Der Herr Pfaffenböck

Der verdiente Außendienstmitarbeiter Kurt Pfaffenböck – seine Firma produziert und verkauft Rollläden im großen Stil – kommt zu uns, um Maß für ein Sonnenschutzprodukt zu nehmen. Er genehmigt sich offensichtlich gern ein Gläschen, der Herr Pfaffenböck: Seine Augen sind etwas wässrig und gleiten sanft unter dem weißen Haar hin und her. Auf den Pfaffenböckschen Wangen verästeln sich purpurrote Äderchen ins Unendliche, und im Umkreis seines Kopfes riecht es stets ein wenig alkoholisch.

Als er auf der Stiege sitzt, um sich die Schuhe auszuziehen, bemerke ich, dass er am rechten Bein vom Knie abwärts eine Prothese hat. Er wiederum bemerkt sofort meinen Blick und beginnt knochentrocken: „A Unfoi. Is scho laung her. Eigentlich a Vorteil: Auf dem Fuaß brauch i ma nie wieder Zechanögöln schneiden.“

Mir fehlen kurz die Worte, dann kommt mir Thomas Bernhard in den Sinn: „Durch dieselbe Brille, mit der ich Kant lese, sehe ich jetzt meine Zehennägel.“ Wobei man im Fall von Herrn Pfaffenböck davon ausgehen muss, dass der im Segment Sonnenschutz völlig überschätzte Kant nicht unbedingt die bevorzugte Lektüre des Außendienstmannes ist. Jedenfalls steht er schwankend auf, der Herr Pfaffenböck, zückt sein Rollmeter und beginnt routiniert und mit zischendem Arbeitsgerät die Fensterrahmen zu vermessen. Zwei Wochen später werden die Läden geliefert. Sie haben genau gepasst.