (die Küche betretend und bester Laune): Guten Mor-gen allerseits!

Frau Nr. 1: Guten Morgen P!

Nr. 2: A-lo P!

Nr. 1 (grummelt): Mmpf.Pyjama mit Eisbären

P: Was ist denn los, Nr. 1?

Frau Nr. 1 (die Augen rollend): Sie hat „Schmerzen“.

P: Schmerzen?! Ja welche Schmerzen denn?

Nr. 1 blickt verzweifelt auf und bringt – scheinbar mit letzter Kraft – hervor: Hier. Hängenden Arms nach unten zeigend. Am Bein.

P: Am Bein?

Nr. 1: Ja, ich habe fürchterliche Beinschmerzen.

P: Hm, mit Beinschmerzen ist nicht zu spaßen. Lass doch mal sehen.

Sie rollt nicht ohne Theatralik das rechte Hosenbein des Bärchenpyjamas hoch, zeigt auf ihr Schienbein und haucht: Hier.

P begutachtet mit sorgenvoller Miene den vollkommen unversehrten kleinen Unterschenkel und diagnostiziert: Wahrscheinlich das Wachstum. Weißt du, wenn man so wie du schnell wächst, dann kann es sein, dass einem die Knochen wehtun.

Frau Nr. 1 (relativierend): Mir hat sie vorhin ihr Knie als Schmerzquelle präsentiert.

P (unbeirrt): Beinschmerzen können natürlich ausstrahlen.

Frau Nr. 1: Ausstrahlen! Womöglich bis hinters Ohr? Denn dort tut es angeblich auch fürchterlich weh.

P (zu Nr. 1): Hinter dem Ohr tut’s also auch weh?

Nr. 1 (noch verzweifelter als vorhin): Ja. Es brennt. Wie Feuer.

P: Wie Feuer, hm.

Nr. 1 (wieder in sich zusammensackend und mit weinerlicher Stimme): Ja.

P: Was machen wir denn da? Vielleicht einen Besuch beim Arzt?

Nr. 1 (überraschend geistesgegenwärtig): Nein, nein! Weißt du, ich glaube, ich brauche nur ein bisschen Ruhe. Vielleicht gehe ich heute einfach nicht in den Kindergarten.

P: Oho, dort liegt der Hase also im Pfeffer!

Frau Nr. 1 (erneut die Augen rollend): Na wo denn sonst? Iss’ jetzt endlich dein Nutellabrot, Nr. 1!

Nr. 1: Ich esse ja!

Frau Nr. 1: Essen ist essen und nicht reden!Ein Glas Nutella

Nr. 2 (mit vollem Mund): EF-FEN!

P: Wieso willst du denn nicht in den Kindergarten gehen?

Nr. 1: Na wegen der Schmerzen!

Frau Nr. 1: Na weil heute Freitag ist und sie einfach keine Lust hat!

P: Wenn man so große Schmerzen hat wie du, Nr. 1, dann braucht man tatsächlich Ruhe. Dann kann man zum Beispiel auch nicht fernsehen.

Nr. 1 (entsetzt): Doch, kann man schon!

P (lügt): Nein, eben nicht. Das ist ja das Dumme, wenn man Schmerzen, insbesondere Beinschmerzen hat, dann werden die durch Fernsehen nur noch schlimmer.

Frau Nr. 1: Jetzt ist es aber genug! Nr. 1, ab ins Bad und dann in den Kindergarten. P., du kannst in der Zwischenzeit die Küche aufräumen, damit hier zur Abwechslung auch einmal etwas Sinnvolles geschieht.

P: Also das ist doch…

Nr. 1 (heult): Das ist unfair!

P: Genau!

Frau Nr. 1 (unerbittlich): Ab ins Bad.

Nr. 1 (heult auf): Aber ich habe mein Nutellabrot noch nicht aufgegessen!

Frau Nr. 1: Dann hast du auch keinen Hunger. AB INS BAD!

Nr. 1 sieht mürrisch ein, dass sie den Kürzeren gezogen hat. Sie klettert unter schier unerträglichen Schmerzen von ihrem Stuhl und schleppt sich wie ein Schlaganfall-Patient ins Badezimmer. Das rechte Bein hält sie abgespreizt als würde es gar nicht zu ihr gehören.

Nr. 1 (zu sich selbst): Wenn ich groß bin, dann gehe ich nicht mehr in den Kindergarten. Dann bleibe ich alleine daheim und esse so viele Nutellabrote wie ich will!

P (den Geschirrspüler einräumend): Genau!

Im Salon der wilden Frisösen

Die Töchter Nr. 1 und Nr. 2 wühlen wie besessen in den Haaren von P., der auf einem imaginierten Frisörstuhl im Wohnzimmer Platz genommen und seine Frisur wacker zur Bearbeitung freigegeben hat.

Nr. 2 (mit einem Holzklötzchen in kurzen Intervallen auf P‘s Kopf klopfend): PATSCH, PATSCH!

P.: AU! Was ist das denn für eine Form der Behandlung?

Nr. 1 (im Duktus der Zeremonienmeisterin): So werden die Haare gereinigt. Mit erhobenem Zeigefinger: Das ist seehr wichtig!

P.: Aha, na dann.

Luftballons

Ballons Zum Haare Färben

Nr.: 2: PATSCH! Foh. (Sie kann nicht „s“ sagen.)

P.: AUA…!

Nr. 2: Fer-tig! 

Sie legt das Holzklötzchen beiseite und danach ihren Kopf tröstend in den Schoß von P.

P. (erleichtert): Sehr schön! Gibt es in diesem Salon vielleicht auch Kaffee?

Nr. 1: Natürlich. Barsch: Nr. 2, Kaffee bitte!

Nr. 2 springt begeistert davon und kommt mit einer Tasse „Luftkaffee“ zurück, aus der zu Dekorationszwecken eine Filzkarotte herausragt.

Nr. 2 (freundlich bestimmt): T®inken!

P.: Oh, vielen Dank!

P. setzt die Miniaturtasse an die Lippen und führt eine symbolische Trinkbewegung aus, zu der Nr. 2 selig Beifall klatscht.

Nr. 1: So, nun aber los. Ich schneide jetzt.

P.: (mit gespielter Angst): Aber bloß nicht die Ohren!

Nr. 1 (kühl): Natürlich nicht. Nachdem sie mit den Zeigefingern ein paar Schneidbewegungen vollzogen hat: Jetzt kommt etwas Spray.

P.: Ach, jetzt schon?

Nr. 1: Ja, natürlich. Ich liebe Spray!

Sie gibt „ff-fff “-Laute von sich und nebelt den Salon gehörig mit Fantasie-Haarspray aus einem übergroßen hellblauen Lego-Baustein ein.

Nr. 1 (ernst): Jetzt kommt das Grau dazu. Dafür reibt sie einen schrumpeligen weißen Luftballon in raschen Bewegungen an P’s Haaren. Dann greift sie zu einem weiteren Ballon:

Und noch etwas Grün und Rot.

P. (besorgt): Sieht das auch schön aus?

Nr. 1 (einfühlsam): Das ist doch nur ein Spiel! Natürlich haben deine Haare noch immer dieselbe Farbe wie heute. Nach einer kurzen Pause, indem sie einen gelben Luftballon ergreift und damit deckend P’s Kopf einreibt: Jetzt kommt Gelb!

Als Nr. 1 unvermutet von der Arbeit ablässt, übernimmt Nr. 2 das Ruder. Die Gangart wird sogleich ruppiger, da die jüngere Fachkraft auch das Gesicht des Kunden umfassend behandelt – mit einem Zauberstab und einem kleinen Feuerwehrauto. Derweilen sinniert Nr. 1.

Nr. 1: Wenn man noch nicht auf der Welt ist, hat man auch keine Zahl. Zu Nr. 2: Etwas mehr Spray!

Frisöschere

Im Salon nicht erhältlich: die klassische Frisörschere

Nr. 2 macht „fffffffff“ und schwingt den Legostein.

P.: Keinen Zahn?

Nr. 1: Nei-in! Keine Zahl, kein Alter natürlich.

P.: Ach so! Wenn man noch nicht auf der Welt ist, dann hat man noch kein Alter, das stimmt. Aber Zähne hat man auch nicht.

Nr. 1: Das stimmt nicht, die Zähne sind ja schon vorbereitet! Nur sehen tut man sie halt noch nicht.

P.: Ist das so?

Nr. 1: Natürlich. Wie ich noch nicht auf der Welt war, hab’ ich auch schon vorbereitete Zähne gehabt.

P.: Und das weißt du noch so genau?

Nr. 1: Ja. Und auch, dass ich wild herumgeboxt habe im Bauch und dass das Licht rot war…

Indes haut Nr. 2 P mit dem Zauberstab auf die neue Frisur.

Nr. 2: PATSCH!

P: AUA! Hörst du auf, mich mit dem Zauberstab zu schlagen?

Nr. 1: Aber P., das ist doch nur ein Spiel!

P.: Aber für ein Spiel tut’s ganz schön weh.

Nr. 1: Aber Nr. 2 meint es nicht so, gell Nr. 2?

Nr. 2 (kreischend): NEI-IIN! Populon, Populon!

P: Populon?

Nr. 1 (übersetzt): Sie meint, dass sie noch einen (skandiert) Luft-bal-lon braucht – für die Haarfarbe.

Nr. 1 reicht Nr. 2 einen lila Luftballon, der augenblicklich in die Haare eingerieben wird. Die Behandlung nähert sich offenbar ihrem Höhepunkt, da nunmehr beide Damen am Skalp von P. herumzwicken, -schneiden und -reißen.

Haarbüschel Elvis Presley

Wo gehobelt wird…

Nr. 1: Jetzt noch ein bisschen Spray, und dann bist du fertig P.

Nr. 2: FER-TIG!

P. (derangiert): Wunderbar! Zu sich: Den Eindruck habe ich auch.

Nr. 1 (ihre Hände zu einem kleinen Hohspiegel formend): Noch schnell ein Blick in den Spiegel?

P.: Ist sehr schön geworden – und so bunt! Wie viel muss ich denn bezahlen?

Nr. 1: Gar nichts! Wir geben dir ein bisschen Geld, damit du shoppen gehen kannst hier bei uns im Einkaufszentrum.

P.: Oho, das ist aber ein interessantes Geschäftsmodell! Und was habt ihr davon?

Nr.1: Aber das ist doch nur ein Spiel, P.! Wir bekommen, was wir brauchen, ohnehin von der Mutti oder, wenn sie nein sagt, vom Christkind. Auf Wiedersehen!

Nr. 2: TSCHÜ-ÜFF!

P.: Na dann, Fröhliche Weihnachten!

Frau Nr. 1 (den Frisiersalon betretend): …?

Leben mit Frauen

Personen: Frau Nr. 1, Tochter Nr. 1, Tochter Nr. 2, Mann von heute („P“)

Schauplatz ist die Küche eines 4-Personen-Haushalts, in der Frau Nr.1 und P gerade die Menüfolge für das anstehende Mittagessen besprechen.

Frau Nr. 1: P, besorge heute fürs Mittagessen bitte Fisch vom Wochenmarkt.

P: Gern. Forelle, Karpfen, Zander, Saibling oder Wels?

Frau Nr. 1: Fisch halt. Der ist gesund und macht nicht dick. Und nimm’ Nr. 1 und Nr. 2 zum Einkaufen mit!

P: Ok, wird gemacht. Zu den Kindern: Nr. 1, Nr. 2, Schuhe anziehen, wir fahren zum Markt!

Nr. 1, Nr. 2 kreischen begeistert auf und poltern wie verrückt in den Vorraum, wo sie ihre Schuhe anziehen, wobei Nr. 2 den linken Schuh auf den rechten Fuß und folgerichtig den rechten Schuh auf den linken Fuß pfropft. 

Auf dem Wochenmarkt – der Fischhändler keschert einen Fisch aus seiner gläsernen Zelle und bereitet ihn mit einem routinierten Handgriff auf seine Bestimmung vor.

Nr. 1: Papa?zwei frische forellen

P: Ja?

Nr. 1: Warum schlägt der Mann dem Fisch auf den Kopf?

P (überlegt kurz): Damit man ihn leichter nach Hause tragen kann. Da zappelt er nicht so, weißt du?

Nr. 1: Ach so.

Nr. 2 (aufgeregt): Fisch kabud, Fisch kabud – ka-bud!

P (zu Nr. 2): Aber nein, er schläft nur ein bisschen (Schnarchgeräusche imitierend) Chrr-chrrrr!

Nr. 2 lässt sich ablenken und schnarcht belustigt mit. Der Fischverkäufer übergibt dem Mann den Fisch in einem knisternden weißen Nylonsack, nimmt dankend sein Geld entgegen und nickt den Kindern zum Abschied ernst zu.  

Zurück in der Küche des 4-Personen-Haushalts, wo die Zubereitung des „schlafenden“ Fischs beginnt. 

Nr. 1: Wie geht’s dem Fisch jetzt?

P: Den Umständen entsprechend.

Nr. 1: Lebt er noch?

P: Ja, im Forellenhimmel.

Nr. 1: Und wo ist der Forellenhimmel?

P: Ganz in der Nähe vom Menschenhimmel.

Nr. 1 (unerbittlich): Und wo ist der Menschenhimmel?

P: Ganz weit weg.

Nr. 1: So weit wie Tirol?

P (das lange „i“ überbetonend): Noch viel weiter!

Nr. 1: Ok.

Sie schaut auf Zehenspitzen über den Rand des Küchenblocks und inspiziert die Vorgänge auf dem Schneidebrett.

Nr. 1: Und wieso hast du ihm den Kopf abgeschnitten, dem Fisch?

P: Damit er besser in die Pfanne passt.

Nr. 1: Wie ist denn der Fisch aus dem Wasser hierhergekommen?

P: Ein Fischer hat ihn gefangen – mit einer Angel.

Nr. 1: Ich fange auch einmal Fische – (gerät ins Schwärmen) mit Elsa-Stiefeln und einer ro-sa Angel!

P (amüsiert): Darauf freue ich mich jetzt schon.

Die Szene beginnt sich zuzuspitzen, als Frau Nr. 1 die Küche betritt.

Frau Nr. 1 (nach einem schnellen Blick in die Pfanne): Groß ist der aber nicht.

P: Du hast gesagt: „Besorg’ einen Fisch“, und ich habe Fisch besorgt.

Frau Nr. 1: Ich habe gemeint, „Besorge Fisch für uns alle und nicht für dich allein!“

P: Dieser Fisch plus Kartoffeln reicht locker für zwei Erwachsene. Die Kinder essen ihn ohnehin nicht! Allein schon wegen der Gräten.

Er lässt den kopflosen Fisch in ein Butterschwitzchen gleiten. Nr. 2 schiebt einen Tripp-Trapp-Stuhl an den Küchenblock und klettert in Windeseile zum Schauplatz des Bratvorgangs hoch. 

Nr. 2 (lauthals): Fisch ka-bud! Es-sen! Sie macht Beiß- und Kaugesten. Hmm, gut!

Frau Nr. 1 (nicht ohne Spott): Die essen ihn ohnehin nicht, wie? Von diesem Fischlein wird, so viel steht fest, nicht einmal Nr. 2 satt…

P (ruhig, aber angespannt): Wisst ihr was? Mir reicht’s: Ich fahr jetzt zum Chinesen und hole Ente süß-sauer, Acht Schätze und superfette Frühlingsrollen. Damit ja alle satt werden!

Nr. 1: Hurra, zum Chinesen! Ich komm’ mit!ente suess sauer

Nr. 2:  Schuh’ anziehen, Autofahren!

Nr. 1 und Nr. 2 stürzen voraus ins Auto.

Frau Nr. 1: Wie du dich immer gleich aufregst. Bleib’ doch einmal ruhig, das ist gesünder. So ein Sensibelchen!

P: Ich hab’ mich doch nicht im Geringsten aufgeregt.

Frau Nr. 1: Doch hast du!

P: Aber ich…

Frau Nr. 1: Aber ich was?

P:

Er steigt wortlos ins Auto, wo Nr. 1 und Nr. 2 schon ungeduldig warten. Dann fährt er zum Chinesen, der heute Ruhetag hat, aber davon weiß er noch nichts.

Pizzafahrt

Nr. 2 sitzt friedlich am Boden und ist in die Lektüre eines Buchs mit Tieren vertieft. Auf jeder Seite wird ein neues Tier vorgestellt. Der seitliche Rand des Bildbands ist wie ein Registerheft aufgebaut, nur dass statt Buchstaben akustische Schaltflächen angebracht sind, die auf Knopfdruck über einen kleinen Lautsprecher den Ruf des jeweils präsentierten Tieres wiedergeben. Nr. 2 scheint das Gebrüll und Gejaule und Gefiepse ungemein zu beruhigen. Sie sagt überhaupt nichts und lächelt selig.  

Nr. 1 ist langweilig. Sie jammert herum und stellt unbeantwortbare Fragen.  

Pizza mit Smiley

P: He, Nr. 1?

Nr. 1 (langgezogen): Hm?

P: Kommst du mit?

Nr. 1: Wohin denn?

P: Pizza holen!

Nr. 1 (interessiert): Mit dem Auto?

P: Ja klar, mit dem Auto.

Nr.1: Oh ja, Pizza holen, Pizza holen, Pizza holen!

 

Sie springt freudig zu einem Paar „Elsa-Ballerinas“, das sie im Nu anhat, während Nr. 2 seit Minuten einen Pottwal aufröhren lässt. Augenblicke später verschwindet Nr. 1 in ihrem Schalensitz auf der Rückbank des Familienwagens.

 

Nr. 1 (als sich das Auto in Bewegung setzt): Wo fahren wir denn hin?

P: Na in die Stadt.

Nr. 1: Ach so! (Unvermittelt) Wo ist denn die Omi?

P: Daheim wahrscheinlich.

Nr. 1: Wieso ist die immer daheim?

P: Na weil sie dort gerne ist!

Nr. 1: Ich bin auch gerne daheim und bin nicht immer dort.

 

P fängt an, die Unterhaltung anstrengend zu finden. Er versucht das Thema zu wechseln.

 

P: Bist du schon hungrig?

Nr. 1: Nein. Wo ist der Opa?

P: Zum 100. Mal: Der Opa ist auf Kur.

Nr. 1: Und wo ist er da?

P: Im Burgenland!

Nr. 1: Und ist der Opa ein bisschen tot?

P (fassungslos): WAS?! Um Himmels willen nein, natürlich nicht!

Nr. 1 (unbekümmert): Tun sie ihn nur ein bisschen reparieren?

P: Sozusagen – ja genau, sie reparieren ihn. (Bei sich) Du meine Güte noch einmal!

Nr. 1: Welche Pizza hab’ ich denn?

P: Du bekommst die mit Schinken und Käse, die du selbst ausgesucht hast.

Nr. 1: Ich mag aber keinen Käse.

P (triumphierend): Dafür ist zur Sicherheit ja auch noch Schinken drauf.

Nr. 1: Ich mag aber keinen Schinken.

P (reicht es): Dann isst du halt – ach, was weiß denn ich, den Teig! Aber irgendetwas isst du, so viel steht fest.

Nr. 1:  Ein Erdbeereis vielleicht.

P: Sicher kein Erdbeereis und schon gar keine Schokolade!

 

P schaut in den Rückspiegel und sieht, wie Nr. 1 im Bildausschnitt hingebungsvoll schmollt.

 

Nr. 1 (nach nicht einmal einer Minute): Aber dann vielleicht das Runde.

P: Welches Runde denn?

Nr. 1: Na das Gelbe, das so knuspert…

P (fällt es wie Schuppen von den Augen): Chips?! Das wär’ ja noch schöner! Chips sind kein Essen, merk’ dir das.

Nr. 1: Aber gestern hab’ ich auch Chips gegessen.

P: Gestern war eine Ausnahme!

Nr. 1: Was ist eine Ausnahme?

 

P beißt sich auf die Lippen und verstärkt den Druck auf das Lenkrad. Zum Glück findet er eine Parklücke unmittelbar vor dem Pizzalokal, in die er den Wagen schwungvoll hineinzirkelt.

 

P (erfreut): Glück muss man haben!

Nr. 1: Wenn ich groß bin, kann ich auch in einen Parkplatz fahren.

P: Natürlich kannst du das.

Nr. 1 (mit erhobenem Zeigefinger): Aber erst wenn ich groß bin!

 

Das italienische Restaurant ist gut besucht. Zwischen den Tischen schwirrt eine ganze Schar an austro-italienischem Servicepersonal in weißen Hemden und dunklen Hosen umher.

 

Kellner (radebrechend zu Nr. 1): Ciao bellissima! ´asta du eine Pizza bestellt? Is’a lecker, ä?

Nr. 1 (empört): Nein, drei (hebt drei Fingerchen in Richtung Kellner) haben wir bestellt, nicht eine!

Kellner (amüsiert): Oh! Allora 3 pizze per la piccola principessa. Subito!

Nr. 1: Wieso redet der Mann so? Ist der aus Lignano?

P: Möglich, aber auf jeden Fall ist er aus Italien.

Nr. 1: Ist Italien auch in Lignano?

P (lacht): Schon, aber eigentlich ist Lignano in Italien.

Nr. 1: Ok.

 

Der Kellner kommt und übergibt drei Pappkartons, in denen die fertigen Pizzas dampfen. P bezahlt.

 

Kellner: Grazie, signore e ciao bellissima (wirft eine Kusshand)!

Nr. 1 (kühl): „Bonn Schorno!“

 

Der Kellner gerät beinahe außer sich vor Freude und wirft zum Abschied weitere Kusshände.

 

Nr. 1: Fahren wir jetzt wieder zur Mutti?

P: Jetzt fahren wir wieder zur Mutti und zu Nr. 2.

Nr. 1 (unvermittelt): Nr. 2 stinkt, weil sie noch eine Windel hat.

P:  Aber, aber, meine Dame, du hast auch lange Zeit eine Windel getragen! Die hat ebenfalls nicht nach Parfum gerochen.

Nr. 1: Aber jetzt nicht mehr.

P: Nein, jetzt nicht mehr.

Nr. 1: Ich mag jetzt keine Pizza mehr holen, ich mag nach Hause.

P: Wir fahren ja schon nach Hause, gleich sind wir daheim! Und dann essen wir unsere leckeren Pizzas.

Nr. 1 (fängt an zu heulen): Ich mag aber keine Pizza, ich mag Erdbeereis!

 

P lässt im Geiste die nicht vorhandene Trennwand zwischen Lenker und hinterem Fahrgastraum hochfahren und biegt in die Einfahrt ein. Aus dem Hausinneren grölt der Pottwal, dessen nervenzerfetzender Gesang Nr. 2 besonders zu entzücken scheint.

Im Pool

 

Schauplatz ist ein in der Sommersonne blinkernder Swimmingpool. Nr. 1 strampelt mit einer rosa Luftmatratze im rosa Bikinihöschen die Länge des Pools auf und ab. Als Auftriebskörper trägt sie stolz violette „Elsa-Schwimmflügel“ zur Schau, auf denen die Helden des Animationsfilms „Frozen“ abgebildet sind. Nr. 2 sitzt indes auf einer Stufe im Uferbereich und greint.

Swimmpool von oben, Beckenrand mit Tiefenanzeige

 


Nr. 1 (pikiert): Ni-icht!

P: Was denn?

Nr. 1: Keine Wellen machen.

P:  Wenn man im Wasser ist, entstehen Wellen.

Nr. 1: Aber nicht so hohe. (Weint plötzlich). Da werden meine Haare ganz nass!

P: Wenn man im Wasser ist, dann werden die Haare nass. Und wenn du weinst, dann gehen wir gleich wieder raus.

Nr. 1 (leidenschaftlich losheulend): Neiiiiiiiiiin!

Frau Nr. 1 (längs am Beckenrand liegend mit einem Sonnenhut über dem Gesicht und einem Bein im Wasser): Sagenhaft, dein Feingefühl.

P: Ach was!

       Er wendet sich Nr. 2 am anderen Ende des Pools zu, die freudig winkt.

Nr. 2: Komm! Da!

P: Bin schon da.

P streckt ihr die Arme entgegen, um das schwimmflügelige Wesen ins Wasser zu locken.

P: Komm zu mir, na komm! Komm, trau dich! Komm doch zu mir rein ein bisschen! Was ist jetzt? Kommst du? Kommst du nicht?

Nr. 2 (plärrt): Neiiiiiiiin! Mag i net! Weg! Maaaaaa-maaaaaa!

Sie klettert aus dem Becken und läuft am Rand entlang. 

P: Dann eben nicht. He, Nr. 1, ich tauche jetzt unter deiner Matratze hindurch. Na?

Nr. 1 (ängstlich): Das möchte ich nicht, weil da…

P taucht unter der Matratze hindurch und auf der anderen Seite nach dem Vorbild des Wals eine Wasserfontäne ausstoßend wieder auf.

Nr. 1 (kichernd): Hi-hi, lustig! Noch einmal!

Der Tauchvorgang wiederholt sich mehrere Male, bis P die Puste ausgeht. Er wirft sich zu Nr. 1 auf die rosa Luftmatratze.

Nr. 1: Nicht auf die Matratze! Da kann ich nicht mehr schwimmen.

P: Da muss man eben gemeinsam schwimmen.

Nr. 1: Ich will aber alleine.

P beginnt zu strampeln, sodass der Auftriebskörper mit Nr.1 am äußeren Ende eine langsame Kreisbewegung ausführt.

Nr. 1 (protestiert): Heeee, aufhören! Da war ich ja schon!

P (minimal beleidigt): Dann schwimm doch alleine, Frau Kapitän!

Nr 1: (begeistert): Jaaaaaa! Los geht’s. Sie strampelt los, während ihr rosa Nachen Fahrt in Richtung Nordufer aufnimmt.

Frau Nr. 1 (in derselben Position am Beckenrand): Du kommst richtig gut an.

P: Ich beschäftige mich mit unseren Kindern.

Frau Nr. 1: M-hm.

Er wendet sich erneut der winkenden Nr. 2 zu und streckt die Arme in Richtung des kleinen Körpers.

P: Komm, Nr. 2! Komm du zu mir! Komm jetzt! Trau dich! Trau dich schon! Jetzt trau dich!

Nr. 2 nimmt ihren gesamten Mut zusammen, wirft sich mit weit aufgerissenen Augen in die Arme von P und klammert sich an ihm fest.

P: Na bitte, geht doch! So ist es gut, siehst du? Da braucht man keine Angst zu haben, gell? Bra-av. Zu Frau Nr. 1: Siehst du?!

Frau Nr. 1 (von unter dem Hut): Ich seh’s.

Plötzlich wird es warm um P’s Brust. Er schreit auf.

P: AHHH, PFUI TEUFEL, NR. 2! JA IST DENN DAS DIE MÖGLICHKEIT?

Frau Nr. 1 (setzt sich auf und lacht): Ja, ich seh’s.